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Internet

Europäische Geschichte mal anders

Die meisten Europäer betrachten die Geschichte ihres Kontinents aus nationaler Perspektive. Nicht so das Online-Portal Historiana - ein in vielerlei Hinsicht grenzenloses Projekt.

Ein Team von Lehrern und Universitätsmitarbeitern aus über 30 Ländern präsentiert Europas Geschichte auf ganz neue Art und Weise. "Unser Anspruch sind der innereuropäische Vergleich und eine multiperspektivische Betrachtung", so Robert Maier vom Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung, der im wissenschaftlichen Beirat von Historiana sitzt.

In den vergangenen Jahren hat es zahlreiche Versuche gegeben, europäische Geschichtsbücher zu etablieren, doch keines von ihnen konnte sich an den Schulen durchsetzen. Jetzt hat die europäische Vereinigung der Geschichtslehrer EUROCLIO die Initiative ergriffen und eine Webseite namens Historiana lanciert, die Geschichte kulturübergreifend aufarbeitet.

Kontext statt Chronologie

Historiana ordnet Geschichten und Geschichte nicht in Form einer Chronologie, sondern nach Sachthemen. Die klingen zum Teil ein bisschen sperrig - zum Beispiel "Konflikt und Kooperation" -, doch dahinter verbergen sich konkrete Fallstudien, unter anderem über die Evakuierung von Kindern aus Finnland während des Zweiten Weltkriegs, die irischen Auswanderungswellen seit 1840 oder den Kalten Krieg.

Dieser wird bei Historiana nicht einfach von A bis Z aufgearbeitet. Anstelle eines erzählerischen roten Fadens liefert das Portal ein fein gewebtes Netz aus Hintergrundinformationen: Fotos, Zitate und Dokumente wie den handgeschriebenen Brief des ehemaligen US-Präsidenten Harry Truman an seinen Außenminister James Byrnes.

Die einzelnen Beiträge stehen nicht für sich alleine, sondern werden zu anderen in Beziehung gesetzt. So findet sich am Ende der Studie zu karibischen Einwanderern in den Niederlanden ein Verweis auf weitere Beispiele wirtschaftlich bedingter Auswanderung.

Jenseits der Buchdeckel

Ulrich Bongertmann, Vorsitzender des Verbandes der Geschichtslehrer Deutschlands

Ulrich Bongertmann ist der Bundesvorsitzende des Verbandes der Geschichtslehrer Deutschlands

Als digitales Schulbuch nutzt Historiana die multimedialen Möglichkeiten des Internets: Neben vielen Fotos und historischen Karikaturen visualisieren interaktive Karten und Zeitstränge komplexe Zusammenhänge. Einen wichtigen Vorteil gegenüber dem klassischen Schulbuch sehen die Macher von Historiana in der Erweiterbarkeit des Portals: "Ein digitales Angebot umfasst auch die Perspektiven der kleineren Länder. Und wenn es gut strukturiert ist, ist die Zahl der Beiträge nach oben unendlich steigerbar", meint Ulrich Bongertmann, Bundesvorsitzender des Verbandes der Geschichtslehrer Deutschlands.

Schon jetzt enthält Historiana Untersuchungen aus Bulgarien, Dänemark oder Estland, deren Landesgeschichte in der Regel nicht zwischen zwei Schulbuchdeckeln erzählt wird.

Obwohl Historiana noch in einer Pilotphase steckt und nur auf Englisch existiert, ist es bereits nutzbar. Es richtet sich an geschichtsinteressierte User, Schüler wie Lehrer, und liefert Quellenmaterial gleich mit.

Große Erwartungen

US-Panzer und sowjetische Panzer im Oktober 1961am Checkpoint Charlie in Berlin (Foto: picture alliance/dpa)

Konfrontation am Checkpoint Charlie, Berlin im Oktober 1961

Als gesamteuropäisches digitales Schulbuch ist Historiana ein ambitioniertes Projekt mit großem Potenzial, was nicht zuletzt dem Enthusiasmus seiner Entwickler geschuldet ist. "Die Leute brennen für dieses Projekt, auch die Macher selbst", so Robert Maier. Über mangelnde Vorschusslorbeeren kann sich das Team nicht beklagen: Schon lange bevor das Portal im September 2012 an den Start ging, hatte es bereits den World Aware Education Award des Nord-Süd-Zentrums, einer Institution des Europarats, gewonnen. Kurz nach dem Start kam der MEDEA-Preis für europäische Zusammenarbeit dazu.

Ob Historiana sich im Gegensatz zu den europäischen Geschichtsbüchern durchsetzen wird, hängt auch von den Projektmitteln ab. Bisher arbeiten die Autoren ehrenamtlich, Grafik und Programmierung werden aus Mitteln der EU und von Partnern wie dem norwegischen Außenministerium und der multinationalen Anna-Lindh-Stiftung bezahlt. Ulrich Bongertmann gibt sich zufrieden: "Wir sind schon mal froh, dass Historiana als gesamteuropäische Initiative überhaupt existiert." Fest steht: Auf dem Weg in Europas Klassenzimmer wird ein langer Atem nötig sein.

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