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Ausstellung

Einseitiges Geschichtsbild

Es ist ein vergessenes Kapitel der Geschichte: Millionen Menschen aus Entwicklungsländern waren an der Befreiung der Welt vom Faschismus beteiligt. Doch bis heute wird ihr Einsatz kaum wahrgenommen und gewürdigt.

Kaum eine Epoche der Zeitgeschichte scheint so gut erforscht, so gut medial aufbereitet und in den Schulen behandelt wie der Zweite Weltkrieg. Umso verwunderlicher ist, dass es viele weiße Flecken im europäischen Geschichtsbewusstsein gibt. Das musste auch Till Pechatscheck bei seinem Besuch der Ausstellung "Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg" feststellen. "Ich bin Geschichtslehrer. Ich wusste zwar, dass es während des Zweiten Weltkriegs Konflikte in Asien gab, aber ich habe das abgetan als regionales Problem. Ich bin nicht auf die Idee gekommen, dass es Teil des Weltkrieges ist. Aber wenn man sich die Ausstellung ansieht, dann ist es ganz klar so."

Der Lehrer von der Odenwaldschule im Bundesland Hessen ist mit seiner Klasse nach Frankfurt gekommen, um mehr über die Beteiligung der Entwicklungsländer am Zweiten Weltkrieg zu erfahren. Selbst für ihn als Mann vom Fach gibt es hier viel Neues zu erfahren. Zum Beispiel, dass Indien im Zweiten Weltkrieg 2,5 Millionen Soldaten für die britische Streitmacht stellte - die größte Kolonialarmee, die es bis heute gab. Oder dass 1944 bei der Befreiung der philippinischen Hauptstadt Manila von den japanischen Besatzern 100.000 Zivilisten starben - also mehr als in Berlin, Dresden oder Köln. Oder dass die französische Armee, zumindest bis 1944, mehrheitlich aus Afrikanern bestand.

Weiße Flecken im Geschichtsbewusstsein

Karl Rössler erklärt einer Schulklasse die Auswirkung des Zweiten Weltkriegs in der Dritten Welt (Foto: Sarah Faupel)

Karl Rössel (l.) erzählt von seinen Erfahrungen

"Vergessen, verdrängt, verleumdet", so lautet das Urteil des Gründers der Wanderausstellung, Karl Rössel, über die Geschichtsschreibung der Entwicklungsländer im Zweiten Weltkrieg. Obwohl unzählige Länder aus Asien, Afrika, Ozeanien und selbst Südamerika in die Befreiung vom Faschismus involviert waren, wird ihre Rolle weder wissenschaftlich noch im allgemeinen Geschichtsbild wahrgenommen, geschweige denn gewürdigt. Das wollten Journalist Karl Rössel und einige seiner Kollegen ändern. Sie begannen, zunächst für ein Buch, weltweit zu recherchieren. Wohin sie auch reisten, nach Burkina Faso, zu den Samoa-Inseln, nach Shanghai - überall fanden sie Zeitzeugen, die nicht nur bereitwillig ihre persönlichen Geschichten erzählten, sondern auch forderten, dass diese Informationen in Europa öffentlich gemacht werden sollten. Und das taten die Journalisten.

Dadurch weiß nun auch der japanische Austauschstudent Kazushige Doi von dem Schicksal der Südkoreanerin Kim Soon-duk. Sie war 16 Jahre alt, als sie von den japanischen Besatzern in ein Militärbordell verschleppt wurde. Dort wurde sie bis zu 40 Mal am Tag vergewaltigt. Kein Einzelschicksal. Etwa 200.000 meist minderjährige Frauen aus Korea, China, den Philippinen, Malaysia, Birma, Portugiesisch-Timor und Niederländisch-Indien erging es während des Zweiten Weltkriegs ähnlich. Kazushige Doi: "Über so etwas wird bei uns nicht geredet. Das ist Tabu."

