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Weltwirtschaft

Euro-Krise lässt Schwellenländer schwächeln

Unter der Schuldenkrise in Europa leiden zunehmend auch die sogenannten BRICS-Staaten. Doch es sind auch hausgemachte Probleme, die das Wachstum bremsen. Langfristig bleiben die Aussichten allerdings gut.

(L-R) Brazil's President Dilma Rousseff, Russian President Dmitry Medvedev, India's Prime Minister Manmohan Singh, Chinese President Hu Jintao and South Africa's President Jacob Zuma pose for a photograph during the BRICS summit in New Delhi March 29, 2012. REUTERS/Yekaterina Shtukina/RIA Novosti/Kremlin (INDIA - Tags: POLITICS) THIS IMAGE HAS BEEN SUPPLIED BY A THIRD PARTY. IT IS DISTRIBUTED, EXACTLY AS RECEIVED BY REUTERS, AS A SERVICE TO CLIENTS

BRICS Gipfel in Neu Delhi März 2012

Schuld sind immer die anderen. In der Euro-Schuldenkrise zeigen die großen Schwellenländer gern mit dem Finger auf die Probleme Spaniens, Italiens oder Griechenlands und machen diese für die zuletzt schwächeren Wachstumsraten daheim verantwortlich. Als sich die BRICS-Staaten - Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika - im März zu einem Gipfel in Neu-Delhi trafen, sparten sie nicht mit Kritik an dem aus ihrer Sicht ungenügenden Krisenmanagement der Euro-Politiker. Doch allmählich scheinen die aufstrebenden Länder aus dem Konjunkturrausch der vergangenen Jahre erwacht zu sein und müssen feststellen, dass auch die heimischen Baustellen nicht über Nacht verschwunden sind.

Hausgemachte Probleme

"Die Schwellenländer haben unabhängig von der Schuldenkrise viele hausgemachte Probleme", sagt Volkswirt Mauro Toldo von der DekaBank. Gebremst werde das Wirtschaftswachstum unter anderem von der Infrastruktur - vor allem Brasilien oder Indien zeigten hier große Schwächen. "Es fehlt an anständigen Transportwegen wie einem gut ausgebauten Straßen- oder Eisenbahnnetz, auch die Stromversorgung lässt zu wünschen übrig." China bilde hier eine Ausnahme. Daneben zählt Toldo die schwerfällige Verwaltung als Hindernis für die aufstrebenden Staaten auf: "Es gibt eine überbordende Bürokratie, Korruption und oftmals nur mangelnde Rechtssicherheit oder Patentschutz. Das ist für Unternehmen ein großes Problem, da überlegen sich viele zwei Mal, ob sie wirklich investieren wollen."

Grant Yun Cheng, Portfoliomanager bei Union Investment, attestiert den großen Schwellenländern ebenfalls Schwächen in verschiedenen Bereichen: "Das Wachstum in Brasilien und China verlangsamt sich, Indien hat politische Probleme und Russland ist stark abhängig von der Energiepreisentwicklung", fasst der Schwellenland-Experte die Schwierigkeiten zusammen.

Anleger wurden verschreckt

Die Erfolge der BRICS-Staaten sind unbestritten. China stieg im vergangenen Jahrzehnt zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt hinter den USA auf, auch Brasilien ist im Club der führenden Wirtschaftsnationen angekommen. Es war nicht zuletzt das billige Geld aus den Industriestaaten, das die Schwellenmärkte boomen ließ. Dieses Geld, freigeworden durch Maßnahmen der Notenbanken wie der Federal Reserve, fließt nun deutlich spärlicher, weil Anleger wieder mehr auf Sicherheit setzen. Viele Investoren haben die volatilen Schwellenmärkte zuletzt verschreckt.

Neben der Geldschwemme lässt in umgekehrter Richtung nun auch der Warenstrom aus den Schwellenländern in die europäischen Industrienationen nach, weil dort der Binnenkonsum wegen der Schuldenkrise leidet. Für China und Südafrika ist die EU der wichtigste Handelspartner in Übersee. Dass auch die von der Konsumfreude der Amerikaner geprägte US-Wirtschaft seit mehreren Jahren lahmt, macht die Sache für exportorientierte Schwellenländer nicht besser.

