Russische Panzer auf der Leipziger Straße in Berlin
Der Aufstand beginnt mit Protesten von Arbeitern, die sich von der zehnprozentigen Erhöhung der Arbeitsnorm ohne Lohnausgleich provoziert fühlen. Mit dieser Maßnahme will die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands den von SED-Generalsekretär Walter Ulbricht verkündeten ‚planmäßigen Aufbau des Sozialismus‘ forcieren.
Nach dem Tod des sowjetischen Diktators Josef Stalin im März 1953 drängen die neuen Herren im Moskauer Kreml auf einen politischen Kurs-Wechsel in der DDR. Und tatsächlich scheint die SED in einigen Punkten einzulenken. Unter anderem sollen Bauern ihr enteignetes Land zurückbekommen und die Versorgung mit Konsumgütern verbessert werden. Die Bauarbeiter zeigen sich jedoch unbeeindruckt, denn die erhöhte Arbeitsnorm bleibt bestehen.
In den Morgenstunden des 17. Juni versammeln sie sich, wie tags zuvor verabredet, am Strausberger Platz in Ost-Berlin. Aber auch andernorts folgen die Menschen massenhaft dem Aufruf zum Generalstreik, von dem sie unter anderem über westliche Medien erfahren haben. Zwar lehnen es die Verantwortlichen des Rundfunks im amerikanischen Sektor (RIAS) ab, zum Aufstand aufzurufen. Stattdessen wird mehrmals ein Appell des westberliner Gewerkschaftsvorsitzenden Ernst Scharnowski ausgestrahlt, in dem er dazu aufruft, die streikenden Bauarbeiter zu unterstützen:
1.O-Ton (Scharnowski): Laßt Sie nicht allein! Sie alle kämpfen nicht nur für die sozialen Rechte der Arbeitnehmer, sondern für die allgemeinen Menschenrechte der gesamten ostberliner und ostzonalen Bevölkerung. Tretet darum der Bewegung der ostberliner Bauarbeiter, BVGer und Eisenbahner bei und sucht Eure Strausberger Plätze überall auf! Je größer die Beteiligung ist, je machtvoller und disziplinierter wird die Bewegung für Euch mit gutem Erfolg verlaufen.
In den ersten Stunden trifft das auch zu. Zehntausende Berliner legen die Arbeit nieder und ziehen demonstrierend durch die Straßen. Wieder dabei der 27 Jahre alte Bibliotheksreferendar Peter Bruhn, der sich schon am 16. Juni spontan dem Protestzug zum Regierungsgebäude angeschlossen hat unter noch immer unter dem Eindruck dieses Tages steht:
2.O-Ton (Bruhn): Die Stimmung war nicht nur friedlich, die war sogar euphorisch. Ich erinnere mich noch an die Reaktion der Leute, die war unterschiedlich. Aber immer, wenn die Leute mitkriegten, was los war, waren sie begeistert. Ich erinnere mich zum Beispiel, daß eine alte Frau guckte, als unser Zug da kam, und als einer unserer Bauarbeiter sie aufgeklärt hatte, was los war, da bekam sie Tränen in die Augen. Und andere Leute guckten aus den Fenstern ihrer Wohnungen und winkten. Überhaupt sprachen sich Leute an, die sich bis dahin gar nicht gekannt hatten, und tauschten ihre Meinungen aus. Es war eine wirklich tolle Stimmung in der Stadt.
Das scheint auch am 17. Juni der Fall zu sein. Doch schnell spürt Peter Bruhn, daß sich etwas verändert hat. Gestern noch konnte er beobachten, wie Polizisten fluchtartig ihre Stellungen in der Nähe des Regierungsgebäudes aufgaben, als die Demonstranten sich näherten. Heute ein ganz anderes Bild: auf der Stalinallee fahren sowjetische Panzer-Spähwagen mit Infantristen entlang; der U-Bahnverkehr zum Strausberger Platz, dem Treffpunkt der Demonstranten, ist unterbrochen:
3.O-Ton (Bruhn): Und ich erreichte dann zu Fuß den Strausberger Platz, aber von großer Versammlung war nicht mehr die Rede. Alles marschierte nur noch Richtung Mitte, in Richtung Regierung. Es kamen dann ziemlich bald die ersten russischen Panzer-Spähwagen. Gepanzerte Wagen, die nach oben offen waren, wo man nur die Stahlhelme der dort sitzenden Rotarmisten sehen konnte. Die hatten ihr Maschinengewehr schon freigemacht, den Bezug weggenommen. Und seitwärts hingen die Patronengurte heraus. Das sah alles schon sehr kriegsmäßig aus.