Die Verlierer sind die Sieger

Chamorro­-Frau von der Insel Guam 1944 (Foto: National Archives, U.S. Marine Corps)

Eine Chamorro­-Frau von der Insel Guam 1944 nach der Befreiung von japanischer Besatzung

Warum das so ist, erklärt Karl Rössel mit den Worten des Kameruner Historikers Kum'a Ndumbe: "Geschichte wird immer von den Siegern geschrieben. Und den Wohlhabenden, die die Mittel haben, ihre Forschung und Richtung zu bestimmen." So gehörten Deutschland, Japan und Italien zwar militärisch zu den Verlierern, aber in der Geschichtsschreibung gehören sie zu den Siegern, weil die Menschen aus diesen Ländern in der Geschichtsschreibung vorkommen würden. "Dagegen müssen Abermillionen Menschen aus Afrika, Asien, Ozeanien und teilweise Lateinamerika bis heute in allen Geschichtsbüchern des Zweiten Weltkriegs ihre Rolle und ihren Beitrag suchen - sie müssen quasi ohne Geschichte auskommen."

Die senegalesischen Kolonialsoldaten haben dank des algerischen Regisseurs Rachid Bouchareb seit 2008 eine Geschichte - auch wenn diese bisher nur wenige kennen. Der Kurzfilm, "L’Ami Yabon", der in der Ausstellung zu sehen ist, erzählt mit stilisierten Animationsbildern symbolhaft die Geschichte eines Kolonialsoldaten von seiner Zwangsrekrutierung im Senegal über seine Kriegseinsätze in Europa und die Gefangenschaft in einem deutschen Lager bis zu seiner Rückkehr nach Westafrika, wo er - weil er mit anderen seinen Sold forderte - auf Befehl französischer Offiziere ermordet wird.

Weder Anerkennung noch finanzielle Unterstützung

Porträtsammlung von Überlebenden einer Frauenselbsthilfegruppe (Foto: Sarah Faupel)

Porträtsammlung von Überlebenden einer Frauenselbsthilfegruppe

"Den Soldaten wurde keine Rente gezahlt. Und die verschleppten Frauen warten bis heute auf eine Entschuldigung oder gar Entschädigung", erklärt Karl Rössel. "Es gab keine Wiederaufbauleistung, keine Reparationszahlung für die sogenannten Dritte-Welt-Länder." Daran hätten sämtliche am Krieg beteiligten Hauptmächte kein Interesse. Dabei waren und sind die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs auf das Leben der Menschen in den Entwicklungsländern enorm. So sind beispielsweise auf den Philippinen durch die japanische Besatzung jede und jeder Sechzehnte umgekommen, insgesamt 1,1 Millionen Menschen. In vielen Ländern gab es Hungerkatastrophen, weil die Besatzer die Bevölkerung zwangen, ihre Nahrung an das Militär abzugeben. Und "noch heute sterben Menschen an der libysch-ägyptischen Grenze, weil sie auf Minen aus dem Zweiten Weltkrieg treten", so Rössel.

Auswirkungen auf die Gegenwart

Afrikanische Kolonialsoldaten beim Winterfeldzug in Nordfrank­reich 1944 (Foto: National Archives, U.S. Army Signal Corps)

Boucle du Doubs, Nordfrank­reich, Oktober 1944: Afrikanische Kolonialsoldaten beim Winterfeldzug

Der Journalist fordert, über den europäischen Tellerrand hinauszuschauen und die eurozentrische Brille abzulegen, wenn man über die Geschichte oder auch die Gegenwart rede. Das meint auch der Besucher Daniel Bonnard, ein Doktorand aus der Schweiz beim Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte in Frankfurt. "Ich glaube, das ist deshalb auch wichtig, weil hier in Europa sehr viele Menschen mit Migrationshintergrund leben, für die diese Geschichte bis heute sehr präsent ist."

"Man muss sich bewusst machen, dass Millionen Menschen aus Afrika, Asien oder Ozeanien an der Befreiung der Welt vom Faschismus beteiligt waren", sagt Karl Rössler. Respekt und Anerkennung sei das Mindeste, was man diesen Ländern entgegenbringen könne. Geschichtslehrer Till Pechatscheck hat sich von Karl Rössel eine kleine Version der Wanderausstellung mitgeben lassen. Die Schüler, die heute bei der Ausstellung waren, sollen dann ihren Mitschülern erklären, wie stark die Entwicklungsländer im Zweiten Weltkrieg involviert waren. "Denn", so Pechatscheck, "es ist wichtig, ein globales Bewusstsein zu schaffen."

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