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Alltagsdeutsch

Adverbien

Im Englischen oder Französischen ist es leicht, ein Adverb von einem Adjektiv zu unterscheiden: Die Umstandswörter haben hier eine spezielle Endung. Im Deutschen ist die Sache jedoch schwieriger ...‎

Ein nacktes Pärchen auf Wanderung

Heute hier, morgen dort - und dann auch noch so!

Sprecherin:

Wann wollen wir denn ins Kino gehen? Heute oder morgen?

Sprecher 1:

Kommt drauf an, ob wir mal einen wirklich spannenden Film aussuchen oder wieder so einen öden Problemfilm.

Sprecherin:

Was willst du mir denn jetzt damit sagen? Dass ich immer langweilige Filme sehen will? Hör mal, wenn du mir so kommst, kannst du gleich vor der Glotze sitzen bleiben!

Sprecher 1:

Okay, ganz ehrlich gesagt kommt nachher ein Länderspiel, das wollte ich mir eigentlich sowieso ansehen. Geh’n wir also morgen ins Kino.

Sprecherin:

Kommt drauf an.

Sprecher 1:

Worauf?

Sprecherin:

Was weiß ich, wie ich morgen drauf bin!

Sprecher 2:

Haben die beiden jetzt ein Problem?

Adverb:

Ach was, die liegen sich früher oder später doch wieder in den Armen. Ich kenne das schon: Er redet immer so umständlich, anstatt mal klar seine Meinung zu sagen, und sie regt sich dann darüber auf.

Sprecher 2:

Drückt er sich denn so umständlich aus, weil er so viele Umstandswörter benutzt?

Adverb:

Da irren Sie sich aber gewaltig! Wir Umstandswörter, auch Adverbien genannt, bringen die Umstände mit nur einem Wort ins Spiel. Hier, da, jetzt, gleich, eigentlich, heute, morgen, tagsüber, nachts, gern oder ungern.

Sprecher 2:

Sind das alles Kollegen von Ihnen? Umstandswörter?

Adverb:

So ist es. Wir Adverbien beschreiben andere Wortarten wie Verben oder Adjektive näher. Ganz ehrlich. Aber wir beziehen uns auch auf Sätze oder Satzteile. Der Kollege da zum Beispiel verbindet sich gerne mit Präpositionen und kann auf diese Weise ganze Satzteile ersetzen.

Sprecher 2:

Darüber habe ich noch nie nachgedacht.

Adverb:

Ja, so kann man im Text unnötige Wiederholungen vermeiden. Wir Adverbien sind, und das ist jetzt keinesfalls überheblich, die Ökonomen bei der Textgestaltung. Ich darf Sie auch darauf aufmerksam machen, dass wir eine so genannte deiktische, also hinweisende, Funktion haben.

Sprecher 2:

Wie bitte?

Adverb:

Will einfach sagen, wir Adverbien können uns auf eine Sprechsituation, einen Ort oder auf die Zeit beziehen. "Hier spielt die Musik" sagen Sie doch, wenn Sie die Aufmerksamkeit auf etwas Bestimmtes lenken wollen. Wir können entweder auf etwas vorausweisen oder auf eine Aussage zurückweisen.

Sprecher 1:

Super! Klasse gespielt. Ein guter Stürmer geht eben immer dahin, wo es richtig wehtut. Dadurch stiftet er Unruhe!

Sprecherin:

Ich verstehe das nicht. Der Mann läuft doch einfach nur hin und her.

Adverb:

Hin und her, das heißt ziellos, ohne Richtung. Wenn die Richtungsadverbien hin und her alleine für sich stehen, dann entscheidet die Position des Sprechers über ihre Wahl. Her benutzen Sie, wenn Sie eine Bewegung auf den Sprecher oder Adressaten zu ausdrücken wollen ...

Sprecher 2:

Komm mal schnell her ...

Adverb:

Genau. Und hin gebrauchen Sie, um eine Bewegung vom Sprecher weg auszudrücken. Übrigens können Sie hin und her auch mit Fragewörtern und Präpositionen kombinieren.

Sprecher 2:

Woher und wohin, heran und heraus, ran und raus.

Adverb:

Ja, in der Umgangssprache wird das oft so verkürzt.

Musik: Hannes Wader, Heute hier, morgen dort

"Heute hier, morgen dort, bin kaum da, muss ich fort,

Hab‘ mich niemals deswegen beklagt.

Hab‘ es selbst so gewählt, nie die Jahre gezählt,

Nie nach gestern und morgen gefragt.

Manchmal träume ich schwer, und dann denk‘ ich, es wär‘

Zeit zu bleiben und nun was ganz andres zu tun.

So vergeht Jahr um Jahr, und es ist mir längst klar,

Dass nichts bleibt, dass nichts bleibt, wie es war."

Adverb:

Ach, das Lied find' ich schön. Es sind so viele Umstandswörter darin. Aber lassen Sie mich kurz zusammenfassen: Wir Umstandswörter machen ganz präzise Angaben zu Ort, Art und Weise, Zeit und Grund.

Sprecher 2:

Da, dort, kaum, keineswegs, so, kürzlich, früher, heute, demnächst, hiermit, jedenfalls, deshalb...

Adverb:

Manche von uns beziehen sich auf Situationen oder Sprecher, verweisen auf Wörter oder Satzteile. Andere, die absoluten Adverbien, tun dies gerade nicht.

Sprecher 2:

Westwärts zieht der Wind! Eisbären weinen nie!

