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Nahost

Gazas Sehnsucht nach Normalität

Die Waffenruhe in Nahost wackelt: Israelische Soldaten haben einen jungen Palästinenser an der Grenze zum Gazastreifen erschossen. Viele Menschen in Gaza hoffen aber noch, dass der Krieg nicht erneut aufflammt.

Die Scheiben sind zersplittert, der Inhalt der Regale liegt verstreut auf dem Boden. Suleiman Fleifle schaut besorgt nach unten: Der israelische Bombenangriff auf das Stadion nebenan hat auch seinen kleinen Lebensmittelladen in Mitleidenschaft gezogen. Jetzt geht es ans Aufräumen und Reparieren. "Es ist gut, dass dieser gefährliche Krieg zu Ende ist. An keinem Ort in Gaza war man sicher", meint der 55-Jährige. Sein Sohn Mohammed ist noch sichtlich erschüttert von der Gewalt der letzten Tage. "Ich bin froh, dass wir nicht mehr die Kampfjets in der Luft hören. Und wenn dann noch die Blockade gelockert wird, vielleicht wird es dann etwas besser," meint der junge Mann.

Doch so richtig daran glauben will er nicht. Keiner weiß, ob die Vereinbarungen des Waffenstillstands auch konkrete Veränderungen bringen. In der von Ägypten vermittelten Vereinbarung heißt es lediglich, dass binnen 24 Stunden die Grenzübergänge für Waren und Menschen geöffnet werden sollen. Die Hamas interpretiert dies bereits als Ende der verhassten Blockade, die den rund 1,7 Millionen Menschen im Gazastreifen die Luft zum Atmen nimmt.

Palästinenser feiern die Waffenruhe in Gaza. (FOTO: REUTERS

Im Gaza-Streifen feiern die Menschen die Waffenruhe

Rückkehr zur Routine

Im Moment sind die meisten Menschen damit beschäftigt, wieder in ihr normales Leben zurückzukehren, das vor über einer Woche so plötzlich zum Stillstand kam. Halb Gaza scheint auf der Straße zu sein. Jeder ist froh, sich nach Tagen der Angst wieder frei draußen bewegen zu können. Familien, die aus dem Osten und Norden Gazas in die Stadt geflohen sind, sind mit Taschen auf dem Weg nach Hause.

Dazwischen ziehen junge Motorradfahrer lautstark mit grünen Fahnen der Hamas durch die Straßen. Aber auch die gelben Fahnen der säkularen Fatah sind zu sehen. Mitglieder ihrer Al-Aqsa-Brigaden geben an einer Straßenecke mit Sturmhauben auf dem Kopf und Kalaschnikov-Gewehren in der Hand Interviews für die Medien. Auch sie sollen aktiv gewesen sein. Die Offensive habe die politischen Fraktionen vereint, heißt es von den Militanten.

Gaza: Auf dem Weg zurück zum Alltag

Doch nicht jeder in Gaza sieht diese Entwicklung mit Freude. "Ich kann mit diesen Siegesfeiern nur wenig anfangen", meint ein Passant, der seinen Namen nicht nennen will. "Es sind zu viele unschuldige Menschen gestorben. Und jetzt haben nur die Radikalen das Wort." 158 Palästinenser sollen getötet worden sein, davon 103 Zivilisten, so die Zahlen der Vereinten Nationen. Palästinensische Quellen sprechen von 163 Toten. In Israel starben sechs Menschen.

Zweifel, ob der Krieg nicht zurückkehrt

An vielen Stellen haben die Aufräumarbeiten begonnen. Bagger schaufeln sich ihren Weg durch die Trümmer des zerbombten Stadions. Vor allem in Gaza-Stadt ist die Zerstörung der Infrastruktur sichtbar. Regierungsgebäude, Polizeistellen, Straßen und Brücken sind zerschossen. Und viele andere Orte, an denen offenbar Raketenabschussstellen und militärische Stellungen der militanten palästinensischen Organisationen angegriffen wurden.

Jetzt herrscht zwar Ruhe, doch die Zweifel bleiben, ob die Feuerpause auch langfristig anhält. Der Zwischenfall vom Freitag (23.11.), bei dem an der Grenze zum Gazastreifen ein Palästinenser getötet und mindestens sieben verletzt wurden, wirft bereits einen ersten Schatten auf die Vereinbarung. Und weckt bei manchen Menschen schlimme Erinnerungen. So wie bei Nour Abu Khater. Sie lebt mit ihrer Familie in Khan Yunis im Süden des Gazastreifens. Die junge Frau ist in Deutschland aufgewachsen und dann mit 18 Jahren in den Gazastreifen zurückgekehrt. Die letzten Tage seien der reinste Horror gewesen, sagt die junge Frau. "Ich hatte eine Woche lang Angst, Angst, Angst. Ich habe seit sieben Tagen nicht geschlafen und heute wenigstens mal vier Stunden." Zu oft schon habe sie erlebt, dass die Gewalt immer wieder ausbreche, und sie macht sich keine großen Illusionen, dass es dieses Mal anders sein könnte. "Sieg hin oder her. Für uns als Menschen wird sich nicht viel ändern." Sie fürchtet, dass der Krieg schon bald zurückkehren könnte. "Dabei wünsche ich mir Frieden ohne zeitliches Limit."

DW.DE

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