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Interview

Jalakh: "Christen nicht die Flucht erleichtern"

Zwei Bischöfe wurden in Syrien entführt. Über ihren Verbleib gibt es widersprüchliche Berichte. Pater Michel Jalakh warnt allerdings den Westen davor, nun speziell Christen schützen zu wollen.

Deutsche Welle: In der syrischen Provinz Aleppo sind zwei orthodoxe Bischöfe entführt worden. Ihr Fahrer, ein Diakon, wurde getötet. Welche Folgen hat die Entführung der beiden Bischöfe?

Michel Jalakh: Die Angst vor Entführungen und Verschleppung ist nicht mehr nur theoretisch. Und egal, in welchem Land des Nahen Ostens Christen etwas passiert, hat das Auswirkungen auf alle Christen in der gesamten Region.

Es sind Repräsentanten verschiedener Kirchen, und wenn solche Personen entführt werden, die für eine religiöse Gruppe stehen, dann alarmiert das die Christen. Es ist auch nicht das erste Mal, dass so etwas passiert. Im Irak haben wir solche Entführungen auch bereits gesehen. Wir wissen aber, dass die Mehrheit der Muslime so etwas nicht duldet. Das sind einzelne fanatische Gruppierungen, die so etwas machen.

Welche Rolle hatten Christen denn innerhalb der syrischen Gesellschaft, bevor die Revolution und der Krieg angefangen haben?

Die Situation für die Christen hat sich nicht von der Situation der Sunniten, Schiiten oder Alawiten unterschieden. Sie waren ein Teil der Gesellschaft, konnten ihre Religion ausüben und in die Kirche gehen. Wir können uns derzeit in der gesamten Region gar nicht vorstellen, wie das wäre, in völliger Freiheit zu leben. In Syrien herrscht Krieg und auch in den Nachbarländern ist die Situation sehr angespannt. Teilweise ist die gesamte christliche Bevölkerung einzelner Dörfer geflohen. Kirchen wurden zerstört. Aber den Christen geht es insgesamt nicht schlechter als auch vielen Muslimen. Dazu muss man leider auch sagen, dass die internationale Gemeinschaft, insbesondere der Westen, es den Christen erleichtert, nach Europa, Australien oder in die USA zu fliehen. Christen haben es vielerorts leichter, als Flüchtlinge aufgenommen zu werden als Muslime

Sie sagen leider. Finden Sie das schlecht?

Pater Michel Jalakh (Foto: Michel Jalakh/MEC)

Pater Michel Jalakh findet, die Christen sollten im Nahen Osten bleiben

Als Christ aus dem Nahen Osten kann ich das nicht gut finden. Ich weiß, dass es gut gemeint ist. Aber es gibt genügend Institutionen und Vereine, die daran arbeiten, dass die Christen im Nahen Osten und natürlich auch in Syrien bleiben. Dadurch, dass es vielen christlichen Arabern leichter gemacht wird, das Land zu verlassen, wird ihr Anteil in der gesamten Region immer kleiner. Und ich bin der Meinung, dass das ein Fehler ist. Ein Fehler für die Region, aber auch für die gesamte Welt. Das führt doch nur dazu, dass wir die Brücken zueinander abbrechen - und natürlich auch zu Sektiererei. Wir alle wollen doch daran arbeiten, dass wir uns nicht feindlich gegenüberstehen. Keiner möchte doch, dass bestimmte Gegenden oder Regionen nur noch rein muslimisch oder rein christlich geprägt sind. Wir sollten eher an einer Integration arbeiten, und uns nicht auseinander dividieren.

Wie kann der Westen denn dann den Christen helfen?

Das ist keine leichte Angelegenheit, das wissen wir. Aber der Westen sollte alles dafür tun, damit der Krieg in Syrien politisch gelöst wird. Es ist doch bekannt, dass Gewalt immer mehr Gegengewalt erzeugt. Und es sollte auch nicht so sein, dass man die Christen bevorzugt oder sie anders behandelt, denn letztendlich sind alle, egal ob Muslim oder Christ, Bürger der syrischen Republik. Wenn Christen bevorzugt werden, dann könnte es ihnen im Zweifelsfall mehr schaden als helfen. Sowohl die Vereinten Nationen als auch die EU sollte alles daran setzen, den Krieg in Syrien friedlich zu beenden. Der Krieg wird hoffentlich irgendwann vorübergehen, und dann ist es wichtig, dass die Gräben zwischen den verschiedenen Religionen nicht so groß sind, dass sie nicht mehr miteinander leben wollen.

Betrachten sich die Christen im Nahen Osten, speziell in Syrien, denn überhaupt als Minderheit, als Randgruppe?

Wir Christen betrachten uns nicht als Minderheit im Nahen Osten, auch nicht die syrischen Christen. Wir sind die Kinder dieser Gesellschaft. Wir leben hier und wir wollen hier auch bleiben. Auch die Christen in Syrien haben sich nie als Minderheit gesehen, sie haben an allen Bereichen des Lebens teilgenommen und es war nie ein Problem. Meistens kommt diese Minderheitenansicht von außen.

Als die Proteste vor gut zwei Jahren begonnen haben, sind auch Christen mit auf die Straße gegangen und haben nach Reformen verlangt. Mittlerweile herrscht ein richtiger Bürgerkrieg in Syrien. Wie hat sich denn die Situation der Christen in den letzten zwei Jahren verändert?

Sobald die Gewalt Einzug hält, ändert sich die Situation für alle. Sie hat sich auch für Sunniten, Schiiten und Alawiten verändert. Alle haben Angst und aus allen Religionsgemeinschaften sind schon Menschen aus Syrien geflohen. Was die Christen angeht, so ist die Situation vielleicht deshalb ein bisschen anders, weil fanatische Islamisten versuchen, ihnen Angst zu machen. Ihnen wird dann manchmal auch vorgeworfen, sie stünden dem Westen näher. Aber in diesem Krieg leiden wirklich alle und es geht nur noch darum, wer der Mächtigste ist.

Wie sieht denn die Zukunft der Christen in Syrien aus, wenn einmal das Regime Baschar al-Assads fällt?

Die Frage ist nicht leicht zu beantworten. Wenn es in Syrien eine Regierung geben wird, die die Religionsvielfalt respektiert, dann wird es den Christen in Syrien gut gehen. Sollte es dazu kommen, dass in Syrien eine islamistische Regierung an die Macht kommt, dann fürchte ich, werden es die Christen dort nicht leicht haben.

Pater Michel ist maronitischer Geistlicher im Libanon. Er ist außerdem der Generalsekretär des Middle East Council of Churches in Beirut.

DW.DE