Eigentlich erinnert sich kaum jemand mehr an die koloniale Vergangenheit Deutschlands. Auch die kurzzeitige Rolle Berlins als Zentrum des deutschen Kolonialismus in den letzten drei Jahrzehnten des Kaiserreiches, die nach dem ersten Weltkrieg 1918 endete, gehört zu den vergessenen oder verdrängten Themen deutscher Geschichte. Vielen ist heute gar nicht mehr bewusst, dass die Deutschen im damaligen Deutsch-Süd-West-Afrika, dem heutigen Namibia, ihren ersten Völkermord begingen. Die koloniale Schutztruppe schlug 1904 bis 1907 die Aufstände der Herero nieder und löschte große Teile des Volkes aus.
Koloniale Spuren
Mit der Herausgabe des Bildbandes "Kolonialmetropole Berlin" wollen Ulrich van der Heyden und Joachim Zeller zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit Berlins anregen. Das reich bebilderte Buch mit dem Untertitel "Eine Spurensuche" enthält zum Teil erstmals veröffentlichte Fotodokumente. Kolonialpolitik, koloniale Wissenschaft, koloniale Kunst und Vereine, all das hat in Berlin, wie auch in einigen anderen deutschen Städten, Spuren hinterlassen.
Die wenigsten wissen beim Einkauf im Supermarkt "Edeka", dass der Name aus dem Kürzel für "Einkaufszentrale deutscher Kolonialwarenhändler" entstand. Oder, dass viele Kleingartenanlagen, die in Berlin heute noch "Kolonien" genannt werden, Namen wie Togo oder Kamerun trugen, als sie gegründet wurden. Und wer weiß bei einem Besuch des Zoologischen Gartens oder des Treptower Parks, dass dort und an anderen Orten Berlins sogenannte Völkerschauen stattfanden?
"Wilde Kongoweiber"
Völkerschauen waren Ende des neunzehnten Jahrhunderts eine weitverbreitete Form des Unterhaltungsgeschäftes. Menschen fremder Kulturen wurden nach Zentraleuropa oder Nordamerika geholt. Sie sollten einem zahlenden Publikum als typisch erachtete Tätigkeiten aus ihren Heimatländern vorführen.
"Fünfzig wilde Kongoweiber, Männer und Kinder in ihrem aufgebauten Kongodorfe" ist neben der Zeichnung einer halbnackten Afrikanerin auf einem im Buch abgebildeten Plakat zu lesen. Mit solchen rassistischen oder sexistischen Plakaten hofften die Veranstalter, die Berliner für ihre Ausstellungen zu begeistern.
Schaustellung und Eheschließung
Einwände gegen die Schaustellungen kamen allerdings dann aus kolonialen Kreisen selber und führten nach 1901 zu einem Verbot der Anwerbung von Einheimischen aus den Kolonien. Anlass waren bestimmte, als unliebsam erachtete Begleiterscheinungen. So kam es immer wieder zu als skandalös empfundenen Flirts, erotischen Kontakten und vereinzelt sogar Eheschließungen zwischen deutschen Frauen und männlichen Völkerschau-Teilnehmern.
Auch in den anderen, meist kurzen Beiträgen wird der Leser anschaulich in die verschiedensten Aspekte und Phänomene des deutschen Kolonialismus eingeführt. Ob es um Kolonialdebatten im deutschen Reichstag geht, oder ob Klassiker wie die Geschichte des Sarotti-Mohrs behandelt werden - die Autoren versuchen immer aufzudecken, welche Spuren die behandelten Themen bis heute hinterlassen haben.
Ein insgesamt gelungenes und sehr lesenswertes Werk.