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Kultur

Filmen aus Neugier am Menschen

Afghanistan-Soldaten, ein zehnjähriger Filmvorführer oder Werftarbeiter: Die Welt des bengalischen Dokumentarfilmers Shaheen Dill-Riaz ist bevölkert mit außergewöhnlichen Protagonisten.

Shaheen Dill-Riaz. Quelle Foto: www.eisenfresser-film.de, Undatierte Aufnahme, Eingestellt 23.06.2009, Freigabe durch: Prof. Kathrin Lemme, Medienwirtschaft, Hochschule Ostwestfalen-Lippe - Fachbereich Medienproduktion, Liebigstraße 87, 32657 Lemgo

Regisseur Shaheen Dill Riaz Film Eisenfresser

"Fünf Meter lang, zwei Meter breit – zehn Quadratmeter. Irgendwann fühlt man sich hier fast wie zu Hause." Fast schon liebevoll spricht Bundeswehroffizier Daniel über seine kleine Container-Baracke auf dem deutschen Militärstützpunkt in Kundus. Sein sechsmonatiger Aufenthalt in Afghanistan als Teil der internationalen ISAF-Truppen ist fast vorbei. Bald darf er wieder nach Deutschland. Doch er möchte nach Afghanistan zurückkehren. "Hier ist das wirkliche Leben", sagt er voller Überzeugung in die Kamera.

Szenenwechsel: Drei Kilometer weiter, vor einer afghanischen Armeekaserne, hält der afghanische Leutnant Mehdi die Narben aus seinen Kampfeinsätzen in die Kamera. "Ich sehe keinen Unterschied zwischen den afghanischen und den deutschen Soldaten, alle tragen Narben davon", sagt er fast trotzig. Ihm ist bewusst, dass Soldaten wie Daniel in ihre friedliche Heimat zurückkehren werden. Auch er würde lieber bei seiner Frau und den Kindern in Kabul sein. Aber auch dort ist der Krieg nicht fern.

"Schulter an Schulter"

Shaheen Dill-Riaz ist Deutscher und afghanischer Soldat in Afghanistan (Foto: DW)

Deutscher und afghanischer Soldat in Afghanistan

In seinem aktuellen Film "Schulter an Schulter" beleuchtet der bengalische Dokumentarfilmer Shaheen Dill-Riaz eindrucksvoll die Gefühle und Lebensumstände zweier Berufssoldaten in Afghanistan - eines deutschen und eines afghanischen. Mit Hilfe persönlicher Gespräche und intensiver Nahaufnahmen zeichnet der Film den Wunsch des einen nach Normalität im Ausnahmezustand und die Furcht des anderen vor einem Leben in einem ruinierten Land nach.

"In Deutschland wird viel über den Krieg in Afghanistan berichtet, über die Angriffe, die allgemeine Lage und über die Taliban, aber dabei kommen die Soldaten meist zu kurz", sagt Dill-Riaz im Gespräch mit der Deutschen Welle. "In diesem Film wollte ich nicht den Afghanistan-Krieg in den Vordergrund stellen, sondern die menschlichen Schicksale darstellen. Ich wollte den beiden Hauptfiguren sehr nahe kommen und ihnen so viel Raum wie möglich geben."

Für den 43jährigen Filmemacher, der seit 1992 in Berlin lebt, hat der Film einen sehr persönlichen Hintergrund. "Als ich 12 Jahre alt war schickten mich meine Eltern in Bangladesch auf ein Militärinternat und lernte dort viele Soldaten kennen. Ich habe mich immer gefragt, wie sie sich in einem Krieg fühlen, und wie sie mit der Belastung umgehen würden."

Zwei afghanische Soldaten hocken vor einem Vogelkäfig (Foto: DW)

Filmszene aus "Schulter an Schulter" von Shaheen Dill-Riaz

"Der Vorführer"

In dem ebenso vor kurzem erschienenen Film "Der Vorführer" erzählt Dill-Riaz die Geschichte des zehnjährigen Jungen Rakib, der in der bengalischen Kleinstadt Chandpur lebt und täglich nach der Schule in einem Kino als Filmvorführer arbeitet um seine Familie finanziell zu unterstützen. Der Film zeigt auf unsentimentale Weise den Alltag Rakibs zwischen beengten Wohnverhältnissen, einem Vater der die Familie vernachlässigt, und einer Mutter die an der Armut verzweifelt. Der Film zeigt auf unsentimentale Weise den Alltag Rakibs zwischen beengten Wohnverhältnissen, einem Vater der die Familie vernachlässigt, und einer Mutter die an der Armut verzweifelt.

Der Zuschauer beobachtet fasziniert, wie der kleine Rakib im Vorführraum des Kinos mit der uralten Technik umgeht, während vor ihm die bunte Filmwelt Bollywoods vorbeiflimmert, in der Superhelden ihren Feinden trotzen und Frauen ewige Liebe schwören. Rakib meistert sein hartes Leben und träumt von Italien. Nicht weil er von "Cinema Paradiso" gehört hätte, sondern weil er glaubt, dass es dort schön und friedlich ist.

Ein Junge schaut sich einen Filmstreifen an (Foto: DW)

Filmszene aus "Der Vorführer" von Shaheen Dill-Riaz

"Ich war völlig überrascht, dass "Der Vorführer" so ein Erfolg werden würde", beteuert Dill-Riaz. "Wir haben den Film innerhalb von 13 Tagen und mit sehr wenig Geld gedreht. Ich war einfach fasziniert von dem Leben dieses Jungen und wollte ein Portrait über ihn drehen."

Im November wurde "Der Vorführer" in Deutschland mit dem von der Bundeszentrale für politische Bildung gestifteten Preis "Große Klappe" für politische Kinder- und Dokumentarfilme ausgezeichnet.

Außergewöhnliche Protagonisten

Im Zentrum aller dargestellten persönlichen und sozialen Konflikte steht immer der Blick von Dill-Riaz auf die Persönlichkeit seines außergewöhnlichen Protagonisten. Der Mensch steht immer im Mittelpunkt, nicht die Umstände.

Bereits in seinen früheren Filmen hat Dill-Riaz ein sensibles Gespür bewiesen für die Darstellung der Träume und Sehnsüchte von Menschen die oftmals am Rand der Gesellschaft ums tägliche Überleben kämpfen. Für seinen Film "Eisenfresser", einem Portrait bitterarmer Saisonarbeiter die unter unmenschlichen Bedingungen auf einer gigantischen Werft in Bangladesch Schiffe abwracken, gewann er 2010 in Deutschland einen renommierten Grimme Preis.