"Fahr nach Gaza!“, so lautet die landläufige israelische Variante des Ausdrucks "Fahr zur Hölle!“. Dennoch oder gerade deshalb hat die israelische Journalistin Amira Hass keine Mühe gescheut, in den von Gewalt und Armut gezeichneten Gazastreifen zu reisen, um dort den deprimierenden Alltag der Palästinenser unter israelischer Besatzung zu dokumentieren.
Jahrelang lebte die couragierte Reporterin der israelischen Tageszeitung "Haaretz“ in ärmlichen Behausungen von Gaza-Stadt, mit dem Ziel, tiefere Einblicke in die palästinensische Gesellschaft und Politik zu erhalten. Dadurch gelingt Amira Hass das, was vor ihr nur einige wenige Journalisten erreichten: eine umfangreiche und detaillierte Analyse des Nahostkonflikts, jenseits oberflächlicher Bestandsaufnahmen von Gewalt und Gegengewalt in den besetzten Gebieten.
Soziale Folgen der Abriegelung
Die Autorin beschreibt, wie sich der Gazastreifen bereits vor der ersten Intifada, zu Beginn der 1980er Jahre, zum eigentlichen Dreh- und Angelpunkt des politischen Aktivismus der Fatah-Bewegung entwickelte. Durch ihre Gespräche mit ehemaligen Anführern des Aufstandes gegen die israelische Besatzung erhält der Leser ein umfassendes Bild von den Fraktionen, Bündnissen und rivalisierenden Gruppen innerhalb der palästinensischen Bewegung: Angefangen bei der PLO-Führung, den Kommunisten und der Volksfront zur Befreiung Palästinas, bis hin zu den Trägern des politischen Islams, der Hamas.
Darüber hinaus berichtet Hass über die sozialen Folgen der bis heute anhaltenden Aufstände sowie der Repressionen der israelischen Armee gegen die palästinensische Zivilbevölkerung. Dabei geht sie hart mit der israelischen Sicherheitspolitik ins Gericht. Mit scharfen Worten kritisiert sie Israels Politik der "inneren Abriegelung“ der Palästinensergebiete, und den forcierten Siedlungsbau während des sogenannten Friedensjahrzehnts, nach den Oslo-Abkommen. Diese Politik habe den Friedensprozess letztlich völlig zementiert, den Konflikt weiter geschürt und eine demographische Trennung von Juden und Palästinensern in einem Land geschaffen.
Beklemmendes Zeitdokument
Doch mit ihrer Kritik an der israelischen Militär- und Siedlungspolitik beläßt es die Autorin nicht. Ebenso schonungslos deckt sie die politischen Widersprüche innerhalb palästinensischen Autonomiebehörde auf, mit ihren "hohlen Versprechungen und Erklärungen“ - eine Politik der Arroganz, die sich nicht wirklich an den Bedürfnissen der palästinensischen Zivilbevölkerung orientiert, schreibt Amira Hass. Ihr ernüchterndes Fazit wirft ein Schlaglicht auf die gegenwärtige Gewalteskalation und das Scheitern der Oslo-Vereinbarungen im Zuge der zweiten Intifada. Das Buch von Amira Hass ist ein beklemmendes Zeitdokument und ein Muss für jeden, der sich näher mit den Ursachen des Nahostkonflikts und der palästinensischen Tragödie beschäftigen will.