Ergebnis: Die sozialen Strukturen bei Striemengrasmäusen sind ähnlich variabel wie beim Menschen. Das ist sonst in der Tierwelt selten. So gibt es unter den Striemengrasmäusen Singels, Ehepaare, Klein- und Großfamilien, treusorgende Väter und solche, die sich um ihre Kinder nicht kümmern. Dabei stellten die Wissenschaftler überrascht fest: In welchem Sozialverband Striemengrasmäuse leben, hängt auch von den unterschiedlichen Umweltbedingungen ab.
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Mitten im südlichen Afrika, im Namaqualand sitzen Forscher bei über 40 Grad im Schatten und warten - auf die Striemengrasmäuse. Die leben hier in der Halbwüste als Single-Maus oder in der Grossfamilie.
In der Regel scheinen sich zwei bis vier Schwestern mit einem fremden Männchen zusammenzutun. Auch die erwachsenen Söhne und Töchter bleiben über mehrere Monate bei ihrer Familiengruppe. Derart flexible Familienstrategien innerhalb einer Tierart sind äußerst selten. Die Striemengrasmaus ist von Sonnenaufgang bis zur Dämmerung aktiv. Sie ist äußerst anpassungsfähig.
Carsten Schradin, Verhaltensbiologe, Universität Zürich: "Nach fünf Jahren Freilandforschung wissen wir nun mehr über das natürliche Verhalten der Striemengrasmaus als von irgendeiner anderen Mausart."
Dort, wo die Striemengrasmäuse regelrechte Schnellstrassen trampeln, hat Carsten Schradin von der Universität Zürich eine Forschungsstation aufgebaut: im Natur-Reservat Guchap im Nordwesten Südafrikas. So einfach wie es hier scheint, ist die Feldforschung für das internationale Biologen-Team allerdings nicht, auch wenn die Mäuse in ihrer Neugier der Station regelmässig einen Besuch abstatten
Stundenlange Konzentration in sengender Hitze, so sieht der Alltag der Mäuseforscher aus. Um aussagekräftige Beobachtungen über das Familienleben machen zu können, müssen die Tiere aber ersteinmal individuell erkennbar sein. Deshalb führt kein Weg daran vorbei, dass sämtliche Mäuse einer Gruppe gefangen und markiert werden müssen. Zwar zeigen Striemengrasmäuse nicht wirklich Scheu vor den Fallen, die Leckerei in den Büchsen ist zu verlockend. Aber einige der gewieften Mäuse haben schon nach kurzer Zeit den Dreh raus.
Und räumen erst mal kräftig ab. Aber den Markierungen mit ungiftiger Haarfarbe entgehen sie am Ende doch nicht. Für die Mäuse ist die Prozedur völlig unproblematisch. Die kräftige Musterung erlaubt es den Forschern selbst aus der Distanz heraus die Beziehungsnetze eindeutig zu entschlüsseln: wer wann mit wem kuschelt, welches Männchen zu welchem Weibchen-Team gehört, oder wie lange die Söhne und Töchter auf eigenen Nachwuchs verzichten und bei der Jungenaufzucht mithelfen. Die unterschiedlichen Charaktere innerhalb einer Familiengruppe offenbaren sich schon nach wenigen Beobachtungs-Stunden. Manchmal werden die Wissenschafter, trotz ausgesprochener Zurückhaltung, selber zu Forschungsobjekten. Eine weitere zentrale Methode ist die Telemetrie. Mit diesem Ortungsverfahren lässt sich herausfinden, wie weit die einzelnen Familienmitglieder auf ihrer Nahrungssuche ausschwärmen.
Carsten Schradin, Verhaltensbiologe, Uni Zürich: "Die Striemengrasmaus lebt unter extremen Umweltbedingungen: Kalte, feuchte Winter, viel Futter im Frühling, danach in der Trockeneit Dürre, kaum Futter. Aber nicht nur innerhalb eines Jahres, von Jahr zu Jahr kann sich der Lebensraum der Striemengrasmaus stark unterscheiden. Die soziale Flexibilität macht es ihr möglich, sich an die verändernden Umweltbedingungen anzupassen und zu überleben."
Wenn genügend Nahrung vorhanden ist, lebt die Striemengrasmaus im Namaqualand bevorzugt in Grossgruppen: Das Männchen, seine Weibchen und ihre Kinder versammeln sich frühmorgens zum Aufwärmen und Kuscheln. Dann geht es einzeln auf Nahrungssuche. Erst gegen Abend treffen sich die Familienmitglieder wieder in der Nähe des Nestes. Und da stossen sie auch auf andere Arten, wie etwa die spezielle Elefantenspitzmaus. Und da zeigt sich ein weiterer Vorteil der grossen Gruppe. Beim Verteidigen ergiebiger Nahrungsquellen.
Bei knapper Nahrung zahlt es sich dagegen für die Striemengrasmaus aus, als Einzelgänger umherzuvagabundieren. Es gibt dann deutlich weniger Mäuse im selben Gebiet, nur wenige alleinerziehende Mütter mit ihren Jungen. Für die Striemengrasmaus hat sich diese soziale Flexibilität bewährt. Deshalb ist sie das verbreitetste Säugetier in ganz Südafrika und besiedelt selbst extreme Lebensräume wie die Wüste im Namaqualand.