"Wir machen Dinge nicht gleichzeitig. Es ist tatsächlich so, dass man zwischen den kognitiven Prozessen binnen hundert Millisekunden oder weniger hin- und herwechselt." Man fälle Entscheidungen damit hintereinander. "Wenn man zu viele Wechsel hat, dann kann man sich nicht gut auf eine Aufgabe konzentrieren."
Das haben auch schon manche Arbeitgeber gemerkt. Denn geistiges Zapping bedeutet für viele Menschen an modernen Arbeitsplätzen Stress, Konzentrationsschwäche und fast zwangsläufig extrem klein portionierte Arbeitsphasen. Und darunter leidet oft auch die Produktivität. Einige Unternehmen gehen dieses Problem bereits bewusst an: "Nur diejenigen werden Erfolg haben, die neue Kommunikationsmedien kompetent verwenden, die also den Grat finden zwischen gesteigerter Produktivität und durchaus möglicher Zeitverschwendung." Es geht also vor allem darum, einen bewussten Umgang mit den elektronischen Medien zu lernen, damit sie den Menschen im Arbeitsalltag nicht überfordern und seine Zeit vernichten.
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Ein einfacher Versuch: Autofahren und gleichzeitig etwas anderes tun.
Zum Beispiel, das Bedienen des Radios: eigentlich ein Kinderspiel, am Steuer eines Fahrzeuges ist es gefährlich. Telefonieren: viele von uns tun es auch während der Fahrt, und es kann tödlich enden. Bei jedem zweiten Unfall war, laut Statistik, der Fahrer abgelenkt.
Für den Psychologen Stefan Matthes ist der Mensch am Steuer nur allzu oft durch Nebenaufgaben überfordert:
"Wir haben als Hauptaufgabe die Fahrzeugführung, also Lenken, Längsführung, Querführung. Dann haben wir die zusätzlichen, unerlässlichen Dinge, wie den Blinker bedienen oder auch das Klima verändern. Und dann kommen noch zusätzliche Dinge hinzu: ich muss mit Passagieren reden, muss zwischendurch mal ein Telefonat führen, das Radio verstellen und so weiter. Wir haben eine unendlich komplexe Situation hier."
Multitasking nennt sich das, wenn wir uns beispielsweise zum Fahren und gleichzeitig das Lesen einer Straßenkarte zum Ziel machen. Unser Unfallrisiko erhöht sich dadurch erheblich.
Der rote Reaktionsweg der Probandin verlängert sich dramatisch im Vergleich zur grünen idealisierten Fahrspur ohne Ablenkung. Dennoch macht mancher das Steuern des Fahrzeugs zur Nebenbeschäftigung und hält sich für ein wahres Multitasking-Genie, das alles Erdenkliche gleichzeitig zum Fahrzeug führen tun kann.
Eine Illusion - nicht nur im Straßenverkehr! Beispiel Büro. Multitasking gehört auch für Prof. Iring Koch, Psychologe an der Universität Aachen, zum Alltag. Ob das Telefon klingelt, oder ein Mitarbeiter Unterstützung braucht, auf vieles muss der Psychologe fast gleichzeitig reagieren. Wie gut kann der Mensch Multitasking beherrschen, das ist eine seiner Forschungsfragen?
Ein neuer Versuch soll sein Team der Antwort näher bringen. Eine Probandin soll zunächst auf ein Ton-Signal durch eine Blickbewegung in dieselbe Richtung reagieren. Mit einer Kamera verfolgen die Forscher jede ihrer Augenbewegungen. Es piepst im rechten Ohr. Sie fokussiert also den rechten Punkt am Monitor. Nun kommt zu der Blickbewegung eine weitere Aufgabe hinzu. Ein einfaches Multitasking entsteht.
Zeitgleich mit ihrem Blick soll sie eine Taste drücken. Je nach Ton rechts oder links.
Das Ergebnis: Die Versuchsperson kann nicht gleichzeitig sondern nur nacheinander bewusst blicken und die Taste drücken. Für unser Hirn ist Gleichzeitigkeit ein Fremdwort. Je nachdem, ob wir bewusst sehen, hören oder fühlen ist immer nur ein bestimmtes Hirnareal besonders aktiv, die anderen sind passiv.
Professor Iring Koch: "Es ist tatsächlich so, dass man eigentlich die Dinge nicht gleichzeitig macht. Wir reden hier über zeitliche Abschnitte von hundert Millisekunden oder noch weniger, so dass man eigentlich immer zwischen den einzelnen Aufgaben, zwischen den kognitiven Prozessen, den Denkprozessen hin und her wechselt. Man kann eigentlich nicht zwei Reaktionen oder zwei Entscheidungen gleichzeitig fällen, sondern erst die eine und dann die andere, nacheinander."
Eine dramatische Diagnose für das Steuern eines Fahrzeugs. Denn im Straßenverkehr müssen wir versuchen, mehrere Dinge gleichzeitig bewusst und aufmerksam zu tun. Daher soll uns die Technik so wenig wie möglich vom Fahren ablenken.
In einem anderen Versuch sollte die Probandin den größten Kreis auf einem Monitor neben dem Steuer gut erkennen und anwählen können. Ein wichtiger Versuch, um damit später etwa die optimale Schriftgröße für ein Navigationsgerät festzulegen.
Und im Büro? Hier wird Multitasking vom Arbeitgeber erwartet, und viele versuchen sich im schnellen Wechsel zwischen Telefon, Email und anderen Dingen - um Zeit zu sparen und Effektivität zu gewinnen. Ist das sinnvoll?
Iring Koch: "Wenn man zuviel auf einmal macht, zu viele Wechsel, dann wird man sich nicht gut auf eine Aufgabe konzentrieren können. Wahrscheinlich ist die Aufgabenbearbeitungszeit deutlich verlängert im Vergleich zu einer Aufgabe die man allein macht."
Mehrere Milliarden Dollar, so beziffert eine amerikanische Studie den ökonomischen Schaden durch den schnellen Wechsel zwischen Schreiben, Lesen und mit einem Kunden zu reden. Ganz abgesehen vom gesundheitlichen Schaden - durch erhöhten Stress.
Iring Koch: "Multitasking ist nicht unbedingt was Gutes, und wer von sich behauptet, dass er ein guter "Multitasker" ist, muss nicht unbedingt auch derjenige sein, der die besseren Leistungen bringt."
Technik soll im Fahrzeug unsere Unfähigkeit zum Multitasking abfangen, etwa um das Fahrzeug zu bremsen. Möglich macht das ein Kamerasystem, das menschliche Silhouetten im Blickfeld des Fahrers erkennt.
Doch unser Gehirn bleibt wohl immer die wichtigste Instanz, um die Bedeutung zeitgleicher Aufgaben einschätzen zu können. So bleibt der Faktor Mensch trotz aller Technik unersetzbar. Denn die Verantwortung haben wir, nicht die Technik.