Und das soll es auch. Die ostdeutsche Besatzungsmacht zeigt, wer in der DDR wirklich das Sagen hat. SED-Generalsekretär Walter Ulbricht und Regierungschef Otto Grotewohl werden aus Sicherheitsgründen nach Berlin-Karlshorst gebracht, dem Sitz der sowjetischen Militär-Administration. Dort treffen hochrangige, aus Moskau eingeflogene Militärs eine über den DDR-Rundfunk verbreitete Entscheidung, die dem Volksaufstand seine letztlich tragische Wendung gibt:
4.O-Ton (Rundfunksprecher): "Für die Herbeiführung einer festen öffentlichen Ordnung im sowjetischen Sektor von Berlin wird befohlen: Ab 13 Uhr am 17. Juni 1953 wird im sowjetischen Sektor von Berlin der Ausnahmezustand verhängt. Diejenigen,
die gegen diesen Befehl verstoßen, werden nach den Kriegsgesetzen bestraft. Militär-Kommandant des sowjetischen Sektors von Berlin, Dibrowa, Generalmajor."
Die Demonstrationen gehen dennoch weiter; viele haben die Meldung vom Ausnahmezustand gar nicht gehört. Von Hennigsdorf aus, einer Kleinstadt nördlich von Berlin, marschieren Stahlwerker zum Sitz der DDR-Regierung. Nach über 30 Kilometern kommen sie endlich an. Ein RIAS-Reporter begleitet die Streikenden auf ihren letzten Metern:
5.O.Ton (RIAS-Reporter): Der Demonstrationszug kommt heran. Die Männer und Frauen und Mädchen kommen genau so, wie sie heute früh sich in die Arbeitskleidung geworfen haben, mit ihren blauen Anzügen. Ein großer Teil hat die blauen Schutzbrillen noch, so wie sie morgens vor den Feuerkesseln gestanden haben.
"Wo arbeiten Sie denn?" "Hennigsdorf." "Wann fängt denn die Schicht an morgens?" "6 Uhr 10." "Was hat den Anstoß gegeben? Ist der Entschluß heute morgen gefallen oder gestern schon?" "Heute früh." "Wurde die Arbeit sofort niedergelegt, sind irgendwelche dageblieben?" "Nein, niemand. Geschlossen das Werk verlassen um 7 Uhr."
Sieben Uhr, zu jenem Zeitpunkt also, den die Bauarbeiter von der Stalinallee tags zuvor als Beginn des Generalstreiks ausgerufen haben. Auch in weit entfernten Ecken der DDR kommt es zum Aufstand. Wie man heute durch die Auswertung von Akten der Staatssicherheit und aus Polizei-Berichten weiß, demonstrieren die Menschen in über 700 Orten. Mehr als eine Million Ostdeutsche erheben sich gegen das SED-Regime. In Görlitz, der seit Kriegsende in eine deutsche und eine polnische Hälfte geteilten Stadt an der Neiße, gerät der 34-jährige Werner Herbig eher zufällig in den Protestzug, der sich Richtung Rathaus bewegt:
6.O-Ton (Herbig): Ich hörte dann, als ich um die Straßenecke kam, daß ein Marschblock mit Bauarbeitern, eingehangen in Fünferketten, die ganze Straße blockierte. Und Sie riefen: "Streik, Streik, Streik! Wir streiken, wir verhalten uns solidarisch mit den Arbeitern von Berlin. Und wir demonstrieren für bessere Verhältnisse."
