Berlin-Hohenschönhausen, Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit: In Zelle 102 sitzt Manfred Lenz ein, in einer anderen seine Frau Hannah. Silke und Michael, ihre Kinder, hat man in irgendwelchen Heimen untergebracht. Die Republikflucht der Familie im Sommer 1972 ist gescheitert. Der quälende Alltag in den langen Monaten der Einzelhaft mit all seinen Schikanen, Verhören, mit Angst und beunruhigenden Gedankenspielen bildet die Rahmenhandlung in einem Buch, das keine Biographie ist und doch die Lebensgeschichte seines Autors erzählt.
Während der langen Monate im Gefängnis durchlebt Kordons Romanheld Manfred Lenz sein Leben noch einmal: die Kindheit in der Nachkriegszeit im Ostberliner Bezirk Prenzlauer Berg, wo die Mutter eine Gastwirtschaft betreibt. Ein 'Kneipenkind' ist er, vaterlos und viel auf sich gestellt, ein neugieriger Junge, der genau beobachtet, gerne liest und die noch mauerlose Stadt erkundet.
Kleine und große Zweifel
Nach dem frühen Tod der Mutter muss er dann ins Kinderheim, soll mit militärischem Drill zu einem jungen Sozialisten erzogen werden - und fliegt bald raus, startet verschiedene Anläufe ins Berufsleben, muss zur Nationalen Volksarmee und wird schließlich Außenhandelskaufmann, darf sogar bis nach Indien und Indonesien reisen. Da ist die Stadt, das Land, längst geteilt und Lenz kleine Zweifel an der Politik der DDR haben sich zu großen enttäuschten Hoffnungen ausgewachsen.
Klaus Kordon
Zumal ihn bei jeder Anbiederung an das System das schlechte Gewissen plagt, er sich fühlt, als säße ihm ein Krokodil im Nacken. 1972 entschließen sich Lenz und seine Frau zur Flucht. Aber gleich bei der Ankunft in Bulgarien werden sie verhaftet. Irgendjemand muss ihre Pläne, mit falschen Pässen in den Westen zu gehen, verraten haben. Der Anwalt Wolfgang Vogel kauft das Ehepaar schließlich aus der Stasi-Haft frei. Die beiden verlassen die DDR und gehen zunächst nach Frankfurt am Main. Ihre Kinder aber dürfen erst ein Jahr später ausreisen.
Dicht an der Wirklichkeit
30 Jahre hat Klaus Kordon gewartet, bis er dieses Buch anging. Der Abstand war notwendig, sagt er, denn er wollte keinen Rachefeldzug, sondern etwas, das Bestand hat. Und das ist ihm gelungen, in einem genauen und sehr gerechten Buch. Wie das damals war in dieser berühmt-berüchtigten, vor kurzem verstorbenen DDR, hier erzählt es einer, der dabei war, ganz dicht an der Wirklichkeit.
Ein typisches Jugendbuch ist dieser Roman, der aus der Sicht eines Dreißigjährigen geschrieben ist, nicht. Trotzdem kommen zu Lesungen auch viele junge Menschen. Denn Klaus Kordon spricht sie alle an: die Jugendlichen, denen er eine versunkene Welt erschließt, und die Älteren, die er zur Auseinandersetzung mit der eigenen, der deutsch-deutschen Geschichte anregt.