Das amerikanische "Bullshit" lässt sich nicht genau übersetzen. Wörtlich übersetzt bedeutet es "Bullenscheiße", gemeint ist allerdings so etwas wie "labern" oder "heiße Luft" von sich geben. "Bullshit" wird geredet. Und irgendwie weiß man schon ziemlich genau, was damit gemeint ist, auch wenn es vielleicht kein ganz treffendes deutsches Wort dafür gibt.
Dämliche Sprüche, hohle Phrasen
Der amerikanische Moralphilosoph Harry G. Frankfurt hat 1988 in einem Essayband einen kleinen Aufsatz über "Bullshit" veröffentlicht, ein Aufsatz, der im vergangen Jahr als Sonderdruck erschienen ist und jetzt auch auf Deutsch vorliegt. Der Erfolg des schmalen Textes belegt, dass Frankfurt mit seiner Theorie einen Nerv getroffen hat.
Zu den auffälligsten Merkmalen unserer Kultur gehört es, dass es so viel Bullshit gibt.
So beginnt Frankfurts Text. Tatsächlich scheint das Reden von "Bullshit" eine Art Markenzeichen unserer Zeit zu sein. Gemeint sind dämliche Werbesprüche, hohle Politikerphrasen, Sonntagsansprachen aller Art. Ein Paradebeispiel für "Bullshitten" ist Sabine Christiansens Talkshow jeden Sonntagabend, die wohl wichtigste politische Talkshow im deutschen Fernsehen. Immer wieder die gleichen Politiker reden über aktuelle Themen von der Steuerreform bis zur Vogelgrippe. Wer bei Sabine Christiansen behauptet, die Stallpflicht für Hühner schütze den Menschen vor der Vogelgrippe, der weiß nicht wirklich, ob das stimmt. Aber es sieht so aus, als hätte er eine Lösung für das Problem. Allein darauf kommt es an, den Anschein zu erwecken, man habe - anders als der politische Gegner - die Dinge im Griff. Frankfurt selbst nennt als Beispiel die Ansprachen von Politikern zum Nationalfeiertag der USA, patriotische Frömmigkeits- und Ergebenheitsbekundungen in großen Worten.
Schlimmer als Lügen?
Was macht "Bullshit" aus? Frankfurt nähert sich dem Phänomen von einer Theorie der Lüge aus. Lügen kann man nur, wenn man ein Verhältnis zur Wahrheit hat. Denn der Lügner muss um die Wahrheit wissen, nur so kann er überhaupt lügen und die Wahrheit bewusst verfälschen. Das ist beim "Bullshit" anders. Dabei, so Frankfurt, geht es nicht um die Wahrheit, aber eben auch nicht ums Lügen. Wahr und falsch sind Kategorien, die den "Bullshitter" ganz einfach nicht interessieren. Eben darin besteht für Frankfurt das Wesen des "Bullshit", ihm ist es egal, wie die Dinge wirklich liegen, man will eine Haltung vorführen, ein bestimmtes Bild von sich entwerfen.
"Bullshit" also als Imagearbeit, die sich nicht um die Wahrheit schert. Für Harry G. Frankfurt ist deshalb "Bullshit" ein größerer Feind der Wahrheit als die Lüge. Und weil es hier um Imagearbeit geht, gibt es in einer zunehmend von Medien bestimmten Gesellschaft zwangsläufig immer mehr davon. Machen wir uns also nichts vor. "Bullshit" ist kein Privileg von Politikern und Werbestrategen. Fromme Mullahs und Priester können es. Und auch im Feuilleton wimmelt es nur so davon. Wie schreibt Frankfurt doch: "Jeder trägt sein Scherflein dazu bei.“