Es gelingt den Aufständischen sogar, die Macht an sich zu reißen. Werner Herbig und andere Görlitzer bilden ein Streik-Komitee. Gemeinsam sorgen sie dafür, daß die Situation nicht eskaliert:
7.O-Ton (Herbig): Da wurde dann die Frage gestellt: "Wo sind denn die Ratsherren?" "Ja, die sind schon alle in Sitzungsälen eingesperrt. Da braucht Ihr keine Sorge haben." Wir gaben dann die Losung heraus, der Bevölkerung zu sagen: "Keine Gewalt anwenden, keine Schlägereien, kein Blutvergießen!" Die sollen nach Hause gehen und sollen dann abwarten, was nun auf uns zukommt. Und sie erfahren dann, wie es weitergeht.
Noch halten die Sowjets sich in Görlitz zurück. Am brenzligsten ist aus ihrer Sicht natürlich die Situation in Ost-Berlin, wo zu dieser Stunde Demonstranten auf das Brandenburger Tor klettern, um die dort wehende Rote Fahne herunterzuholen. Ein Reporter des RIAS schildert diesen symbolischen Akt:
8.O-Ton (Reporter/Demonstrant): (Reporter):Nun geht die Rote Fahne runter. Die Demonstranten klatschen, sie schwenken ihre Hüte. Sie rufen: "Wir grüßen das freie Berlin!" (Demonstrant): Bauarbeiter von der Stalinallee haben die Rote Fahne runtergeholt vom Brandenburger Tor. (Reporter): Nun sind die beiden Jungen wieder hier unten auf der Straße. Sie werden auf den Schultern der Bevölkerung getragen. Und einem von ihnen wird gerade einer roter Nelkenstrauß überreicht.
Hier, am Brandenburger Tor, verläuft die 1953 noch offene Berliner Grenze. Eine groteske Situation: als die jungen Männer die rote Fahne herunterholen, befinden sie sich im sowjetischen Sektor. Anschließend schildern sie, ein paar Meter weiter westlich im britischen Sektor stehend, RIAS-Reportern, wie ihnen ihr spektakulärer Coup glückte:
9.O-Ton (Fahnenjunge): Tja also, wir kamen im geschlossenen Zug anmarschiert und haben versucht, die Fahne zu lösen. Wir hatten beide den entschluß gefaßt, zwei Kollegen ...soeben wir mir ein Fetzen der roten Fahne noch überreicht. Ich freue mich, diesen hier im freien Sektor in der Hand zu haben. Es war keine goße Schwierigkeit. Wir wußten nur nicht die Aufgänge. Wir sind, als wir sie gefunden hatten, raufgegangen, versuchten sie lösen. Es ist uns aber nicht gelungen, da wir kein Messer hatten.
Es sind jetzt zwei weitere Kameraden hoch, und die haben sie gelöst. Unten standen zwischen den hellen Scharen von Menschen einige LKWs mit Russen. Weiter hinten vielleicht auch ein Panzerwagen – ich weiß nicht, ob sie auch formiert sind – und haben uns zugesehen. Eigentlich sind keinerlei Einwände gemacht worden, jedenfalls nicht tätlich.
In diesem Moment glauben die Aufständischen in Ost-Berlin, daß ihr Traum in Erfüllung geht: die Beseitigung des SED-Regimes. Tatenlos schauen sowjetische Soldaten zu, wird die Rote Fahne vom Brandenburger Tor geholt wird. Was kann da noch passieren? Doch der Schein trügt. Es dauert nicht mehr lange, bis Panzer vom Typ ‚T 34‘ ins Zentrum des Aufstands einrücken, den Potsdamer Platz. Peter Bruhn erlebt den Aufmarsch hautnah:
10.O-Ton (Bruhn): Es wurde dann von den Russen versucht, die Straße zu räumen, indem zwei ‚T 34‘ parallel, dicht nebeneinander die ganze Straßenbreite einnehmen in Richtung auf den Potsdamer Platz zurollten, um so die Straße leerzufegen, ziemlich schnell. Man mußte also sehen, daß man nicht unter die Räder beziehungsweise die Ketten kam. Und die wußten offenbar sehr genau Bescheid, wo die Sektoren-Grenze ist. Denn da haben sie gestoppt, vor dem West-Sektor, und sind wieder umgekehrt, die Straße wieder zurück. Und die Volkspolizei versuchte dann im nachhinein, das Gebiet durchzukämmen und die Demonstranten zu vertreiben.
