Dass sich der chinesische Staat im Recht fühlt, seine Bürger, ihr Denken und Handeln in brutaler Weise zu gängeln, ist - wenn man der Auffassung des Hamburger China-Forschers Oskar Weggel folgt - nicht Willkür, sondern Ordnungspolitik. Diese Ordnungspolitik hat laut Weggel ihre historischen und kulturellen Wurzeln im Konfuzianismus.
In seinem bei Beck in München aufgelegten Buch "China im Aufbruch - Konfuzianismus und politische Zukunft" fasst Weggel seine seit Jahrzehnten vertretene, unter deutschen Chinaforschern keineswegs unumstrittene These zusammen: Die mehr als 2000 Jahre alte konfuzianische Ordnungslehre prägt die Politik nahezu aller chinesischen Herrscher bis heute.
Dies tue sie mit ihren Hauptcharakteristika der Einbindung des Individuums in die Gemeinschaft, des vertikalen Gesellschaftsaufbaus und der harmonischen Lösung von Konflikten: "Ordnung ist im Konfuzianismus eine Frage des Gleichgewichts - und damit des 'Wegs der Mitte', Gleichgewicht daher ein Daueranliegen chinesischer Politik - und dort, wo sie fehlt, ein Daueranlass zu nervöser Suche nach Wiederherstellung von Symmetrien."
"Beruhigungsprozess"
Jedes Zeitalter, so Weggel, habe "seinen" Konfuzianismus hervorgebracht. Nach den Turbulenzen der Mao-Ära sei es das Ziel der Reformer um und nach Deng Xiaoping, das in diesem Jahrhundert verlorene Gleichgewicht wiederherzustellen.
"Auch dieser Beruhigungsprozess sollte übrigens berechenbar und ohne offene Konflikte verlaufen. Kein Wunder, dass dem 'Beijinger Frühling', in dessen Verlauf mehrere Bürgerrechtsbewegungen lautstark die 'fünfte Modernisierung', nämlich Demokratie einzufordern begannen, nur eine Gnadenfrist beschieden war."
Eine Gesellschaft, die das Ganze über den Einzelnen setzt, kann laut Weggel nicht viel von Gleichheit vor dem Gesetz halten, wie sie westliche Demokratien propagieren. Dass damit selbst die Gleichheitsprinzipien des Marxismus - ebenfalls ein westliches System - in China keinen Niederschlag hätten finden dürfen, wird vom Autor allerdings nur am Rande gestreift.
"Wirtschaftskonfuzianismus"
Breiten Raum schenkt er immerhin den chinesischen, paternalistisch geprägten, "harmonischen" Demokratie-Varianten in Singapur und Taiwan und schlussfolgert: "Je weiter 'Modernisierung' und 'Marktwirtschaft' im reformerischen China voranschreiten, umso brüchiger dürfte das autoritäre Erbe werden - und gleichzeitig umso zukunftsträchtiger das konsultative Vermächtnis des Konfuzianismus hervortreten".
Für Weggel liegt in der Konsultation jedenfalls der Schlüssel zum Verständnis der politischen Kultur Chinas, das heißt auch der Funktionsweisen wirtschaftlicher Entwicklungsprozesse. Konsequenterweise spricht der Autor daher von "Wirtschaftskonfuzianismus".
Kein westliches Vorbild
Aus seiner Analyse wird jedenfalls klar: Der Westen sollte sich nicht der Illusion hingeben, jemals zum Vorbild für China zu werden, schon gar nicht in der Frage der Menschenrechte:
"Die westlichen Menschenrechte beruhen auf der Prämisse, dass zwischen Staat und Gesellschaft ein dualistisches Spannungsverhältnis besteht und dass das Individuum als Träger unveräußerlicher Würde deshalb ein subjektives - und als solches einklagbares - Recht auf Verwirklichung seiner Rechte gegenüber dem Ganzen besitze. Die chinesische Auffassung unterstellt demgegenüber ... die untrennbare Einheit zwischen Staat und Einzelperson - mit der Folge, dass es keine Individual-, sondern nur Sozialrechte geben kann: also Rechte der Gesamtheit auf die Funktionsfähigkeit der staatlichen Verwaltungseinrichtungen, auf die Verfolgung von Störern der öffentlichen Ordnung, auf Schutz des gesellschaftlichen Friedens, auf günstige ökonomische Entwicklungsbedingungen sowie auf eine heile Umwelt."
Chinesisches Vorbild?
Und in dieser Hinsicht steht China, wie ihm vom UNDP immer wieder bescheinigt wird, so schlecht nicht da. Kann der Westen in Fragen der Sozial- und Umweltpolitik, die ihm zur Zeit nicht weniger Kopfzerbrechen bereiten, etwa von China etwas lernen? Weggel sagt "Ja" und setzt dem aus Amerika herüberkommenden Kommunitarismus eine fernöstliche Variante entgegen:
"So froh der Autor ist, in einem Zeitalter des Individualismus leben zu dürfen, so sehr glaubt er, auf eine Zukunft hinweisen zu müssen, in der konformistische Verhaltensweisen wieder verstärkt nachgefragt werden und damit die Chancen einer 'Konfuzianisierung' wachsen - auch wenn sich die Europäisierung der Erde im gegenwärtigen Augenblick immer noch auf dem Vormarsch zu befinden scheint."