Einen schönen Titel hat sich der Frankfurter Campus-Verlag für seinen kanadischen Erfolgsautor John Ralston Saul ausgedacht: "Von Erdbeeren, Wirtschaftsgipfeln und anderen Zumutungen des 21. Jahrhunderts" - das klingt nach Generalabrechnung mit dem globalisierten Zeitgeist, das klingt kultverdächtig.
Im Englischen heißt sein Buch "The Doubter´s Companion", das Nachschlagewerk für Zweifler - und das kommt der Sache schon näher als die Verlagswerbung, die vom "ultimativen Zeitgeistlexikon" spricht. Der Autor selbst hätte sich bestimmt am Begriff "ultimativ" gestört, weil ihm alles verdächtig vorkommt, was den Anspruch von Absolutheit erhebt.
Sauls bissige und provokative Kritik gilt den Helden der Geschichte, den Politikern, den Experten, den Technokraten, den Managern, den Wirtschaftswissenschaftlern im Allgemeinen und der Harvard School of Business und der Chicago School of Economics im Besonderen, die überhaupt an allem Übel schuld sind.
Von A wie Amoralität bis Z wie Zweifel
Daneben kriegen auch alle Philosophen ihr Fett weg, die nicht in der Tradition des Humanismus und der Aufklärung stehen, alle Eliten und Ideologen, die sich hinter ihrer technokratischen Sprache verstecken und sie als Herrschaftsinstrument gebrauchen.
Seine Artikel reichen von A wie Amoralität, "eine in modernen Organisationen hoch gelobte und reich belohnte Eigenschaft", bis Z wie Zweifel, "die einzige Tätigkeit des Menschen, mit der er Machtanwendung unter Kontrolle halten kann".
Köstlich ist, was dem Autor zur christlichen Heiligen Dreifaltigkeit einfällt oder zum Wirtschaftsgipfel in Davos, sarkastisch, was er über Acapulco zu sagen hat, und hintergründig, was bei Achselhöhle steht, nämlich ein lapidarer Querverweis zum Artikel über die Wahrheit.
Aber der Mann hat es auch gut, er hat Zeit genug, sich augenzwinkernde, kritische und provozierende Definitionen auszudenken. Seine Frau ist Generalgouverneurin von Kanada geworden, er ist also eine Art "First Gentleman" und kann seine Bosheiten aus dem Präsidentenpalais versprühen.
Sehr gut und sorgfältig übersetzt
Man kann von Sauls Buch halten, was man will: einige Vorteile sind unbestreitbar. Man muss es nicht wie einen Roman von vorne bis hinten durchlesen, sondern kann sich seine Bosheiten abschnittsweise auf der Zunge zergehen lassen. Und weil ein Teil der Saul´schen Kritik an der Sprache der Herrschenden, der Eliten, der Experten ansetzt, ist das Buch sehr gut und sorgfältig aus dem Englischen übersetzt, genauer: für die deutsche Spreche adaptiert worden.
Ein wohltuender Unterschied zu manchen übersetzerischen Schnellschüssen, die ansonsten aus Amerika über uns herein schwappen. Allerdings hat das Buch auch Schwächen: Es ist 1993/94 geschrieben worden, die Auslassungen über Rezession, Ronald Reagan und Margaret Thatcher zum Beispiel kommen für den heutigen Geschmack etwas übergewichtig daher.
Ansonsten aber ein sehr kurzweiliges, unterhaltsames, witziges, aber nie auf platten Humor setzendes Buch, für alle Zweifler, die schon immer wissen wollten, was sie von Äpfeln, Big Mac, Bankern, Zappern und der globalen Weltordnung halten sollen.