Wut und Verzweiflung greifen um sich. Mit Holzknüppeln und Steinen wehren sich die Menschen gegen die sowjetischen Panzer. Auf der westlichen Seite der Sektoren-Grenze beobachten RIAS-Reporter die dramatischen Stunden, in denen sich das Schicksal des Volksaufstands entscheidet:
11.O-Ton (Reporter): Schüsse am Potsdamer Platz. Wir können von hier aus nicht genau erkennen, wohin geschossen wird und ob die Schüsse von russischen oder von Karabinern der Volkspolizei stammen. Wir können aber von diesem Standort aus weit in die Leipziger Straße hineinschauen. Als Abschluß des Leipziger Platzes hat man eine Barriere aufgebaut. Dahinter drei schwere russische Panzer, die die Straße vollkommen versperren und einen Durchgang zum sogenannten Haus der Ministerien unmöglich machen. In diesem Augenblick setzt sich die ganze Menschenmasse auf dem Platz in Bewegung. Offensichtlich ist drüben ein Wasserwerfer oder irgendein anderes Fahrzeug eingesetzt worden gegen die Demonstranten. Man kann es nicht sehen. Sie haben gleich hier wieder Halt gemacht und sind zurückgelaufen.
West-Berliner Polizisten versuchen mit Lautsprecher-Durchsagen Einfluß auf ihre Ost-Berliner Kollegen zu nehmen, die immer wieder in die Menge schießen:
12.O-Ton (Polizei-Durchsage): (Schüsse) "Laßt das Schießen sein. Wir wissen, daß Ihr Angst habt. (...) Treibt es nicht auf die Spitze!"
Vergeblich appellieren die West-Polizisten an das Verantwortungsgefühl der Ost-Polizisten. Auch der Hinweis, Querschläger könnten Frauen und Kinder treffen,
verhallt ungehört. Es wird weiter geschossen. Peter Bruhn wird in diesen Minuten klar, daß der so hoffnungsvoll begonnene Tag bitter enden würde. Gegen sowjetische T34-Panzer sind die Aufständischen machtlos:
13.O-Ton (Bruhn): Da hatte ich den Eindruck: jetzt ist Schluß. Und da habe ich mich dann auch vor den Panzern gerettet auf das Ruinen-Grundstück gegenüber dem Regierungsgebäude. Und da habe ich mich dann durch diese Ruine durchgearbeitet bis zum Posdamer Platz und habe dort einen Augenblick verharrt, weil geschossen wurde. Und ich sah, wie die Menschen alle rüber rannten in Richtung auf den West-Sektor. Da habe ich es dann auch mit der Angst bekommen. Zumal ich hinter mir Geräusche hörte und dachte, die Volkspolizei durchkämmt jetzt vielleicht auch das Ruinen-Gelände. Und da bin ich dann auch gelaufen.
Peter Bruhn, der Bibliotheksreferendar an der Ost-Berliner Humboldt-Universität, rettet sich in den Westen. Auf seiner lebensgefährlichen Flucht muß er mit ansehen, wie andere Demonstranten von Schüssen getroffen werden. Ein Rot-Kreuz-Helfer aus West-Berlin zieht Bilanz:
14.O-Ton (Rot-Kreuz-Helfer): Wir sind gegen cirka 15 Uhr am Potsdamer Platz eingetroffen und waren gerade bemüht, unsere Befehlsstellen in Zehlendorf von unserem Eintreffen in Kenntnis zu setzen, als plötzlich ein ziemlich lang anhaltendes Maschinengewehr-Feuer auf die Menschenmenge auf den Leipziger Platz eröffnet wurde. Und wir haben zunächst bei diesem kurzen Feuergefecht 15 Schwerverletzte geborgen und dem Elisabeth-Krankenhaus zugeführt.
