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Ein Beispiel: die Architekten am Institut "Grundlagen Moderner Architektur" der Universität Stuttgart. Bislang haben sie bevorzugt mit Weiden gearbeitet, denn diese Bäume wachsen schnell. In ihren Versuchen haben sie herausgefunden: Die Baum-Bauten müssen benutzt werden, denn nur so werden sie auch kräftiger. An besonders belasteten Stellen entstehen Verwachsungen. Sie sorgen dafür, dass das Bauwerk stabiler wird.

Um sie zu optimieren, experimentieren die Baubotaniker in ihrem Ideen- und Versuchslabor, das zugleich Werkstatt und Gärtnerei ist.

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Ein Kindertraum: Das Baumhaus. Doch dieses Bauwerk ist mehr als einfach nur ein Baumhaus: Hier wurde mit lebenden Bäumen gebaut. Nicht Bretter aus dem Baumarkt, sondern Weiden bilden das Fundament. Eine neue ökologische Bauweise, die an Orten sinnvoll ist, wo die Umwelt nicht belastet werden soll.

Im bayerische Waldkirchen haben drei junge Architekten aus Stuttgart im Frühjahr eine Aussichtsplattform aufgestellt. Baubotanik nennen sie das. Sie wollen daraus einen neuen Zweig der Architektur machen. Das Prinzip: Die Bäume dienen als Tragwerk. Sie werden so gepflanzt, dass sie zusammenwachsen. Die Wurzeln bilden das Fundament.

Hannes Schwertfeger erklärt die Konstruktion ihres Baumhauses:

"Also man hat normalerweise einen Pflanzgraben: ungefähr einen Meter tief und sieben Meter lang. Dort werden die Pflanzen reingestellt und mit Eisenringen befestigt. An der innersten Schicht ist die Ebene des Baumhauses befestigt und die äußeren beiden tragen den Dachring. Wenn das dann im Laufe der Zeit zusammenwachsen wird, wirkt letztendlich die komplette Konstruktion wie ein Baum."

...und das hält! Eine 800 Kilogramm schwere Etage tragen die Weiden - und noch dazu zehn Leute. Mit der Zeit wird der Bau sogar noch stabiler! Gut sechs Meter ist er hoch. Die Baubotaniker aber wollen höher hinaus. Sie wollen die Dimensionen von normalen, ausgewachsenen Bäumen erreichen.

Daran forschen sie am Institut für Grundlagen moderner Architektur an der Uni Stuttgart. Mit ihren Studenten entwickeln die Baubotaniker schon mal Visionen, z.B. eine Diskothek im Baumhaus. Zur Zeit forschen sie nach geeigneten Bäumen für solche Großprojekte, und sie experimentieren mit verschiedenen Konstruktionsideen.

Das älteste Projekt, ein zwei Jahre alter Steg steht im Kunstpark am Ried. Wie sonst keine Architektur verändern ihn die Jahreszeiten. Die Bäume wachsen nicht nur, sie reagieren auf Wind und Wetter wie auf die Benutzung. Das ist die soziale Komponente. Die Bauten müssen benutzt, ja, in Besitz genommen werden.

Dadurch werden sie kräftiger. Denn an den belasteten Stellen entstehen durch das Dickenwachstum der Bäume sogenannte Verwachsungen.

Oliver Storz: "Die Stange stört erst einmal den Baum. Dann adaptiert er seine Form lokal an die Stange, bis sie eben nicht mehr stört. Also die technischen Sachen wie die begehbare Ebene oder der Handlauf, die bleiben an der gleichen Stelle. Bei Bäumen ist es so, dass sie sich nicht in die Höhe skalieren. Die wachsen nur in die Dicke und an der Triebspitze weiter. Die Verwachsungen haben nur zur Folge, dass es stabiler wird."

