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DW-TV: Frau Grüsser-Sinopoli Wir haben im Film hauptsächlich junge Männer gesehen, sind denn Jungs mehr gefährdet als Mädchen?

Sabine M. Grüsser-Sinopoli: Ja, es zeigt sich schon das Jungs, vor allem emotional, solchen technischen Geräten einfach eher zugewendet sind - wenn man sich die Untersuchungen ausguckt, dann ist ganz klar, das männliche Jugendliche diejenigen sind, die es vorwiegend auch exzessiv nutzen.

DW-TV: Sie erforschen Computersucht an der Charité in Berlin am Institut für Medizinische Psychologie. Wie viele Leute würden Sie sagen sind süchtig oder gefährdet?

Sabine M. Grüsser-Sinopoli: Also, von denjenigen die aktiv Computer spielen, zeigen unsere Untersuchungen, dass es 10 Prozent betrifft, sowohl Spieler im Erwachsenenalter als auch Jugendliche und Kinder.

DW-TV: Das macht jeden 10. Spieler!

Sabine M. Grüsser-Sinopoli: Ja!

DW-TV: Und es sind hauptsächlich Jungs!

Sabine M. Grüsser-Sinopoli: Es sind überwiegend, also 3/4 Jungs.

DW-TV: Wo fängt denn die Sucht an?

Sabine M. Grüsser-Sinopoli: Sie fängt da an, wenn das Verhalten in den Mittelpunkt rutscht. Wenn sich alle anderen Verhaltenweisen diesem süchtigen Verhalten unterordnen, wenn das Verhalten dazu eingesetzt wird, um Gefühle zu regulieren bzw. wenn es das einzige Verhalten ist, was bei der Gefühlsregulation wirkungsvoll ist. Wenn die Kinder uns dann sagen, "wenn ich traurig bin, spiele ich Computer", "wenn ich Aufmerksamkeit will, dann gehe ich an den Computer, denn da habe ich Kontakte, da bin ich wer". Genau da fängt süchtiges Verhalten an, wenn alle anderen Verhaltensweisen nicht mehr so belohnend wirken und nicht mehr eingesetzt werden.

DW-TV: Das heißt in der realen Welt herrscht eine Gefühlsarmut?

Sabine M. Grüsser-Sinopoli: Ja, also besonders gefährdet sind daher ja auch genau die Kinder oder Jugendliche - aber auch Erwachsene - die eben im realen Leben da auch Defizite aufweisen, wo es eben an Aufmerksamkeit und Zuwendung oder Anerkennung fehlt.

DW-TV: Was kann man da denn tun? Wie kann man helfen? Reicht es, Anerkennung zu geben?

Sabine M. Grüsser-Sinopoli: Nein, nur Anerkennung geben reicht natürlich in dem Fall nicht, denn der Computer ist ja nun etwas, was man nicht aus dem Leben von jemanden wegdenken kann. Man müsste letztendlich hier eine adäquate Nutzung des Computers mit den Kindern dann auch erlernen, sich für die Inhalte interessieren, die die Kinder dort nutzen und auch den Kindern Aufmerksamkeit geben und Alternativen aufzeigen, das auch noch andere Verhaltenweisen im Leben gibt, die Spaß bringen.

DW-TV: Wie schwer ist es denn, aus dieser Welt wieder auszusteigen?

Sabine M. Grüsser-Sinopoli: Ja, wenn erst einmal wirklich ein Suchtverhalten vorliegt, ist es natürlich nicht so leicht, weil erst mal alles andere als relativ langweilig empfunden wird und es dauert eine ganze Weile, bis letztendlich die Gedanken nicht mehr um diese Spiele kreisen, den letztlich ist es dieses Kreisen, womit man sich tagtäglich beschäftigt. Aber es ist möglich, auszusteigen, und hier ist es vor allem ganz wichtig, dass man sich erst einmal informiert. Wenn es um Jugendliche geht, müssen sich vor allen Dingen die Angehörigen informieren, zu denen der Süchtige einen guten Kontakt hat, und ihm erst einmal erklären, was Computerspielsucht ist und ab wann und warum jemand computerspielsüchtig werden kann.

DW-TV: Warum wird diese Thema eigentlich erst in jüngster Zeit diskutiert? Computerspiele und Computer gibt es doch schon eine ganze Weile?

Sabine M. Grüsser-Sinopoli: Ja, in jüngster Zeit sind natürlich immer mehr Spiele auf den Markt gekommen und durch diese Online-Rollenspiele, die eine hohe Spielanbindung haben, ist es zum einen Massenphänomen gekommen, wodurch natürlich mehr Aufmerksamkeit darauf gerichtet worden ist. Und dann haben wir ja noch solche Sonderfälle wie die Amokläufer, die Computerspiele genutzt haben, um ihre Tat umzusetzen oder auch funktionalisiert haben, dadurch ist eine verstärkte öffentliche Aufmerksamkeit enstanden.

Interview: Danelia Levy

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