Von fünf Toten hat der Rot-Kreuz-Helfer zu diesem Zeitpunkt Kenntnis. Wieviele es am Ende dieses furchtbar endenden Tages sind, darüber wird es nie endgültige Klarheit geben. Die Zahlen schwanken zwischen 20 und über 300.
Für die östliche Besatzungsmacht und die SED-Führungsriege ist mit der Niederschlagung des Volksaufstand in Ost-Berlin der gefährlichste Brandherd gelöscht. Auf dem übrigen Gebiet der DDR haben die Sowjets vergleichsweise leichtes Spiel. Das geht auch aus den Berichten hervor, die der Historiker und Publizist Volker Koop nach dem Zusammenbruch der DDR in Archiven gefunden hat:
15.O-Ton (Koop): Häufig war es so, daß ein einziger Jeep über einen Marktplatz fuhr. Die sowjetischen Soldaten brauchten gar nicht zu ihren Waffen greifen. Aber das reichte eben, um die Leute zu vertreiben. Und man sich eben in die Situation versetzen: Das war acht Jahre nach Kriegsende. Und viele hatten natürlich noch die ersten Nachkriegsmonate in Erinnerung, hatten die entsprechende Angst. Die bloße Anwesenheit, Einschüchterung, Drohung reichten, um in diesen Teilen der DDR, und das waren die meisten Teile eben, den Aufstand zum Scheitern zu bringen.
Für Werner Herbig, der in Görlitz für wenige Stunden dem provisorischen neuen Stadtrat angehört, endet der Volksaufstand im Gefängnis. Die SED-Ratsherren übernehmen wieder die Macht und sorgen persönlich dafür, daß Freiheitskämpfer wie Werner Herbig bestraft werden:
16.O-Ton (Herbig): Und ich wurde am 17. Juni abends, 19 Uhr, von der Straße weg verhaftet und kam in die Kommandantur zu den Russen. Dort habe ich dann viele von denen, die vorher mit in der Streikleitung waren, wieder getroffen. Aber auch noch viel, viel mehr. Denn die Devise, die die Kreisverwaltung von der SED herausgegeben hat, war: erstmal soviel wie möglich verhaften, sortieren können wir dann später. Wir wurden dann die Wölfe im Schafspelz genannt.
Das Regime rächt sich schnell und grausam. Landesweit werden Tausende Aufständische zu hohen Gefängnis- und Zuchthausstrafen verurteilt. Einige werden standrechtlich erschossen. Andere landen in sowjetischen Arbeitslagern. In Sachsen finden die berüchtigten ‚Waldheim‘-Prozesse statt. Abschreckende Schauprozesse, mit denen das Regime seine Entschlossenheit demonstrieren will, was jenen blüht, die vielleicht wieder auf den Gedanken kommen könnten, gegen die SED aufzubegehren. Werner Herbig erhält fünf Jahre:
17.O-Ton (Herbig): Wir saßen mit 1300 Leuten, alles vom 17. Juni. Sogenannte ‚Xer‘, wie man uns nannte. Mit kahl geschorenem Kopf und Drillichanzug und überall ein gelbes X auf die Beine, Oberschenkel, Rücken. Überall war das aufgenäht. Wie schnell die das gemacht haben, das kann ich mir gar nicht vorstellen, wie das gegangen ist. Und am 12. Juli sind wir verurteilt worden und sind dann gleich nach Waldheim gekommen. Das war’s.
