Wie realistisch Kriminalromane und -filme sein sollen, das für Kritiker, Verleger, Redakteure und Autoren immer wieder eine interessante Frage. Realismus über alles; auch wenn der Stil, die Form darunter leidet? Oder soll man lieber versuchen, eine gute Geschichte zu schreiben, die "wahre“ Polizeiarbeit den richtigen Polizisten überlassen? Oder kann man am Ende gar beides verbinden?
Wie authentisches Ermitteln aussieht - Norbert Horst ist einer der es wissen muss. Der Bielefelder Kriminalschriftsteller arbeitet im Hauptberuf nämlich als Polizeibeamter; genauer: bei der Kripo. "Leichensache“, sein erster Roman, war ein Überraschungserfolg; wurde von Kritikern gelobt und gewann gar den Glauser-Preis für das beste Krimidebüt des Jahres.
Hauptfigur und Alter Ego
Konstantin Kirchenberg, ein Mordermittler mittleren Alters, ist auch in "Todesmuster“, Norbert Horsts neuem Roman wieder Hauptfigur und Alter Ego. Ein Pilzsammler findet vor einer stillgelegten Erzmine eine Blutspur. Er informiert die Polizei. Die untersucht den Fund mehr routinemäßig; vermutlich stammt die Spur, denken die Ermittler, von einem verletzten Tier.
Die DNS-Analyse ergibt allerdings, dass es sich um menschliches Blut handelt. Kirchenberg und seine Kollegen müssen die alte Miene begehen - und da, tief im Berg, tritt im Strahl der Polizeilampen ein fieser Folterkeller zu Tage. In den Boden eingesickert, findet sich so viel Blut, dass klar wird, hier ist ein Mensch ermordet worden. Ein Leiche gibt es allerdings nicht. Nur aufgrund einiger weniger Indizien machen Kirchenberg und Co. sich also an die Ermittlungen ...
Ästhetischer Realismus
Die Geschichte dieser Ermittlungen ist die Story des Buches; Norbert Horst erzählt sie mit den nun schon bewährten Mitteln: Er wählt konsequent die Perspektive seines Alter Egos; der Fall wird komplett in einem kriminalistischen Gedankenstrom Kirchenbergscher Prägung verfolgt. Spannung ergibt sich dabei einerseits natürlich aus der Mordermittlung; insbesondere weil man ja die Sicherheit hat, zwar literarisch zugespitzte, letztlich aber authentische Polizeiarbeit zu verfolgen. Andererseits geht es aber immer auch um den Kommissar und seine Binnenwelt, um seine Gedanken, Probleme, Lüste und Bedenken.
Ein lesenswertes Psychogramm eines Mittvierzigers entwirft Norbert Horst da, ganz nebenbei; und auch das liest sich höchst spannend. Alles in allem also ein einzigartiger Roman. Norbert Horst, so scheint es, hat zu seinem Stil gefunden; er schreibt schnell, konzentriert und streng subjektiv. Ein realistischer Polizeistoff mit ästhetischer Substanz, das ist fast schon so etwas wie die Quadratur des Kreises.