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Der evangelische Pfarrer Gerhard Richter, Bibra (Thüringen)

Meine Großmutter war eine moderne Frau. Noch als Sechzigjährige lief sie auf Modenschauen, die seinerzeit von der DDR-Konsum-Genossenschaft veranstaltet wurden. Sie trug die Modelle für die reifere Frau. Ich war stolz auf diese Oma. Schließlich war sie es, bei der ich aufwuchs. Ihr durfte ich beim Kochen und Backen helfen. Sie stopfte meine Strümpfe und wusch meine Hosen.

Aber ein paar Mal im Jahr war sie die elegante Dame auf dem Laufsteg. Sie präsentierte Kostüme und Kleider, balancierte auf eleganten Schuhen und posierte für die lokale Presse. War ich stolz auf so eine weltgewandte Großmutter!

Mir schien es so, als sei sie ständig beschäftigt. Neben dem Haushalt gab es einen Schrebergarten mit Obstbäumen, Gemüsebeeten und Beerensträuchern. Sie kochte ein, machte ihre Marmelade selbst und der Keller war voll mit Saft von den Früchten aus eben diesem Garten. Im Winter, wenn der Garten ruhte, saß sie am Stubentisch, schrieb Briefe an die nähere und weitere Verwandtschaft oder war beschäftigt mit Näharbeiten. Unermüdlich schien sie zu sein.

Aber - der geschäftige Arbeitstag forderte natürlich auch seinen Tribut. Als ich - bereits herangewachsen - abends die Krimis mit anschauen durfte und mich die Spannung hinderte auch nur ein Auge vom Bildschirm zu wenden, da war Oma in ihrem Sessel bald eingeschlafen. Das konnte ich nie verstehen. Der Krimi war doch so wahnsinnig spannend. Wie konnte man da einschlafen? Oma aber brauchte ihren Schlaf. Da gab es aber noch etwas. Anfangs habe ich es auch für eine Schlafpause gehalten. So wie andere ihren Mittagsschlaf brauchen.

Aber es war etwas anderes. Täglich gegen 5 Uhr nachmittags, wenn der größte Teil des Tagewerks geschafft war, hielt die Großmutter ihr „Dämmerstündchen“. Es war ein festes Ritual im Tageslauf. Sie setzte sich in ihren Sessel, der unter der großen Pendeluhr stand. Mit dem Blick aus dem Fenster legte sie die Beine hoch und wurde still. Oft war es tatsächlich so, dass dies gerade die Stunde der Abenddämmerung war. Die Welt wurde still. Großmutter wurde still. Sie schlief nicht. Sie suchte bewusst diese Ruhe. Zwang sich diese kurze Zeit – vielleicht eine halbe Stunde – still zu bleiben. Gedanken ordnen, planen möglicherweise, Rückblick halten auch und beten vielleicht. Ich kann nur vermuten, was sie in dieser Zeit beschäftigte. Aber sie nahm sich diese Zeit. Regelmäßig.

Erst viel später habe ich verstanden, dass es ihre Antwort auf die Hektik des Alltags war. Ein festes Ritual, das ihr wieder zu Ruhe und Besinnung verhalf. Noch viel später verstand ich, dass Menschen, wenn sie beten Zugang zu einer erfrischenden Quelle finden. Sie finden Rückenhalt in einer Kraft, die durch den Wandel der Zeiten konstant geblieben ist, gegen die vermeintliche Notwendigkeit ständigen Wandels mit dem Zeitgeist. Es ist ein winziges Stück vom Frieden Gottes, das wir in solchen Momenten spüren können. Ein paar Augenblicke ohne Zweifel, ohne Angst und ohne getrieben zu sein.

Wie viele Menschen klagen über die Schnelllebigkeit unserer Zeit und ihre Rastlosigkeit. Am Ende tut es mir auch gut, wenn ich auf etwas vertraue, das alt aber bewährt ist. Muße ist nicht gleich Müßiggang. Früher hat man Zeiten dafür in den Tageslauf eingeplant. Sie waren ebenso wichtig, wie die körperliche Arbeit. Mehr noch: ohne Gebet begann keine wichtige Arbeit. Meine Großmutter war eine moderne Frau. Viel beschäftigt und mit verschiedensten Interessen. Aber still werden, sich besinnen – soviel Zeit muss sein.