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Sind katholische Klosterschulen literarische Talentschmieden? Die Frage ist keineswegs aus der Luft gegriffen. Paul Ingendaay, Kulturkorrespondent der FAZ in Madrid und angesehener Literaturkritiker, beschreibt in seinem Erstling ein Jungen-Internat, das auch die Schriftsteller Christoph Peters und Gregor Hens absolviert haben.

Ich-Erzähler Marko, der wie Ingendaay aus Köln stammt, bezeichnet dieses Internat als "Insel der Verzweiflung im niederrheinischen Nichts". Ohne Fernsehapparat, fernab von Mädchen, Autos und Kneipen wird die Literatur für ihn zum Fluchtort. Der Roman "Warum du mich verlassen hast" bekommt so zwangsläufig eine stark reflektierende Note. Schließlich will Marko vor sich rechtfertigen, woher seine Nihilismus-Anfälle kommen. Wie Jesus am Kreuz fragt er sich - daher auch der Romantitel -, warum Gott ihn verlassen habe; oder mit dem römischen Denker Seneca: "Warum, wenn eine Vorsehung die Welt lenkt, widerfährt guten Menschen soviel Unglück?"

Subtil und humorvoll

Es sind die regelmäßigen Albträume mit Schwester Gemeinnutz, die Marko zum Schreiben bringen. Das Erzählen des Erlebten hat also auch eine selbsttherapeutische Funktion. Doch versteht Paul Ingendaay sein Handwerk. So trist und eingezwängt das Leben im Internat auch war: Der Leser seines 500-Seiten-Opus darf auf literarisch hohem Niveau mitleiden. Nie gleitet der Roman in Jammer- oder Nabelschauprosa ab. Vielmehr gelingen immer wieder subtil humorvolle Beschreibungen: so wenn der Präses Marko nach seiner Onanie-Quote befragt oder wenn die ausgebüchsten Freunde im nächsten Dorf beim Tanz in den Mai ein Mädchen für den ersten Kuss suchen.

Paul Ingendaay

Paul Ingendaay hätte seinen Roman vom Plot her auch künstlich dramatisieren können: etwa indem er die Entführung und blutige Befreiung des Internatszöglings Johann Kreutzer mehr ins Rampenlicht gezerrt hätte; oder den von der Internatsleitung vertuschten Selbstmord von Bruder Gregor, der immer wieder die Nähe zu Marko gesucht hatte, um mit ihm über Bücher zu sprechen. Doch Ingendaay wiedersteht solchen Versuchungen. Er operiert lieber mit Andeutungen, mit Fragen, die keine klaren Antworten finden, mit der Beschreibung wackliger Gefühle.

Differenzierter Pubertätsroman

So gelingt es ihm, das Drama der Pubertät in der katholischen Klosterschule in seiner Vielstimmigkeit, in seinen zahllosen Schieflagen aufzufächern. Ingendaay setzt nicht auf Pseudo-Effekte, sondern auf die Beschreibung von Entwicklungsprozessen, von Nuancen - nicht zuletzt in der Darstellung von Markos Reaktionen auf die lange verheimlichte Trennung seiner Eltern.

"Warum du mich verlassen hast" ist ein differenzierter Pubertätsroman, der die Verstörungen und Sehnsüchte des männlichen Nachwuchses beschreibt. Er bewegt, weil er verunsichert. Gerade Erziehungsberechtigten, die ihre eigenen Jugenderinnerungen verdrängen, um gradliniger dirigieren zu können, sei er deshalb empfohlen.

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