Immobilienblase in China?

Das Wachstum in China war im zweiten Quartal mit 7,6 Prozent das schwächste in den vergangenen drei Jahren. In diesem Jahr könnte die Wirtschaft der Volksrepublik so langsam zulegen wie seit 1999 nicht mehr. Die Regierung in Peking begründet die Absatzprobleme im Ausland neben der Schuldenkrise auch mit höheren Lohnkosten im Inland. Zudem werde es noch einige Zeit dauern, bis die Binnennachfrage zum wichtigsten Treiber für das Wirtschaftwachstum entwickle. Darüber hinaus haben sich am Immobilienmarkt faule Kredite angehäuft, die Experten inzwischen als eine ernste Gefahr einschätzen.

Dass China schwächelt, hat nach Ansicht von Deka-Volkswirt Toldo auch Auswirkungen auf die Wachstumsraten anderer Schwellenländer: "Für Brasilien zum Beispiel ist das ein wichtiger Abnehmer für Agrarrohstoffe und Eisenerzvorkommen." Brasiliens stark vom Rohstoffexport abhängige Wirtschaft, die 2010 noch um rekordverdächtige 7,5 Prozent gewachsen ist, wird nach Prognosen der Zentralbank in diesem Jahr nur noch um 1,8 Prozent zulegen.

In Russland bereitet den Investoren neben der Korruption auch die Abhängigkeit der Wirtschaft von den Öl- und Gaspreisen Kopfzerbrechen. In dem Riesenreich, das kürzlich der Welthandelsorganisation WTO beigetreten ist, wuchs die Wirtschaft im ersten Halbjahr zwar um 4,4 Prozent, in der zweiten Jahreshälfte wird allerdings mit einer schwächeren Entwicklung gerechnet.

Indien verunsichert Investoren

Trotz des Booms der letzten Jahre geht in Indien die Schere zwischen Arm und Reich auseinander. Eine breite Mittelschicht, wie sie in den Industriestaaten für politische und wirtschaftliche Stabilität sorgt, gibt es noch nicht. Das sorgt dafür, dass der heimische Konsum hinter den Erwartungen zurückbleibt. Reformen, die ausländische Firmen nach Indien locken sollen, konnten zuletzt wegen Querelen innerhalb der Regierung nicht in Kraft treten. Mehrere Analysehäuser haben ihre Prognosen für das indische Wirtschaftswachstum 2012 auf rund 5,5 Prozent nach unten geschraubt. Das wäre die schwächste Entwicklung im letzten Jahrzehnt.

Südafrika ist zuletzt durch den tödlichen Arbeitskampf in der Platin-Mine Marikana in die Schlagzeilen geraten. Die Auseinandersetzungen werfen ein Schlaglicht auf die sozialen Probleme im Land, in dem die Arbeitslosenquote im zweiten Quartal bei rund 25 Prozent lag. Die Schuldenkrise in Europa macht die Sache für das Land nicht leichter, da der Kontinent im Norden neben China der wichtigste Handelspartner für die Regenbogen-Nation ist. In diesem Jahr rechnet die Regierung in Pretoria deshalb mit einem Wirtschaftswachstum von unter 2,7 Prozent.

Experten sind sich jedoch einig, dass die Wachstumsaussichten für die Schwellenländer auf lange Sicht gut sind. Sie setzen vor allem auf den Konsum im Inland als wichtige Stütze, den die größer werdenden Mittelschichten liefern sollen. "Um die hausgemachten Probleme zu bewältigen, bedarf es Zeit, das löst sich nicht von heute auf morgen", mahnt Toldo zur Geduld. Wenn die Länder ihre Hausaufgaben machten, dürfte sich das Wirtschaftswachstum nach seiner Ansicht auf lange Sicht stabilisieren.

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