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In fast allen Nachfolgestaaten der Sowjetunion überschlagen sich seit dem Zusammenbruch des kommunistischen Riesenreiches Politiker und Historiker darin, nationale Geschichtsbilder und Mythen zu schaffen. Man geht auf Distanz zum Geschichtsbild sowjetischer Prägung, wie es über viele Jahre von Moskau diktiert worden war.

Weißrussland allerdings macht da eine Ausnahme. Die Staatsmacht in Minsk hat auch nach der formellen Unabhängigkeit kein Interesse an einer nationalen Identitätsstiftung durch Geschichte, Sprache oder Kultur. Vielmehr stellt Staatspräsident Aleksandr Lukaschenko, seitdem er im Sommer 1994 sein Amt angetreten hat, die Historiographie ganz in den Dienst seiner Politik einer Annäherung an Russland.

Mehrere historische Erklärungen

Liest man Rainer Lindners Dissertation "Historiker und Herrschaft. Nationsbildung und Geschichtspolitik in Weißrussland im 19. und 20. Jahrhundert", dann gibt es mehrere historische Erklärungen, warum die nationale weißrussische Geschichtsschreibung - im Vergleich mit anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion - eine vergleichsweise schwache Position hat.

So hat es auf weißrussischem Gebiet in der Vergangenheit an eigenen wissenschaftlichen Eliten gemangelt, es fehlten wissenschaftliche Institutionen und kommunikative Zentren. Über lange Zeit herrschte ein regelrechter Bildungsnotstand: Ende des vergangenen Jahrhunderts konnten drei von vier Weißrussen nicht lesen und schreiben.

Fehlende nationale Identität

Aber der wichtigste Grund dafür, dass es eine nationale Geschichtsschreibung so schwer hat, ist das Fehlen einer nationalen Identität, aus der heraus sie hätte entstehen können. Ein administrativ abgegrenztes Weißrussland hat es vor 1918 nicht gegeben. Die Folge: Bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein identifizierte sich die weißrussische Bevölkerung in allererster Linie mit der Region, in der sie lebte - und nicht mit einer weitgehend abstrakten "Nation".

Erst seit den polnischen Teilungen und im Verlauf des 19.Jahrhunderts entstand überhaupt ein größeres offizielles historisches Interesse an den Westprovinzen des Zarenreiches. Doch die frühe weißrussische Geschichtsschreibung bis zu Beginn des 20.Jahrhunderts verblieb, so Rainer Lindner, "auf der Ebene eines von den Universitäten Kiew, Warschau und St. Petersburg geführten Gelehrtendiskurses."

Planmäßige Umorientierung

Der Kulturfeldzug Stalins zwischen 1928 und 1934 brachte den entscheidenden Wandlungsprozess von der zaristischen zur Sowjetwissenschaft. 1931 unternahm der Diktator selbst einen ersten Vorstoß, um die Wissenschaft planmäßig umzuorientieren - mit seinem an die Redaktion der ‚Proletarskaja Revoljucija‘ gerichteten Brief "Über einige Fragen der Geschichte des Bolschewismus".

Nicht Dokumente, Quellen oder Literatur sollten nach Stalin Grundlage der historischen Methode sein; vielmehr seien einzig die Taten und Handlungen der Bolschewiki entscheidende Faktoren für die Darstellung oder Beurteilung historischer Zusammenhänge. Und dieser Theorie verlieh der Diktator Nachdruck: Mit Beginn der dreißiger Jahre erfasste die Repression auch die Minsker Akademie der Wissenschaften – Verhaftungen und Exekutionen ließen vom wissenschaftlichen Potential der Akademie so gut wie nichts mehr übrig.

Immer noch der gleiche Zweck

Lindners Darstellung zeigt: Geschichtsbild und Geschichtsschreibung sind in Weißrussland seit langer Zeit Instrumente der Politik. Daran hat sich auch nach dem Wegfall der kommunistischen Moskauer Zentralmacht nichts geändert - im Gegenteil: Unter Aleksandr Lukaschenko scheint Historiographie auch heute noch vor allem den einen Zweck zu haben, dem sie auch in der Vergangenheit schon diente:

"Als Funktion des Politischen oder des Nationalen wurde Geschichte nicht erforscht, sondern konstruiert und dekonstruiert, politisch ausgehandelt oder schlicht festgelegt."

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