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Bei einem paneuropäischen Treffen beginnt der Fall des Eisernen Vorhangs

26. Oktober 2009

Ein Land spielte beim Fall der Mauer eine besondere Rolle: Ungarn. Der osteuropäische Staat war der erste, der seine Grenzen gen Westen öffnete - und damit ostdeutschen Bürgern die Möglichkeit zur Flucht gab.

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Ein symbolischer Akt: Der ungarische Außenminister Gyula Horn (r) und sein österreichischer Amtskollege Alois Mock (l) durchtrennen am 27. Juni 1989 ein Stück des "Eisernen Vorhangs" zwischen Ungarn und Österreich bei Klingenbach. Foto: Robert Jäger, dpa
Vorarbeit zur Wende: Die Außenminister von Ungarn und Österreich durchtrennen den Grenzzaun bei Sopron.Bild: AP

Es war ein Picknick, das das Ende der europäischen Trennung einläuten sollte: Im August 1989 organisierten ungarische Oppositionsparteien und die Internationale Paneuropäische Union - eine Bewegung zur Vereinigung von Europa - ein paneuropäisches Picknick. Das große Treffen fand am 19. August 1989 auf einem Feld nahe der Stadt Sopron statt, an der ungarisch-österreichischen Grenze. Für drei Stunden sollten die Behörden an diesem Tag den Übertritt erlauben. Während 15.000 Ungarn und Österreicher feierten, nutzten hunderte Ostdeutsche diese Möglichkeit zur Flucht.

Grenzposten spielen mit

Otto von Habsburg, der ehrenamtliche Präsident der Union und Sohn des letzten österreichisch-ungarischen Herrschers, schickte seine Tochter Walburga zu der Veranstaltung. Er erinnert sich, dass die Öffnung der Grenze und der Auszug der Massen friedlich vonstatten ging. "Die Menschen begannen während einer Rede, den Grenzdraht zu durchtrennen. Sofort drehten ihnen die ungarischen Grenzwächter den Rücken zu, um nicht zu sehen, was passierte: dass diese Massen von Menschen hinaus in die Freiheit gingen", erzählt sie.

Natürlich hat solch ein Ereignis nicht ohne eine Billigung der Regierung in Budapest stattfinden können. "Ich glaube, da zeigte sich, wie die Führung in Budapest wirklich denkt. Das war eine Führung in einem sozialistischen Staat, die sich gänzlich unterschied von den anderen, die ihre Gesellschaft längst geöffnet hatten und die auch erkannt hatten, dass der Sozialismus jener Zeit keine Zukunft hat", bewertet Hans-Dietrich Genscher, damaliger Außenminister der Bundesrepublik Deutschlands, die Situation.

Jahrelang hatte Ungarn - obwohl der Linie Moskaus in der Außenpolitik treu - einer Liberalisierung entgegen gestrebt, genannt wurde das "Gulasch-Kommunismus". Im Jahr 1987 wurde ein Parteiensystem eingeführt und die Opposition gewann an Stärke.

Innenpolitische Schwierigkeiten schwächen Regierung

DDR-Flüchtlinge mit ihren Kindern gehen durch das geöffnete Grenztor (Archivbild vom 19. August 1989).
Etwa 600 DDR-Bürger nutzen das paneuropäische Picknick an der ungarisch-österreichischen Grenze zur Flucht.Bild: picture-alliance/ dpa

Ernsthafte Probleme in Wirtschafts- und Gesundheitswesen hatten bereits 1988 den langjährigen Kopf der kommunistischen Partei Janos Kadar gezwungen, sein Amt niederzulegen. Miklos Nemeth wurde neuer Premierminister, der schnell fundamentale politische Reformen durchsetzte.

Schon im Mai 1989 hatten ungarischen Soldaten begonnen, den Stacheldraht und die Elektrozäune an der Grenze zu Österreich abzubauen - mit der stummen Zustimmung von Moskau.

