DW-TV: Sie kennen sich mit Autisten aus. Ist es denn für autistische Kinder gut auf eine Extra-Schule zu gehen, oder wäre es besser am ganz "normalen" Leben teilzunehmen?
Isabel Dziobek: Grundsätzlich lassen sich für beide Möglichkeiten Argumente finden. Zum einen ist es wichtig, dass autistische Kinder gefördert werden, da wo sie Probleme haben. Autistische Kinder ähneln sich ja in ihrer Problematik. Zum anderen ist es natürlich auch wichtig, dass sie lernen mit Kindern zu interagieren, die keinen Autismus haben. Irgendwann sollen sie ja auch bereit sein am täglichen Leben teilzunehmen.
DW-TV: Wenn Sie Autismus erforschen, dann schauen Sie ins menschliche Gehirn. Was sehen Sie dort?
Isabel Dziobek: Sehr verschiedene Dinge. Wir gucken uns zum einen die Struktur des Gehirns an. Wir messen das Volumen verschiedener Strukturen. Dann gucken wir uns aber auch die Aktivität an. Wo "leuchtet" es, wenn autistische Menschen sich zum Beispiel Gesichter anschauen. Da sehen wir zum einen, dass die Aktivität unterschiedlich ist. Hier unten an der Basis des Gehirns, aber auch tiefer drin im Schläfen-, Nackenbereich sind Strukturen, die für die Emotionsverarbeitung wichtig sind.
DW-TV: Das heißt, der Bereich ist für Gefühle zuständig. Autisten können schlechter Gefühle verarbeiten und können auch Gesichter nicht so gut erkennen?
Isabel Dziobek: Ja, das sind die Kernsymptomatiken bei autistischen Menschen.
DW-TV: Warum gibt es bei manchen Autisten eine besondere Hochbegabung?
Isabel Dziobek: Das weiß man nicht ganz genau. Man weiß auch nicht ganz genau, was die Entsprechungen eigentlich im Gehirn sind. Interessant ist, dass viele autistische Kinder mathematische oder zeichnerische Fähigkeiten haben. Wenn mit ihnen aber zum Beispiel soziales Kompetenztraining gemacht wird und sie sich in diesem Bereich verbessern, ist es ganz häufig so, dass diese Sonderbegabung oder Inselbegabung schlechter wird.
DW-TV: Warum tritt Autismus hauptsächlich bei Jungen auf?
Isabel Dziobek: Das weiß man auch noch nicht so ganz genau. In Cambridge gibt es eine Forschergruppe, die sich hauptsächlich darum kümmert und sagt, dass Autismus die extreme Form des männlichen Gehirns sei und das Testosteron und Geschlechtschromosomen eine Rolle spielen. Aber bisher weiß man noch nicht wirklich genau, was der Grund dafür ist.
DW-TV: Was kann man denn tun, um autistischen Menschen zu helfen. In vergangenen Jahren war immer wieder die Rede von Delfintherapien. Autistische Kinder haben angeblich einen besonderen Zugang zu diesen Tieren. Was sagen Sie dazu?
Isabel Dziobek: Ein besonderer Zugang zu Tieren ist mit Sicherheit vorhanden. Das sehe ich auch bei erwachsenen Autisten, mit denen ich zusammen arbeite. Allerdings fällt die Delfintherapie in die gleiche Kategorie wie die Reittherapie oder Unterwassertherapie, die mit Sicherheit nützlich sind, aber es fehlt bisher der wissenschaftliche Nachweis, dass es wirklich anhaltende Veränderungen hervorruft.
DW-TV: Autismus ist genetisch bedingt. Man wird also mit Autismus geboren?
Isabel Dziobek: Ja, per Definition ist Autismus eine Entwicklungsstörung. Das heißt, sie muss in der ganz frühen Kindheit diagnostizierbar sein.
DW-TV: Was sind die Alarmzeichen?
Isabel Dziobek: Wir nennen die Alarmzeichen "Red.Flags". Blickkontakt ist eines der wichtigsten Kriterien. Wenn kleine Kinder keinen Blickkontakt zu ihrer Mutter aufnehmen, oder sehr früh keinen Körperkontakt haben wollen, oder auch auf ihren eigenen Namen nicht reagieren, sind das die drei Hauptmerkmale, die schon ganz früh auftreten.
DW-TV: Würden Sie denn sagen, Autisten müssen lernen mit der Umwelt zu leben, oder muss die Umwelt lernen, mit Autisten zu leben?
Isabel Dziobek: Ich denke, dass beides wohl der Fall ist. Autistische Menschen müssen lernen sich zu integrieren, weil man in einer Gesellschaft nicht immer auf Mitmenschen stösst, die tolerant sind. Auf der anderen Seite gibt es eine Bewegung der Autisten, die autistische Community, die seit 2005 jährlich den "Autistic Pride Day" begehen, um für eigene Rechte zu kämpfen und dem Wunsch nach gesellschaftlicher Akzeptanz ihrer autistischen Eigenheiten Ausdruck zu verleihen.
(Interview Daniela Levy)