Die Vertreter der Gläubiger entscheiden über die Zukunft des Warenhaus-Konzerns, der eine lange und wechselvolle Geschichte hat.
Das Stammhaus des Karstadt-Konzerns in Wismar
Als Rudolf Karstadt am 14. Mai 1881 sein erstes Bekleidungsgeschäft unter dem Namen "Tuch-, Manufactur- und Confektionsgeschäft" in Wismar gründet, hat er vermutlich keine Vorstellung, was sich daraus in den kommenden 100 Jahren entwickeln würde: Von einem kleinen Warenhaus mit begrenztem Angebot zu einem Konzern mit vielen Tausend Mitarbeitern und Millionen Kunden in ganz Deutschland.
Rasanter Aufstieg
Drei Jahre nach der Firmengründung wird in Lübeck die zweite Filiale eröffnet – Stammkunden dort sind die Schriftsteller-Brüder Thomas und Heinrich Mann. Bald darauf sind es 24 norddeutsche Städte, in denen ein Karstadt-Warenhaus steht. Prunkstück ist die Filiale in der Hamburger Mönckebergstraße mit einer nach damaligen Vorstellungen gigantischen Verkaufsfläche von rund 10.000 Quadratmetern. Im Angebot sind vor allem Waren aus Eigenfabrikationen.
Karstadt-Filialen - wie hier in Düsseldorf - gehören seit vielen Jahren zum Stadtbild in Deutschland
Nach und nach werden Stofflager, Wäschefabriken und eine Herrenkleiderfabrik in Wismar gegründet. Damals, in den frühen Jahren, kann noch niemand ahnen, dass genau diese Firmenphilosophie später zum Scheitern der Warenhauskette führen wird. 1920 übernimmt Karstadt die Firma "Althoff"; deren 15 Häuser werden als Karstadt-Filialen weitergeführt und der Konzern in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Während das Unternehmen wächst, verliert Firmengründer Rudolf Karstadt in der Weltwirtschaftskrise von 1929 sein gesamtes Vermögen, er scheidet aus der Unternehmensführung aus, zieht sich nach Schwerin zurück, wo er im Dezember 1944 stirbt.
Wer zu Karstadt geht, der macht was her
Inzwischen ist der Konzern auf 89 Filialen gewachsen. Generationen von Eltern kleiden ihre Kinder fortan bei Karstadt ein. "Zu Karstadt zu gehen" ist ein Lebensgefühl und Ausdruck wachsenden Wohlstands, der bei immer mehr Menschen für die qualitativ hochwertigen Waren von Karstadt ausreicht.
Nach dem Zweiten Weltkrieg profitiert Karstadt im Westen vom Wirtschaftwunder, von der zentralen Lage seiner Häuser in den Innenstädten und dem Gefühl, dass Karstadt Teil des bürgerlichen Lebens in einer prosperierenden Gesellschaft ist. Und der Expansionsdrang scheint keine Grenzen zu kennen. Ob Neckermann, Hertie oder Quelle - nach und nach schluckt Karstadt einen Konkurrenten nach dem anderen.
Schöner Schein: Quelle-Katalog mit der Schauspielerin Esther Schweins
Der Anfang vom Ende kommt mit der Einzelhandelskrise zu Beginn des dritten Jahrtausends. Große Verkaufsflächen in teuren Innenstädten mit einem umfassenden Sortiment passen nicht mehr in die Zeit. Die Einrichtung der Karstadt-Warenhäuser wird als nicht mehr zeitgemäß bezeichnet und die Aufmachung der Verkaufsräume nicht kundengerecht. Da gleichzeitig auch Quelle und andere Tochterunternehmungen in finanzielle Schieflage geraten, müssen massiv Stellen abgebaut und Warenhäuser verkauft werden.
Arcandor-Konzernzentrale in Essen
Ende eines Traditionskonzerns
Wie ein letztes Aufbäumen erscheint die Umbenennung in Arcandor, die bei einer Bilanzpressekonferenz in Düsseldorf vom damaligen Vorstandsvorsitzenden Thomas Middelhoff am 29. März 2007 verkündet wird. Die Strategie des als Hoffnungsträger gehandelten Middelhoff, Immobilien zu verkaufen und die Bilanzen damit zu verbessern, um sie später zu hohen Quadratmeterpreisen wieder anzumieten, wird für den Untergang des renommierten Unternehmens mit verantwortlich gemacht.
Etwas mehr als zwei Jahre später muss Arcandor für den Mutterkonzern und die meisten Tochtergesellschaften Insolvenz anmelden.
Autor: Matthias von Hellfeld
Redaktion: Silke Wünsch
Das Journal der DW präsentiert das Wichtigste vom Tag in 180 Sekunden - aktuell, kompakt und schnell
Informationen aus Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft und Bildung