Für eins ist der international arbeitende Taschen Verlag aus Köln in jedem Fall nicht bekannt: für bescheidene, unauffällige und kleine Bücher. Und an diesem Ruf wird auch dieser neue Band aus dem Haus der Riesenbücher nichts ändern. Auf fast 700 Seiten bei mehr als vier kg Lebendgewicht bietet dieser Bildband ein großformatiges Panorama der größten deutschen Stadt, das unterschiedlichen Leuten gefallen könnte: Berlin-Liebhabern -natürlich. Aber auch kulturgeschichtlich Interessierten, Liebhabern von Fotografie-Geschichte, vom-Wandel-der-Zeit-Faszinierten oder an-der-deutschen-Geschichte-Interessierten.
Bild und Text
Der Klappentext bezeichnet das Buch als "die umfangreichste Foto-Studie über Berlin, die jemals veröffentlicht wurde". Das erscheint glaubwürdig. Bilder von rund 280 Fotografen zeichnen ein Bild der geschichtsträchtigen Stadt von 1860 bis heute. Unter ihnen sind anonyme und unbekannte Bildkünstler ebenso vertreten wie solch klangvolle Namen wie Henri Cartier-Bresson, Helmut Newton, Robert Capa und viele andere.
Die Einteilung gliedert sich in fünf Bereiche: "Preußenhauptstadt, Kaiserzeit um 1860 - 1919", "Zwischen den Kriegen 1919 - 1939", "Krieg und Konsequenzen 1939 - 1953", "Teilung und Neubeginn 1953 - 1989", "Hauptstadtträume, Hauptstadtneubau 1990 - heute". Jedem Abschnitt geht eine etwa dreiseitige Einleitung voraus, die den folgenden Zeitraum geschichtlich einordnet und auf die folgenden Bilder einstimmt. Zwischen die großen Zeitabschnitte eingestreut finden sich Texte und Bilder von Roger Schall, Ursula von Kardorff und Peter Wawerzinek mit persönlichen Erinnerungen an bestimmte Ereignisse oder auch der prototypischen Schilderung "Aus dem Leben einer deutschen Familie" zur Zeit des Nationalsozialismus (Schall).
Karneval in Berlin?
Durch die in großem Format dargestellten Bilder, die beim Betrachter einen sehr plastischen Eindruck hinterlassen, lässt es sich wunderbar auf Entdeckungsreise gehen. Besonders frappierend auf den ersten Seiten etwa ein Bild aus dem Jahre 1870: Zunächst sieht man einfach ein riesiges Reiterdenkmal, bis oben hin mit Menschen "vollgepfropft", die in sichtlicher Hochstimmung etwas feiern. Karneval in Berlin? Ein Volksfest?
Die Bildbeschreibung löst das Rätsel: Das Bild ist aus dem Jahre 1870, da klingelt es bereits beim Betrachter, es zeigt das Denkmal Friedrichs des Großen, Unter den Linden - nach einer Siegesmeldung im Deutsch-Französischen Krieg. Faszinierend und erschreckend, sich in die Stimmung des Bildes zu versenken und dabei an den Grund der Freude zu denken …
Rendezvous und Hochbahnunglück
Auf der nächsten Seite: "Rendezvous im Tiergarten, um 1865". Der Tiergarten an sich sieht auch für den heutigen Betrachter oder die heutige Betrachterin noch normal aus. Das Paar, das sich dort trifft, lädt dann wiederum ein zum erstaunenden Nachdenken - über die hochoffizielle Kleidung der beiden, die formelle Haltung, die ganze Inszenierung des Bildes … und und und.
Der Blick in Berliner Hinterhöfe um 1900, das Bild vom "Hochbahnunglück am Gleisdreieck, 1908" (sähe das heute wesentlich anders aus?), Menschenaufläufe zu den verschiedensten Zeiten, "Unter den Linden mit 'NS-Schmuck' anlässlich des Besuches von Mussolini, September 1937", die bröckelnde Mauer 1989 bis hin zu Bildern des heutigen Berlins - zu viel ist zu viel für eine ausführliche Rezensionsbeschreibung.
Eingestreut in die Bildermassen: Zitate von bekannten Berlinern und Leuten wie Vladimir Nabokov, Alfred Döblin, Willy Brandt, Herwarth Walden, Marlene Dietrich und vielen anderen. Das alles zusammen macht den Bildband, der auch zur Repräsentation im Buchregal vorzüglich geeignet ist, zu einer tollen Sache für Berlin-Liebhaber, kulturgeschichtlich Interessierte, fotografiegeschichtlich … - aber das hatten wir schon.