Diese Verwachsungen der Pflanzen wollen die Baubotaniker nun optimieren. Damit betreten sie Neuland. So ist ihr Büro alles zugleich: ein einzigartiges Ideen- und Versuchslabor, Werkstatt und ambitionierte Gärtnerei. Ferdinand Ludwig züchtet verschiedene Baumsorten. Er sucht nach Arten, die gut verwachsen, und erforscht, wie man sie am besten verschweißt, damit sie dem Bau an der gewünschten Stelle Stabilität verleihen. Bisher wurde mit Weiden gebaut, die schnell groß werden, aber auch weich bleiben. Die chinesische Parotia Persica dagegen ist härter und eine wahre Verwachsungskünstlerin.

Ferdinand Ludwig:

"Die Pflanze heilt sehr schnell, wenn man sie verletzt und sie entwickelt auch schnell Knorpel um die verletzte Stelle herum. Solche Knorpel stoßen natürlich sehr schnell zusammen und dann kommt es möglicherweise am besten zu diesen Verwachsungen."

Die Belastbarkeit der selbst entwickelten technischen Bauteile wird ebenfalls geprüft. Die Entwürfe sollen ja sicher sein und müssen wie jedes andere Gebäude beim Bauamt bestehen.

Und die technischen Verbindungsstücke sollen schließlich für die serienmäßige Produktion entwickelt werden - wie auch die Bäume selbst. Dazu experimentiert Ferdinand Ludwig mit Platanen in einem Foliengewächshaus, in dem er mit einem Computer das Klima steuert:

"Das ist ja eine Idee der baubotanischen Forschung, so eine Art pflanzliches Halbzeug zu produzieren, sehr lange, gut biegbare Pflanzen, die man am Anfang gut biegen kann, um dann sehr große, komplexe Tragstrukturen zu produzieren, die dann durch das Dickenwachstum fest werden."

Mit den Folien werden Lichtspektren herausgefiltert und so die Konkurrenz im Wald simuliert. Die Pflanzen recken sich zum Licht und sollen so länger und viel dünner werden als die normal beleuchteten. In drei Jahren wird man wissen, ob diese Zuchtmethode Erfolg hat.

Einer von vielen Kooperationspartnern ist der Botanische Garten in Freiburg. Dort ist man von den Stuttgarter Baubotanikern begeistert.

Thomas Speck Leiter des Botanischen Garten Freiburg und Leiter der Plant Biomechanic Group: "Der Traum von den Kollegen der Baubotanik ist ja, die Reaktionsfähigkeit der Pflanzen wirklich aufs Extremste zu nutzen. Da erwarten wir uns natürlich schon einen Erkenntnisgewinn für unsere Forschung an Bäumen und Lianen."

So hat der Botanische Garten gleich einen Pavillon bei den Baubotanikern bestellt. Eine große Herausforderung: Die Konstruktion besteht aus sehr dünnen Weiden und soll zur festen Gitterwand werden. Die Baubotanik nutzt dafür das bionische Vorbild exotischer Pflanzen: In diesem Fall die Würgefeige, die als Parasit auf anderen Bäumen wächst.

Ferdinand Ludwig: "Sie keimt oben in der Krone eines Wirtsbaumes und mit diesen Luftwurzeln erwürgt sie auch quasi den Wirtsbaum. Der Baum stirbt dann im Laufe der Zeit ab. Gleichzeitig werden diese anfangs sehr flexiblen Würgefeigenseile zur druckstabilen Fachwerkstruktur."

Statt des Wirtsbaums sollen aufblasbare Strukturen benutzt werden, sogenannte Pneus, um die herum die langen, jungen Bäume gepflanzt werden. Haben die sich verdickt, zieht man die Pneus heraus. Durch die Benutzung stabilisiert sich der Bau immer mehr.

Thomas Speck: "Wir von der Bionik, wir lernen natürlich auch eine ganze Menge darüber, wie man in durchaus technischen Material diese Selbstadaptionsfähigkeit nutzen kann. Denn es wäre ja durchaus interessant, auch ein nichtlebendes Material zu haben, dass sich an den Stellen, wo Hauptbelastungen auftreten, dann versteift und deshalb diese Lasten dann besser aufnehmen kann."

Wir werden nicht gleich morgen ins Baumhaus einziehen. Doch die Stuttgarter Baubotaniker bieten mit Sicherheit ein Denkanstoß um die Architektur noch kreativer zu gestalten.

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