Adverb:

Ganz ehrlich gesagt, ich bin erfreut, dass Sie mitdenken. Manchmal wünsche ich mir nämlich ein bisschen mehr Anerkennung für uns Umstandswörter. Ganz zu schweigen davon, dass gewisse Umstände kaum gewürdigt werden. Nur ein Beispiel: Tagesabschnitte und Wochentage – vormittags oder samstags – können als Adverbien benutzt Regelmäßigkeiten ausdrücken. Zusammen mit einem Zeitadverb oder einer adverbialen Bestimmung ergeben sie so sehr präzise Angaben. Adverbien der Art und Weise dagegen geben genau Auskunft über einen Zustand, eine Qualität oder eine Quantität. Es ist ja zum Beispiel ein himmelweiter Unterschied, ob Sie sich sehr oder kaum über etwas freuen.

Sprecher 2:

Zweifellos!

Adverb:

Sehen Sie, sogar die Aufgabe eines knappen Sprecher-Kommentars können wir übernehmen. Erfreulicherweise! Ja, selbst lautmalerisch wirken wir bisweilen: "Kracks, bricht das Ei!" Klingt doch nett, oder? Na ja, aber viel wichtiger ist: Je nach unserer Satzposition können wir eine Bedeutungsveränderung im Text bewirken. Vorn im Mittelfeld haben wir eine unauffällige Position, stehen wir aber weiter hinten, ist die Textbedeutung auffällig und betont.

Musik: Volkslied, Guter Mond, du gehst so stille

"Guter Mond, du gehst so stille

Durch die Abendwolken hin,

Labest nach des Tages Schwüle

Durch dein freundlich Licht den Sinn."

Sprecher 2:

Okay, ich hab‘ mich inzwischen auch mal kundig gemacht. Wussten Sie eigentlich, dass ihre französischen und englischen Kollegen eine besondere Endung haben, die sie von den Adjektiven unterscheidet? "Schnell" zum Beispiel. Das englische Adjektiv heißt "quick", das Adverb aber bekommt die Endung "-ly" und kommt "quickly" daher. Die französischen Umstandswörter werden mit der Endung "-ment" versehen. "Rapide", das Adjektiv "schnell" und "rapidement", das Adverb.

Adverb:

Ja, ich weiß. Wir deutschen Umstandswörter hatten früher auch eine eigene Endung, das "-e". Guter Mond, du gehst so stille. In solch heute etwas altmodisch anmutenden Wendungen taucht das "-e" noch auf. Aber hören Sie mal, vermeiden Sie bitte in meiner Gegenwart dieses schreckliche amerikanische Wort "okay". Ob als Adverb oder als Adjektiv gebraucht, es ist ständig in aller Munde, obwohl niemand so recht weiß, wo es her kommt. Angeblich hat es ein Journalist, Charles G. Green 1839, zum ersten Mal in der "Boston Morning Post" benutzt: o. k. als Abkürzung für "all correct", alles in Ordnung. Seither ist es einer der erfolgreichsten Amerikanismen in der deutschen Sprache.

Sprecher 2:

Da gibt es so viele deutsche Umstandswörter, und dann macht wieder ein amerikanisches das Rennen. Aber ich bin mir sicher, dass Sie sich oben halten und sich trotz aller Schwierigkeiten weiterhin gegen alle Amerikanismen behaupten.

Adverb:

Sicherlich! Und dies sage ich jetzt wirklich mit Stolz: Immerhin haben einige von uns Adverbien Eingang in die hohe deutsche Literatur gefunden. Ein Beispiel nur: Goethe, Faust, erster Teil. Faust und Wagner sind auf dem Osterspaziergang. Um sie herum erwacht die Natur, Faust fühlt sich so richtig wohl im bunten Volksgetümmel, und was sagt er da?

Sprecher 2:

Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!

Adverb:

Seither verwenden wir dieses Zitat, um auszudrücken, dass wir uns in einer Umgebung richtig wohl fühlen.

Sprecher 1:

Schatz, ist doch okay, wenn wir morgen ins Kino gehen, oder?

Sprecherin:

"Morgen, morgen, nur nicht heute, sagen alle faulen Leute".

Adverb:

Der Kommentar zum Aufschub aus Bequemlichkeit geht auf die Eingangsverse eines Liedes von Christian Felix Weiße aus den "Kleinen Liedern für Kinder" zurück. Ich sag’s ja, wir Umstandswörter sind überall. Unter keinen Umständen lassen wir uns von einem mickrigen Okay verdrängen.

Sprecherin:

Was hältst du von dem neuen Film mit Tom Cruise?

Sprecher 1:

Find' ich okay.

Fragen zum Text:

Welches dieser Wörter ist kein Adverb bzw. kann nicht als Adverb gebraucht werden?

1. hier

2. obwohl

3. deshalb

Morgen, morgen, nur nicht heute, …

1. mach' ich endlich fette Beute.

2. sagen alle faulen Leute.

3. folgen wir der großen Meute.

Adverbien haben eine deiktische Funktion, das heißt, sie sind …

1. hinweisend.

2. verknüpfend.

3. verstärkend.

Arbeitsauftrag:

Überlegen Sie sich einen beliebigen Text mit möglichst vielen Adverbien und lassen diese aber bei der Niederschrift weg, indem Sie stattdessen Leerstellen einfügen. Geben Sie den Text anschließend Ihrem Nachbarn und lassen Sie ihn die Leerstellen ausfüllen. Vergleichen Sie die Aussage der beiden Texte.


Autorin: Gisela Schinawa

Redaktion: Ingo Pickel

Audio und Video zum Thema

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