Stellen Sie sich vor, Sie brauchen ein Alibi. Wo waren sie in der Nacht des 9. November 1989? Können Sie sich daran noch erinnern? Oder schreiben Sie Tagebuch und brauchen nur nachzulesen? Walter Kempowski hat Tagebuch geschrieben, und das können wir jetzt nachlesen. Er war am 9. November in seinem Haus im niedersächsischen Nartum und hat Radio gehört. Seine Eintragung lautet: "Mitternacht, am Radio. An den Grenzübergängen stauen sich Tausende von DDR-Leuten, die rüberwollen, die Grenzen sind geöffnet worden."
Das hätte zu Beginn dieses Jahres niemand zu träumen gewagt. 1989 hatte zwar von Anfang an etwas "Historisches" an sich, schon wegen der Zweihundertjahrfeier der Französischen Revolution, aber dass dieses 1989 selbst in die Geschichte eingehen würde, damit haben wohl die wenigsten gerechnet. Gegen Ende dieses Jahres tanzten die Menschen auf der Mauer und riefen "Wahnsinn! Wahnsinn!" Die Gegenwart war "historisch" geworden. Aber am Jahresbeginn herrschte ganz der geschichtliche Rückblick vor. Walter Kempowski schrieb am 1. Januar 1989 in sein Tagebuch:
"Ein großes Gedächtnisjahr hebt die Röcke und möchte begattet werden: Vor 50 Jahren Kriegsanfang, 40 Jahre Bundesrepublik und DDR. - Und ich werde 60! Vor 20 Jahren mein erstes Buch."
Überflieger und Frosch
Walter Kempowski
Die schwüle Metapher vom Röckeheben und Begatten kann als missglückt beiseite gelassen werden. Viel wichtiger ist, dass Kempowski hier sein literarisches Programm auf den Punkt bringt: Die große Geschichte wird mit privaten Geschichten verschaltet; die Überfliegerperspektive derjenigen, die Geschichte schreiben, kontrastiert mit der Froschperspektive derjenigen, die sie erleben.
Walter Kempowski ist ein rastloser Schriftsteller. Vor allem aber ist er ein Lebenslaufjäger und Materialsammler. Sein gewaltiges Archiv bewahrt Tagebücher, Briefe, Foto- und Poesiealben zahlloser Menschen auf. Aus diesem Fundus hat er die riesigen Collagen der beiden "Echolote" montiert, die 1993 und 1999 erschienen sind. Die Arbeit am ersten Echolot, das den Januar und Februar 1943 dokumentiert, nahm Kempowski 1989 stark in Anspruch. Deshalb ist der gesamte Text von "Alkor", wie Kempowski sein Tagebuch von 1989 nennt, von der Sisyphus-Arbeit am "kollektiven Tagebuch" des "Echolot" durchzogen.
Aber in "Alkor" geht es auch sehr persönlich zu. Neben dem "Echolot" und neben der politischen Entwicklung in Deutschland beschäftigt Kempowski sich ausdauernd mit Hund und Katz', mit Hahn und Hühnern, mit störrischen Schafböcken und mit Krähen, die an Scheiben picken. Außerdem flattert Hugo herum. "10. September. Wir frühstücken auf der Galerie: Ei, Apfelgelee und Honig. Auf der Allee wildes Hinüber und Herüber der Kaninchen. Wir beheimaten wohl 30 Stück. Buchfink Hugo kam und holte sich ein paar Krümel. Er scheint schon drei Jahre hier zu leben."
Misanthropischer Märtyrer
Und dann gibt es da noch Steffi. Immer wieder kommt Walter auf sie zu sprechen. Am 10. September schreibt er: "Gestern Steffi Graf gegen die Dings gewonnen. Immer will ich wissen, ob Steffi nun hübsch ist oder nicht. Ihre Stimme ist jedenfalls hart am Wolfsrachen angesiedelt. Neulich hat sie in einem Interview wohl zehnmal hintereinander 'unwahrscheinlich' gesagt. Wie ungeschickt sie sich anzieht, bei Empfängen!"
Auch sonst kommen viele Leute vor. Das ist besonders erwähnenswert, denn Kempowski hat seine Schwierigkeiten mit Leuten. Eigentlich mag er sie nicht. Sie gehen ihm schnell auf die Nerven. An den daraus folgenden Klagen lässt er die Leserschaft ausgiebig teilhaben. Das ist manchmal schnurrig, manchmal giftig, häufig rechthaberisch, oft auch selbstironisch - und fast immer unterhaltsam. Mitunter fragt man sich: Wie kann ein Mensch, der sein ganzes Autorendasein den Lebensgeschichten der Leute weiht, nur so misanthropisch sein? Aber vielleicht gehört das zum Märtyrer-Appeal, den Kempowski so reizvoll findet. Nicht nur an sich selbst, sondern auch an den anderen Heiligen, über deren Folterqualen er in etlichen seiner Eintragungen Buch führt.
"Alkor" ist ein Tagebuch, das uns das Jahr 1989 noch einmal aus der Nähe zeigt, bevor die Ereignisse von damals ganz im Himmel des "Historischen" verschwinden. Vermutlich deshalb hat Kempowski sein Tagebuch nach dem Stern Alkor betitelt: Diesen Stern kann man mit bloßem Auge gerade noch erkennen. Er wird auch "Augenprüfer" genannt.