Nemeth hatte den sowjetischen Präsidenten Michael Gorbatschow zu Beginn des Jahres getroffen und ihn von seinen Plänen, langsam die Grenze abzubauen, in Kenntnis gesetzt. "Tu, was du für am besten hälst", wird Gorbatschows Antwort zitiert. Dies war das Zeichen, dass es keine Wiederholung des ungarischen Aufstands von 1956 geben würde, der brutal von der sowjetischen Armee niedergeschlagen wurde.

Wirtschaftliche Not mit einer Portion Risiko

Eine Mutter mit ihrem weinenden Kind nach der Massenflucht über Ungarn nach Österreich.
Das Grenztor wird symbolisch geöffnet - und ermöglicht DDR-Bürgern die Ausreise über Ungarn nach Österreich.Bild: picture alliance/dpa

Noch heute hält Nemeth die Entscheidung, den Eisernen Vorhang fallen zu lassen und später den Ostdeutschen die Ausreise ermöglicht zu haben, für ein großes Risiko, wie er in diesem Sommer bei der Feier zur 20-jährigen Grenzöffnung betonte. Ungarn war noch immer Teil des sowjetisch geführten Warschauer Bündnisses. "Als Konsequenz auf die ungarische Entscheidung endete die Teilung Europas und natürlich kamen Proteste. Der Verteidigungsminister der DDR kam sofort nach Budapest und verlangte nach einer Erklärung. Und die gaben wir ihm: Wir sind ein armes Land und wir sind leider technisch nicht in der Lage, den Eisernen Vorhang zu reparieren."

Ungarns Wirtschaft war in einer Notlage und konnte sich schlicht nicht erlauben, eine Millionen Dollar für die Aufrechterhaltung der Grenzen bereit zu stellen. Im September schließlich entschied die Regierung, die Grenzen zu Österreich vollständig zu öffnen. Aber die Gründe waren nicht allein finanzieller Natur: Ungarn wollte in eine neue europäische Richtung.

Otto von Habsburg von der Internationalen Paneuropäischen Union meint, das Picknick wie auch nachfolgende Ereignisse dieser Art seien ein Zeichen der Zeit gewesen und hätten in keinem Maße einer außergewöhnlichen Planung bedürft. "Es war eine Sache, die aus sich selbst entstanden ist. Wenn die Zeit erst reif ist, beginnen sich die Dinge zu bewegen und der Stein kommt ins Rollen."

Im Rückblick schlägt Ungarn "ersten Stein aus der Mauer"

Der sowjetische Generalsekretaer Michail Gorbatschow mit Bundeskanzler Helmut Kohl vor ihrem viertägigen Gespräch in der Bundesrepublik. Foto: AP-Photo/Fritz Reiss, 12.6.1989
Im Juni 1989 treffen sich der sowjetische Generalsekretaer Michail Gorbatschow und Bundeskanzler Helmut Kohl.Bild: AP

Das Picknick im August 1989 löste eine Flut an Ereignissen aus, die nicht länger aufgehalten werden konnten. Nur drei Monate später fiel die Berliner Mauer. Einige Monate danach bemerkte der ehemalige Kanzler Helmut Kohl während eines Besuches in Budapest, dass ohne die Ereignisse in Ungarn die Geschichte anders verlaufen wäre. "Ohne die mutige und entschlossene Entscheidung der ungarischen Regierung, unsere deutschen Landsleute ausreisen zu lassen, wären die dramatische Veränderungen und der Aufbruch zu Reformen in der DDR so nicht möglich gewesen. Ungarn hat damals den ersten Stein aus der Mauer geschlagen."

Im Oktober 1989 berief die Kommunistische Partei ihren letzte Versammlung ein und gründete die Ungarische Sozialistische Partei, die noch heute existiert. In einer historischen Sitzung noch innerhalb des Monats schuf das Parlament die Grundlagen für mehrparteiliche Parlamentswahlen und eine direkte Wahl des Präsidenten. Die Volksrepublik Ungarn wurde zur Republik Ungarn.

Autorin: Sabina Casagrande
Redaktion: Mareike Röwekamp