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Integration

Ist Intelligenz vererbbar?

Kinder von Einwanderern schneiden in der Schule oft schlechter ab als der Rest. Die Gründe dafür sind vielfältig, einige glauben an genetische Unterschiede. Bestimmen Gene unsere Intelligenz?

Deutsch-türkische Schulklasse in Berlin

Deutsch-türkische Schulklasse in Berlin

Andere Hautfarbe - gleich andere Herkunft - gleich andere Eigenschaften. Diese Rechnung ist ein populärer Irrglaube.

Sie war schon immer zu einfach, um wahr zu sein, sagt Andreas Heinz, Leiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité Berlin. Belustigt schüttelt er den Kopf, während er von der Ärztin seiner Kinder erzählt: eine dunkelhäutige und dunkeläugige Frau mit einem wilden Sohn, der in der Schule als Problemkind galt.

"Für die meisten war sofort klar: Der Vater muss Türke oder Araber sein." Und das erkläre die Verhaltensprobleme des Kindes. "Aber der Vater ist Arzt und Schwabe", sagt Heinz.

Theorien, die etwa die Wirtschaftsleistung eines Landes mit dem Abschneiden seiner Bewohner in IQ-Tests in Verbindung bringen und dies wiederum auf gemeinsame genetische Merkmale zurückführen wollen, erleben seit einiger Zeit eine Renaissance.

Andreas Heinz, Leiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité Berlin.
Foto: Charité

Andreas Heinz von der Charité

Vor allem die Frage, ob genetische Übereinstimmungen unter Angehörigen bestimmter Volksgruppen auch einen Einfluss auf deren Intelligenz haben, beschäftigen Talkshows und Feuilletons, Wissenschaftler und Stammtische, seitdem der sozialdemokratische Berliner Politiker Thilo Sarrazin vor zwei Jahren sein umstrittenes Buch veröffentlichte.

"Deutschland schafft sich ab" heißt es, und Sarrazin prognostiziert dem Land darin eine düstere Zukunft. Der Grund seien fehlende Bildungserfolge und ein mangelndes Integrationsvermögen türkischer und muslimischer Zuwanderer.

Die tatsächlich im Schnitt schlechteren schulischen Leistungen von Kindern mit türkischem und muslimischem Migrationshintergrund führt Sarrazin darauf zurück, dass diese Kinder "die intellektuelle Ausstattung ihrer Eltern" geerbt hätten.

Gene beeinflussen die Intelligenz – Umweltfaktoren auch

Tatsächlich spielen Gene bei der Entwicklung von Intelligenz eine große Rolle, sagt der Mediziner Andreas Heinz. Eine Vielzahl von Studien belege inzwischen aber auch einen "ganz überwältigenden" Einfluss der Umwelt auf die intellektuelle Leistungsfähigkeit von einzelnen Menschen.

Wie Menschen verschiedener Herkunft und sozialer Milieus in Intelligenztests abschneiden, hängt also von ihrem gesellschaftlichen Umfeld ab, und vom Zugang zu Bildungsangeboten. So hätten Studien aus den USA gezeigt, dass in den 1970er Jahren schwarze Kinder, die in weiße Familien adoptiert wurden, im Durchschnitt deutlich besser bei IQ-Tests abschnitten, als der Durchschnitt anderer schwarzer Kinder.

Migranten und Migrantinnen bei einer Fortbildung 
(Foto: Waltraud Grubitzsch)

Die Umwelt hat einen hohen Einfluss auf die Intelligenz eines Menschen

Laut der Volkszählung Mikrozensus 2011 haben in Deutschland 62 Prozent der Personen ohne Schulabschluss einen Migrationshintergrund, aber nur rund 20 Prozent der Abiturienten. Kommentatoren suchten die Ursachen oft in ethnischen und kulturellen Besonderheiten, besonders bei Türken und Muslimen, kritisiert Bildungsforscher Coskun Canan von der Humboldt-Universität Berlin.

Berichte über Bildungserfolge von Migranten behandelten die häufig prekären Lebensverhältnisse vieler Familien, ihre schlechte finanzielle Ausstattung oder eine fehlende Kompetenz von Lehrern und Erziehern im Umgang mit Migrantenkindern dagegen meist nur als Randnotiz. Auf diese Weise entstünden Bilder von integrationsverweigernden jungen Schulversagern.

Frauen sind Motor des Bildungsaufstiegs

Betrachtet man die Menschen mit türkischem Migrationshintergrund dagegen differenzierter, so zeigt sich, dass vor allem ältere Jahrgänge keinen Schulabschluss haben. Zwar schnitten auch die jüngeren noch schlechter ab als Schüler ohne Migrationshintergrund, stehen aber im Vergleich zur Elterngeneration deutlich besser da.

