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Europa

Eine Schule von Roma für Roma

Es ist ein einzigartiges Projekt in Europa: Seit 15 Jahren gibt es in Ungarn ein Roma-Gymnasium. Es soll helfen, eine Roma-Elite heranzubilden. Nur ein Prozent der etwa 600.000 ungarischen Roma macht das Abitur.

Eine Schülerin liest im Unterricht an der Romaschule in Pécs, Ungarn (Foto: DW)

Gandhi-Gymnasium: Roma lernen hier mit Nicht-Roma

Die Klingel im Gandhi-Gymnasium, das von dem Roma-Intellektuellen und Unternehmer János Bogdan gegründet wurde, ist schon etwas altersschwach. In den Gängen hängt schon der Geruch des Mittagessens. Es wird Krautwickel geben. In der Geschichtsstunde geht es um die römische "Res Publica".

Hoffnungen für die Zukunft

Mehr als 20 Teenager strecken die Finger in die Höhe, antworten auf die Fragen der Lehrerin. Schüler und Lehrerin eint: Alle sind Roma. Eine Seltenheit, denn unter Roma ist Analphabetismus weit verbreitet. Die wenigsten machen einen Schulabschluss. Der 18-jährige Richard Kalányos macht nächstes Jahr Abitur. Was er danach machen will, darüber hat er sich bereits Gedanken gemacht: Er will Unfall-Chirurg werden. "Ich will hier in Pécs Medizin studieren. Ich glaube, ich habe Chancen. Meine Lehrer unterstützen mich, so dass ich es schaffen kann", meint er.

Richard Kalányos an der Romaschule in Pécs (Foto: DW)

Richard Kalányos an der Romaschule in Pécs

Viel Zeit für Gitarrespielen oder Spaziergänge mit seiner Freundin hat er nicht. Er muss büffeln. Und er will lernen. Mittlerweile heißt seine Familie die Zukunftspläne des 18-jährigen gut, erzählt er. Doch obwohl es keiner in seiner Familie zu etwas gebracht habe, sagt er, hätten sie zunächst "Nein" zum Gandhi-Gymnasium gesagt.

"Als ich sagte, dass ich nach Pécs wollte, sagte meine Mutter sofort: 'Nein'. Aber als meine Eltern bei einem Tag der offenen Tür waren, haben sie ihre Meinung geändert. Sie hatten einfach Angst und wollten mich beschützen", erzählt Richard.

Ganztagsschule für die meisten

Viele der rund 250 Schüler machen diese Erfahrung. Denn die meisten kommen von weit her und wohnen im angeschlossenen Internat. Der Deutschlehrer und Hausmeister Richard Karsai meint, für viele sei ein Zimmer mit vier Betten Luxus, eine Art Paradies.

Schüler lernen im Unterricht an der Romaschule im ungarischen Pécs (Foto: DW)

Unterricht an der Romaschule

Vor der Bibliothek hängen Fotos. Sie zeigen Schüler mit ihren Familien in ihrem Zuhause: ärmliche Häuser, karge Einrichtungen. Der 28-jährige Csaba Lakatos kennt solche Häuser. Er stammt aus einer vielköpfigen Familie aus der Nähe von Székesfehérvár. Er gehörte zum ersten Jahrgang, der an der Schule Abitur gemacht hat. Heute unterrichtet der dunkelhäutige Intellektuelle am Gandhi-Gymnasium Beasch - eine der beiden ungarischen Roma-Sprachen.

"Als Klassenlehrer und in anderer Funktion haben wir bestimmt 200 Familien besucht", erzählt Lakatos. "Leider sieht man nur wenige Bücher dort. 90 bis 95 Prozent der Familien haben keine Bücher. Wenn wir zu ihnen kommen, müssen wir auch daran denken."

Von den anderen lernen

Die Direktorin der Romaschule in Pécs: Erika Csipcsovics (Foto: DW)

Die Direktorin der Romaschule: Erika Csipcsovics

Ein Ziel der Schule: Die Gebildeten Roma sollen wieder andere ausbilden. Die Gandhi-Absolventen sollen Vorbild für jüngere Geschwister sein. Die Hoffnung: In einem Domino-Effekt könnte sich das Bildungsniveau in der Gemeinschaft der Roma heben.

Ein anderes Anliegen der Schule sei, die Schüler darauf vorzubereiten, was sie draußen erwarte, so Direktorin Erika Csipcsovics. "Wir möchten sie bestärken Roma zu sein. Aber wir möchten sie auch als ungarische Staatsbürger stärken."

Miteinander fördern

In ihrem Büro schauen sich die Sozialarbeiter am Computer gerade an, was die Welt draußen für Roma zu bieten hat: Aus dem Internet haben sie ein Hass-Video einer ungarischen Nazi-Rockband heruntergeladen. Roma-Feindlichkeit breitet sich derzeit in Ungarn aus. Sozialarbeiterin Eszter Scheich meint: "Wir reden darüber, damit sie wissen, was in der großen weiten Welt passiert. Hier im Gandhi-Gymnasium arbeiten Roma und Nicht-Roma zusammen. Hier gibt es Nicht-Roma, die sich auch für Roma-Belange einsetzen."

Geld für das Projekt kommt vom ungarischen Staat. Das Goethe-Institut in Budapest hat die Bücherei mit unterstützt. Dänen stifteten eine Werkstatt. Die Gruppenräume tragen die Namen berühmter Roma - ein Raum heißt Django-Reinhard-Saal. Stolz auf das Eigene sollen die Schüler entwickeln. Und in den Pausen wird gekickert.

Autor: Stephan Ozsvath
Redaktion: Nicole Scherschun

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