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Verborgener Hunger

Clara Walther3. März 2015

"Satt ist nicht genug" - dieser Slogan stammt von dem Ernährungsmediziner Hans Biesalski. Er organisiert die Konferenz "Hidden Hunger". Zwei Milliarden Menschen weltweit leiden unter Nährstoffmangel.

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Hungernde Kinder in Indien (Foto: Getty Images).
Bild: Noah Seelam/AFP/Getty Images

Wie ist das eigentlich: Wenn "zu viel" Nahrung da ist, um zu sterben - aber zu wenig, um gesund zu bleiben? Für zwei Milliarden Menschen weltweit ist das keine theoretische Frage. Es ist Alltag. Zwei Milliarden! So viele leiden laut dem Welthunger-Index 2014 unter dem verborgenem Hunger, einem Mikronährstoffmangel der zustande kommt, weil die Ernährung einseitig ist - weil eine Handvoll Reis vielleicht gerade zum Überleben reicht, aber nicht, um körperlich und geistig dauerhaft unversehrt zu bleiben.

Ein Thema mit wenig Aufmerksamkeit

Hans Biesalski ist Ernährungsmediziner an der Universität Hohenheim. Seit dreißig Jahren forscht er an Mikronährstoffen. Seit zehn Jahren beschäftigt er sich mit dem "Hidden Hunger". Ein Nischenthema, so schien es, das selbst die Welternährungsorganisation FAO lange Zeit ignorierte.

Doch langsam bewegt sich etwas: Der von der Hilfsorganisation Welthungerhilfe herausgebrachte Welthunger-Index machte den Mikronährstoffmangel letztes Jahr zum Schwerpunktthema.

In diesem März lädt Biesalski zum zweiten Mal Experten aus aller Welt zur internationalen Hidden-Hunger-Konferenz nach Deutschland ein: "Die hohe Resonanz zeigt uns, dass das Thema Hidden Hunger endlich die notwendige globale Aufmerksamkeit erhält", freut sich Biesalski im Vorfeld.

Reis ist nicht genug - Mangelernährung in Laos

Forscher aus aller Welt haben sich angemeldet - aber auch Vertreter der WHO, der FAO und der Weltbank. Biesalski will auf seinem Kongress nicht im wissenschaftlichen Elfenbeinturm diskutieren. Ihm geht es auch um Lösungen, um politisches Bewusstsein und um konkrete Handlungsmöglichkeiten.

Blind vor Hunger

Und es geht ihm darum zu zeigen, dass die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln nicht ausreicht, um verborgenen Hunger zu bekämpfen. "Die Devise: Genug Kalorien für alle und das Problem ist gelöst, reicht nicht", mahnt Biesalski. Schließlich enthielten Reis, Mais und Weizen kaum lebenswichtige Mikronährstoffe wie Zink, Jod und Eisen. Das sei ein Problem: Denn ein Drittel der Weltbevölkerung ernährt sich fast ausschließlich von diesen Grundnahrungsmitteln.

Die Folgen dieser einseitigen Ernährung sind verheerend: Der chronische Mangel an Vitamin A beispielsweise führt zum Erlöschen des Augenlichtes. "Bis zu einer halben Million Kinder erblinden jedes Jahr, bevor sie das zweite Lebensjahr erreichen", erklärt Biesalski. "Weitere 14 Millionen Kinder leiden an einem Verlust des Sehvermögens und drohen zu erblinden."

Und allzu häufig werden Krankheiten und Todesfälle gar nicht ursächlich mit der Mangelernährung in Verbindung gebracht. Ein Mangel an Zink schwächt beispielsweise das Immunsystem. Wissenschaftler vermuten daher, dass der Mikronährstoffmangel indirekt für eine Vielzahl von lebensbedrohlichen Krankheitsverläufen verantwortlich ist. "Bei jährlich zwei Millionen Menschen führt dies direkt zum Tod", sagt Biesalski. Eine besonders häufige Todesursache sind hierbei Durchfallerkrankungen, die dazu führten, dass auch andere wichtige Mikronährstoffe nicht aufgenommen werden könnten.

Schon im Mutterleib mangelernährt

In diesem Jahr hat Biesalski auf seiner Konferenz einen besonderen Schwerpunkt gesetzt: Er widmet sich den Jüngsten, den Ungeborenen und Kleinkindern im sogenannten "1000-Tage-Fenster". So nennt er den Zeitraum von der Befruchtung der Eizelle im Mutterleib bis zum Alter eines Kindes von etwa zweieinhalb Jahren.

"In dieser Zeit werden die Weichen gestellt", erklärt Biesalski. "Wenn in dieser Zeit eine Mangelernährung vorliegt, zunächst bei der Mutter und dann beim Kleinkind, dann hat das schwere Konsequenzen für das gesamte Leben des Kindes."

Tatsächlich zeigen jüngste wissenschaftliche Studien, dass Mangelernährung nicht nur körperliche Auswirkungen hat, sondern auch die geistige Entwicklung von Kindern massiv beeinträchtigt. Von Mangelernährung betroffene Kleinkinder würden häufiger später eingeschult, seien öfter krank und verdienten als Erwachsene im Schnitt 20 Prozent weniger als diejenigen, die in der Kindheit ausreichend ernährt wurden.

Was geht uns das an?

Auch in Deutschland und anderen westlichen Industrieländern gibt es Hidden Hunger, einen Mangel an Mikronäherstoffen - davon ist Biesalski überzeugt. Betroffen seien vor allem Kinder aus armen Haushalten, in denen das Geld nicht ausreicht, um eine ausgewogene Ernährung sicherzustellen. Doch wie tiefgreifend das Problem tatsächlich ist lässt sich kaum sagen: "Auf diesem Gebiet wird in Deutschland kaum geforscht", erklärt der Wissenschaftler. "Das ist nicht attraktiv - und es ist für uns auch nur schwer vorstellbar, dass das Thema uns was angehen könnte."

Infografik Versteckter Hunger (Grafik: DW).

Doch genau darüber will Biesalski mit Wissenschaftlern aus aller Welt diskutieren - dass es die reichen Industrienationen eben doch was angeht. Selbst wenn die eigenen Kinder nicht unmittelbar vom Hidden Hunger betroffen sind. "Wenn in der Öffentlichkeit immer wieder artikuliert wird, wir könnten die zu erwartenden 9 Milliarden Menschen ernähren, dann stimmt das nur, wenn ich damit meine: Wir können sie satt machen", meint Biesalski. "Aber wir können all diese Menschen nicht wirklich anständig ernähren. Davon sind wir weit, weit, weit entfernt und der Klimawandel wird sein übriges tun." Genau deshalb sei es jetzt für Wissenschaftler und Politiker an der Zeit, die Augen zu öffnen und gemeinsam an weltweiten Lösungen zu arbeiten.