Vor allem junge in Deutschland geborene Frauen gehören zu den Bildungsaufsteigern: Etwa ein Drittel von ihnen macht Abitur oder Fachabitur - Tendenz steigend. Zwar erreicht von den gleichaltrigen Frauen ohne Migrationshintergrund fast die Hälfte einen höheren Bildungsabschluss - aber da hatten die älteren Generationen ohnehin schon einen höheren Bildungsgrad.

"Einheimische Frauen mit türkischem Migrationshintergrund sind das Zugpferd für die ganze Gruppe", sagt Coskun Canan. "Wir glauben, dass sie die Männer mitnehmen werden." Männer, die im Moment beim Bildungsaufstieg eher stagnieren, müssten nämlich zu den Frauen aufschließen, wenn sie innerhalb der ethnischen Gruppe heiraten wollen.

Ein Lehrer unterrichtet an einer Hauptschule 
(Foto: Julian Stratenschulte dpa/lnw)

Wenn Lehrer geringe Erwartungen haben, liefern Schüler auch schlechte Leistungen

Selbsterfüllende Prophezeiung

Aber Vorurteile entwickeln auch ein Eigenleben, warnt Coskun Canan. Seien bestimmte Zuschreibungen, wie "Türken sind Integrationsverweigerer" erstmal in der Welt, dann führten sie oft dazu, dass sich die beschriebenen Personen nach und nach daran anpassen. Soziologen nennen diesen Effekt "stereotype threat"  - Bedrohung durch Stereotype.

Wenn zum Beispiel ein Schullehrer von einem Kind mit türkischem Migrationshintergrund gar nicht dieselben Leistungen erwartet wie von anderen Kindern, verbaut er dem Kind Entwicklungschancen. "Steht ein Kind beispielsweise in der Leistung zwischen befriedigend und gut, gibt der Lehrer dem Kind möglicherweise nur eine befriedigende Note," erklärt Canan.

Der Lehrer denkt sich möglicherweise, dass das Kind es ohnehin nicht auf die höherqualifizierende Realschule schaffen könne. Dann bekommt das Kind beim Wechsel in die Mittelstufe eine Empfehlung für die niedriger qualifizierende Hauptschule. Stereotype würden auf diese Weise von allen Beteiligten immer wieder reproduziert, und Potenziale bleiben unausgeschöpft.

Sozialer Stress verändert das Gehirn

Solche Diskriminierungserfahrungen bilden sich möglicherweise direkt im Gehirn ab und können kognitive Fähigkeiten nachhaltig beeinträchtigen, sagt Andreas Heinz. So hätten Tierversuche gezeigt, dass Ausgrenzung Stress erzeugt und Spuren im Gehirn hinterlässt.

Zwei Katzen, eine schaut bedrohlich die andere an

Mobbing unter Tieren löst die Ausschüttung von Stresshormonen aus

"Im Tiermodell können Sie das exzellent messen", sagt Heinz. Wenn ein aggressives Tier im Käfig ein Versuchstier verdrängt, schüttet das Hormonsystem unter anderem den Botenstoff Serotonin aus. Der wird mit Depressionen in Verbindung gebracht. Auch der Haushalt des Hormons Dopamin, das mit Lernen zu tun hat, wird massiv verändert. So können sich Änderungen im Gehirn ergeben und sogar an die Nachkommen weitergegeben werden.

Derzeit untersucht Heinz mit einem Forscherteam an der Charité, ob ähnliche Mechanismen auch im menschlichen Gehirn wirken. Er möchte herausfinden, ob sozialer Stress auch beim Menschen bestimmte biochemische Reaktionen auslöst.

Werden dadurch möglicherweise Gene aktiv oder auch geblockt, die für die Ausprägung von Intelligenz wichtig sind? Sorgt Ausgrenzung also letztlich dafür, dass die Betroffenen in ihrer geistigen Leistungsfähigkeit unter ihren genetisch angelegten Möglichkeiten bleiben? Wird diese Reaktion auf Stress sogar vererbt? Das hält Heinz für möglich.

Eins ist für ihn allemal schon jetzt klar: Soziale Ausgrenzung durch negative Erwartungen schadet den Menschen. Deshalb müsse alles unterstützt werden, was die Entwicklung von Intelligenz fördert - angefangen bei Sprachkompetenz bis hin zu gesunder Ernährung. "Das Schlimmste, das einem passieren kann, ist, dass man in so eine Kiste eingeordnet wird."

DW.DE

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