Rezensionsbild - Wüstenblume
Waris Dirie gehört seit Jahren zu den Top-Models der Modeszene. Sie hat für Revlon, Benetton oder L'Oreal gearbeitet, posiert auf den Titelseiten berühmter Hochglanz-Magazine und ist über die Laufstege von London, Paris und Mailand geschritten. Ihr Job bringt ihr Ruhm, Geld und Anerkennung.
Aber Dirie kennt noch eine andere Welt, die mit der der Mode nichts zu tun hat. Ihre Kindheit hat sie nämlich in Afrika verbracht. Sie stammt aus einem somalischen Nomaden-Clan, zog mit Mutter, Vater, acht Geschwistern und allerhand Viehzeug durch die Wüste - immer den Regenwolken nach.
Sie hütete Ziegen, lernte Kamele zu melken, schlief unter freiem Himmel und - fand das alles normal. Ihre Umgebung war rauh und karg, aber gleichzeitig, so schreibt sie, war ihre Kindheit auch reich und schön. Waris Dirie hat jetzt ein Buch geschrieben über ihr schönes und schweres Leben: 'Wüstenblume - die Geschichte einer Frau aus Afrika'.
Traum und Alptraum
Waris Dirie war 13 Jahre alt, als sie vor ihrem Vater floh. Der wollte sie mit einem alten Mann verheiraten - gegen einen Brautpreis von 5 Kamelen. Das Mädchen rebellierte gegen die Tradition, floh vor der Hochzeit und wanderte ganz allein nach Mogadischu, in die Hauptstadt Somalias. Dort kam sie bei Verwandten unter, konnte schließlich - mit Hilfe eines Onkels im Diplomatischen Dienst - nach England ziehen, wurde dort von einem Fotografen entdeckt und machte Karriere.
Vom somalischen Nomaden-Clan auf die Laufstege der teuersten Designer der Welt, das ist ein Werdegang, den man traumhafter kaum erfinden könnte – wenn da nicht auch der Alptraum wäre.
Millionenfaches Schicksal
Waris Dirie wurde - wie Millionen anderer afrikanischer Frauen - in ihrer Kindheit beschnitten und damit für den Rest ihres Lebens jeder sexuellen Empfindung beraubt. Sie war etwa 5 Jahre alt, als ihre Mutter den Besuch der Beschneiderin ankündigte, der "Mörderin" - wie die Autorin sie heute nennt. Ohne Betäubung hat sie dem Mädchen mit einer Rasierklinge Klitoris und Schamlippen weggeschnitten und die Wunde mit einem Zwirn vernäht.
Es war, so schreibt die Autorin, als ob Dir jemand ein Stück Fleisch aus der empfindlichsten Stelle deines Körpers reißt. Waris Dirie hat die Prozedur überlebt, eine ihrer Schwestern und zwei Cousinen verbluteten - so wie auch heute noch viele Mädchen in Afrika.
Liebevoll und aufrüttelnd
Niemand hört solche Berichte gern. Aber, findet Waris Dirie: Es muss sein, dass sie darüber spricht. Die Autorin hat mit ihrem Buch die Mauer des Schweigens gebrochen - und damit den Kampf gegen die grausame Tradition aufgenommen. Sie engagiert sich mittlerweile auch als Sonderbotschafterin der UNO gegen die sexuelle Verstümmelung von Frauen, sie spricht über ihre eigene Verletzung, um aufzuklären und hofft, dass eines Tages kein Kind mehr diese Qual erleiden muss.
Wüstenblume ist ein liebevolles und brutal offenes, ein mutiges und aufrüttelndes Buch - eine Geschichte einerseits so schön wie ein Märchen und andererseits so grauenhaft, dass sie sprachlos macht.