Vom Westen fühlen sich die Menschen in der DDR letztlich im Stich gelassen. Als der Sturz des kommunistischen Regimes scheinbar greifbar nahe ist, bleiben die Bundesregierung und die westlichen Alliierten merkwürdig passiv. Historiker Volker Koop verweist sogar auf Fälle, in denen die vermeintlichen Helfer den Aufständischen geradezu in den Rücken fallen:
18.O-Ton (Koop): Wenn man sieht, daß zum Beispiel an der Sektorengrenze im britischen Sektor ein Lautsprecher-Wagen aufgefahren war, der sich in russischer Sprache an die sowjetischen Soldaten gewandt hatte. Dann wurde von den Alliierten die Einstellung dieser Sendungen verlangt und natürlich auch durchgesetzt. Der französische Stadtkommandant verbot den Stahl-Arbeitern, die aus Hennigsdorf in der Nachbarschaft Berlins durch den französischen Sektor in den Bezirk Mitte marschieren wollten, den Durchmarsch durch seinen Sektor.
Volker Koop vergleicht das Verhalten des Westens während des Volksaufstands 1953 mit der Situation im Jahre des Berliner Mauerbaus 1961:
19.O-Ton (Koop): Auch damals war der Westen, wenn die Unterlagen richtig sind und davon kann man ausgehen, relativ früh informiert über das, was passieren würde. Und auch damals hat der Westen gesagt: Solange unsere westlichen Interessen, die West-Sektoren nicht berührt sind, kann die Sowjetunion in ihrem Sektor machen, was sie will. Und genau das ist 1953 natürlich auch passiert.
Für die Machthaber in der DDR steht fest: ein 17.Juni darf sich unter keinen Umständen wiederholen. Systematisch wird der Staatssicherheitsdienst ausgebaut. Vor allem sollen mögliche Proteste rechtzeitig erkannt und im Keime erstickt werden können. Zu diesem Zweck werden die Partei- und Gewerkschaftskader in den Betrieben gestärkt, um die Stimmung in der Belegschaft besser einschätzen und beeinflussen zu können.
Im Politbüro der SED rollen Köpfe. Stasi-Minister Wilhelm Zaisser wird Versagen vorgeworfen. Er verliert sämtliche Ämter. Noch schlimmer ergeht es Justiz-Minister Max Fechner, der unter Berufung auf die DDR-Verfassung das Streikrecht der Demonstranten verteidigt. Fechner wird aus der Partei ausgeschlossen und bleibt bis 1956 inhaftiert.
19(a).O-Ton: ‚Trauermarsch‘: Vier Tage nach dem niedergeschlagenen Volksaufstand in der DDR kommt der Deutsche Bundestag in Bonn zu einer Trauerfeier zusammen. Es erklingt der Trauermarsch aus Beethovens 3.Sinfonie ‚Eroica‘. Bundespräsident Theodor Heuss würdigt den heldenhaften, aber vergeblichen Freiheitskampf der Ostdeutschen:
20.O-Ton (Heuss): Sie konnten zwar die Regierung, die in der Ecke Wilhelm-, Leipziger Straße sitzt, nicht zum Abtreten veranlassen. Die ist, wenn auch eingeschüchtert, noch vorhanden und hat die formale Macht an die tatsächliche Macht der russischen Panzer abgetreten.
Noch im selben Jahr 1953 beschließt der Bundestag, den 17. Juni künftig als ‚Tag der Deutschen Einheit‘ zu begehen. Bis 1990, dem Jahr der Wiedervereinigung, bedeutet dieses Datum für die Westdeutschen, einen zusätzlichen arbeitsfreien Tag zu haben, dessen Bedeutung zunehmend in Vergessenheit gerät. Das Regime im Osten hingegen geht bereits am 18. Juni 1953, einen Tag nach der Niederschlagung des Volksaufstands – zumindest offiziell – zur Tagesordnung über:
21.O-Ton (Rundfunksprecher): Alle Arbeiter, Angestellte und Angehörige der Intelligenz nehmen zu den üblichen Zeiten ihre Beschäftigung ordnungsgemäß wieder auf. Alle Geschäfte sind zu öffnen, damit der Handel wieder seinen ungestörten Fortgang nimmt. Die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik, der Ministerpräsident Otto Grotewohl. Berlin, den 17. Juni 1953.
Autor: Marcel Fürstenau