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Wohl keine historische Ausstellung hatte so viele Diskussionen provoziert wie die Wehrmachtsausstellung: Sie wurde nicht nur in den Feuilletons der Republik hoch und runter besprochen, sie provozierte auch vielfältige Stellungnahmen von ehemaligen Wehrmachtssoldaten, Historikern und Politikern bis hin zu einer ganzen Bundestagsdebatte zum Thema und Demonstrationen und Anschlägen gegen die Ausstellung. Wenige falsche Bildunterschriften führten dazu, dass Jan Philip Reemtsma nicht nur die falsch zugeordneten Bilder entfernen lies, sondern eine völlig neue Ausstellung in Auftrag gab - und dafür auch neue Historiker an das Hamburger Institut für Sozialforschung berief. Der Kurator der ersten Ausstellung Hannes Heer musste gehen. Nun blickt er zurück: Auf die Geschichte der Wehrmachtsausstellung und auf die Geschichte vom Verschwinden der Täter.

Mythos vom anständigen deutschen Soldaten

Für Hannes Heer hatte die erste Wehrmachtsausstellung eine kathartische, eine reinigende Funktion: Endlich hätten die ehemaligen Soldaten ihr Schweigen über ihren Fronteinsatz gebrochen:

"Es ist typisch für unsere deutsche Nachkriegsgeschichte, dass [...] der Dialog zwischen den Generationen, dass der wirklich durchschnitten, durchbrochen war. [...] und das kathartische ist für mich, dass die Ausstellung diese Blockade flott gemacht hat: das konnte unterschiedliche Formen annehmen, das konnte ein Nochmal-Losbrüllen gegeneinander sein, das konnte ein Lostrommeln gegeneinander sein. Das ist aber auch ein Form von Kontakt. Das konnte aber auch ein zaghaftes Anfangen der Älteren sein, einiges zu erzählen, von dem was sie bisher nie erzählt hatten."

Ausgelöst wurden diese Diskussionen, so Heer, weil die Ausstellung lang gepflegte Vorstellungen korrigiert hätte: Nämlich, dass die Juden nicht erst in den Konzentrationslagern systematisch umgebracht wurden, sondern schon beim Vorrücken der Armee nach Osteuropa. Und dass für den Holocaust nicht nur die fanatische SS verantwortlich war; auch Soldaten der Wehrmacht waren planmäßig in das Vernichtungswerk einbezogen. Das heißt, der Mythos vom anständigen deutschen Soldaten wurde destruiert.

Die Verbrechen der "normalen Deutschen"

Heer zeichnet in seinem Buch die Geschichte vom Verschweigen der Verbrechen nach: Die Wehrmacht vernichtete Kriegstagebücher, Generäle und Schriftsteller veröffentlichten nach dem Krieg Memoiren und Romane, in denen die Wehrmacht nichts mit den Verbrechen „der Anderen“, der Nazis, zu tun hatte. Schriftsteller, die diesen heimlichen Konsens nicht teilten, fanden entweder keinen Verlag - wie Heinrich Böll - oder sie wurden drastisch zensiert - wie Erich Maria Remarque.

Nachdem Anfang und Mitte der 1990er Jahre endlich die Verbrechen der "normalen Deutschen“ ins Bewusstsein der Öffentlichkeit kamen, sieht Heer jetzt schon wieder eine geschichtspolitischen Wende: Die deutschen Opfer stünden wieder im Mittelpunkt der Diskussion: Deutlichstes Beispiel sei das Buch von Jörg Friedrich über den Bombenkrieg gegen deutsche Städte. Der Auseinandersetzung mit Friedrich widmet Heer ein ganzes Kapitel:

"Er minimiert zunächst schon mal den Völkermord der Deutschen auf Ekzesstaten - das macht er vor allem in seinem ersten Buch - und stellt sie dann gleich den Kriegsverbrechen der Alliierten. Was schlimmer ist, ist [...] , dass er sagt: Vergleichbar dem Holocaust an den Juden ist an den Deutschen ein Völkermord geschehen durch den Bombenkrieg [...] und da wird eine Grenze überschritten, die nicht zu überschreiten ist."

Heer ist weder larmoyant noch selbstgerecht; aber präzise. Er verurteilt nicht, im Gegenteil: Er scheint ihm genug, wenn Soldaten über die Verbrechen, die sie erlebt oder verübt hatten, erzählen. Denn darauf kommt es ihm an: Dass die Wahrheit an die jüngeren Generationen weitergegeben wird. Damit die verdrängte Geschichte nicht immer wieder - wie bei der ersten Wehrmachtsausstellung - in Schockwellen an die Oberfläche brechen muss.

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