Er hat sich auf die Suche nach einer öffentlichen Moral gemacht. Was er gefunden hat, das sind Egoismus, Borniertheit und ein Verfall der Tugenden. Helmut Schmidt, der Hanseat, der von 1972 bis 1984 ("doch so lange", sagt man sich) Kanzler der Bundesrepublik Deutschland war (und der sich, als er das Amt von Willy Brandt übernahm, fragte, ob er das schaffen werde) - er, der 80-jährige Herausgeber der "Zeit", stellt fest:
"Wenn wir die Würde, die Freiheit und die übrigen Grundrechte von achtzig Millionen Bürgern dauerhaft bewahren wollen, dann bedürfen diese achtzig Millionen einer gemeinsamen Ordnung. Eine solche Ordnung kann nicht allein durch Verfassung und Gesetze hergestellt werden, sondern sie bedarf ebenso des verantwortlichen Handelns aller. Ohne Pflichten können unsere Rechte auf die Dauer nicht gesichert werden". Und das gehe nun einmal nicht ohne Tugenden, ohne Erziehung.
Eigennutz und Sonderrechte
Helmut Schmidt macht sich also Sorgen. Sorgen darüber, ob die Deutschen gerüstet sind für das nächste Jahrhundert. Und - ganz gleich, wohin er blickt, ob er die Politiker, die Kirchen, die Richter, Ärzte, Lehrer und Professoren, die ganze Funktionselite sozusagen, nimmt - siehe da: überall Eigennutz, Besitzstandsmehrung, Sonderrechte.
Die Abgeordneten lassen sich bequem über Landeslisten wählen, rufen nach höheren Diäten und überlassen wichtige politische Fragen den Verfassungsrichtern. Die wiederum leiden unter Stress, wollen ihre Urteile auch noch philosophisch untermauern und obendrein kluge Vorträge halten: Jahrelang ziehen sich so die Verfahren hin.
Die Ärzte genießen zwar noch ein hohes Ansehen, aber auch sie sind nicht frei von Korruption, rechnen Leistungen ab, die sie nicht erbracht haben. Die Hochschulen sind laut Schmidt der "ineffizienteste Zweig der staatlichen Verwaltung", zudem zur Zweit- und Drittklassigkeit verkommen. Von den Kirchen erwartet er "Seelsorge und Trost": "Sie sollen uns Barmherzigkeit und Solidarität lehren gegenüber den Benachteiligten, den Schwachen, Kranken, Armen, desgleichen Toleranz und Respekt vor der persönlichen Würde jedes anderen Menschen".
Wichtiges politisches Buch
Und die deutschen Manager? Bei ihnen, so der Autor, breite sich der amerikanische Raubtier-Kapitalismus, Spekulationismus und Größenwahn aus. Schmidt fordert Gemeinsinn. Er fordert Leistung und Solidaritiät; er wirbt dafür, dass es nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten gibt.
Und er versteht darunter nicht allein die Steuerpflicht oder die Wehrpflicht - er spricht sich übrigens für ein soziales Jahr, auch für Frauen, aus -, nein, er meint vor allem die Pflichten, die aus dem eigenen Gewissen kommen, das, was man schließlich Pflichtbewusstsein nennt. Am Ende des Buches sind sie dann abgedruckt, die Menschenpflichten international - die Ergänzung zu den Menschenrechten: entworfen von Schmidt, Carter, Guiscard, Gorbatschow, Kaunda, Peres, Trudeau, Vranitzky und vielen anderen.
Helmut Schmidts Buch von den Pflichten und der Suche nach einer öffentlichen Moral zählt zu den wichtigsten politischen Büchern dieses Jahres.