”Welchen Weg sollen wir gehen? Den nach links oder den nach rechts? Oder doch den in der Mitte?” Im Herzen des Kongobeckens sehen alle Wege gleich aus, schreibt B. Grill etwas resigniert - und meint es wohl auch im übertragenden Sinn. Trotz aller Sympathie für Afrika und seine Menschen, ist Grill sehr enttäuscht über den Stillstand auf diesem Kontinent.
In seinem Buch ”Ach, Afrika” schildert der langjährige Afrika-Korrespondent der Wochenzeitung "Die Zeit" die verheerenden Folgen des Sklavenhandels und der Kolonialherrschaft. Die Misere des Kontinents führt er allerdings auf die Afrikaner selbst zurück - auf machtbesessene Präsidenten und korrupte Eliten.
Bruch eines Tabus
Grills Kernthese ist ein ernüchterndes Fazit: die Modernisierung Afrikas war zum Scheitern verurteilt, weil sich die Afrikaner ihr verweigert haben. Bei dieser provozierenden These stützt sich Grill auf die Kamerunerin Axelle Kabou und ihre Anfang der 1990er Jahre erschienene Streitschrift ”Et si l’Afrique refusait le développement?” Und wenn Afrika die Entwicklung selbst verweigerte? Er schreibt:
”Axelle Kabou bricht ein Tabu. Sie macht nicht nur kranke Staatschefs und korrupte Eliten für die Malaise des Kontinents verantwortlich, sondern auch das ganz normale Volk, jeden Einzelnen. Die Afrikaner glaubten immer noch, der Rest der Welt schulde ihnen die Rettung ihres Kontinents - als späte Kompensation für erlittenes Unrecht …”
Persönliche Zweifel
Mit dieser These möchte Grill nicht verdammen, sondern wachrütteln. Verblüffend ist dabei, mit welcher Offenheit er über seine persönlichen Zweifel schreibt. In einem bewegenden Kapitel über den verleugneten Völkermord in Ruanda, schildert er zum Beispiel seine Zweifel am Beruf des Journalisten und sein Unbehagen, zu den Katastrophenreportern zu zählen:
”Versage ich als Mensch, weil ich als Journalist funktioniere? Musste ich nicht meinen Auftrag, dieses Inferno zu beschreiben, vergessen, um zu helfen?”
Grill übt reichlich Selbstkritik, zum Beispiel, wenn es um den simbabwischen Diktator Robert Mugabe geht - den er lange als afrikanischen Hoffnungsträger sah.
Nähe und Distanz
”Ach, Afrika” ist jedoch viel mehr als ein Ausruf der Enttäuschung und Verzweiflung über einen stagnierenden Kontinent - geplagt von Hunger, Armut, Kriegen und Epidemien. Das Buch steht auch für all die schönen Bekanntschaften und Überraschungen, die Grill in seiner langen Zeit als Korrespondent in Afrika erlebt hat. Für die Kreativität der Afrikaner, ihrer Lebensfreude und Gastfreundschaft - und auch die Schönheit des Kontinents.
In seinem Streifzug durch Afrika wechselt der Autor manchmal etwas abrupt von einem Land zum anderen - der Leser, der wahrscheinlich keine Karte vor Augen hat und die Hauptstädte aller 48 afrikanischen Länder kennt, mag da gelegentlich den Überblick verlieren: Insgesamt ist das Buch jedoch spannend und sehr lesenswert. Besonders weil Grill es versteht, abwechselnd als Reporter anschaulich und packend mitten aus dem Geschehen zu berichten, und dann mit der nötigen Distanz als Analytiker, die Probleme des Kontinents unter die Lupe zu nehmen.