Andreas Gies leitet die Abteilung Umwelthygiene beim Umweltbundesamt.
DW-TV: Es gibt jede Menge Wirkungen von Umwelthormonen auf Tiere. Aber wir wollen natürlich wissen, welche Wirkungen haben sie auf uns Menschen. Haben sie da mittlerweile Hinweise – was die bewirken können?
Andreas Gies: Wir haben eine Reihe von Hinweisen. Wir haben diese Hinweise aus den Tierversuchen zum Beispiel. Wir wissen, dass Umwelthormone in Tierversuchen dazu führen können, dass die Spermienqualität der Tiere absinkt und wir finden das Gleiche heute beim Menschen. Wir finden in Deutschland ein Absinken der Spermienqualität in den letzen zwanzig Jahren um circa zwei Drittel. Also heute hat ein Mann in Deutschland nur noch die Spermien zu einem Drittel, die ein Mann vor zwanzig Jahren hatte.
Ja, aber können sie dann tatsächlich sagen, dass das an diesen Umwelthormonen liegt. Das kann doch viel Gründe haben...
Es kann viele Gründe haben. Es ist aber auf jeden Fall einer der Risikofaktoren. Wir können es nicht mit Sicherheit beweisen. Dazu müssten wir Menschenversuche machen, das können und wollen wir nicht. Aber wir wissen, wir haben Hinweise aus Tierversuchen und wir finden dasselbe in der Bevölkerung und das gibt uns Anlass, doch besorgt zu sein.
Andreas Gies sieht viele Hinweise, dass bei Krankheiten Hormone im Wasser eine Rolle spielen können.
Hormone spielen immer auch eine Rolle bei der Krebsentwicklung. Vermuten sie auch da, dass die Umwelthormone Einfluss nehmen könnten?
Gerade die Krebsarten, die hormonell abhängig sind, steigen in Deutschland dramatisch, sehr viel stärker als das gesamte Krebsgeschehen. Dazu gehört zum Beispiel: Die Tumore der Hoden, die ja sehr früh beim Menschen eintreten - im Alter von achtzehn, zwanzig Jahren, dazu gehört der Brustkrebs, dazu gehört auch der Prostatakrebs. Da haben wir ein ganz dramatisches Geschehen. Und wir gehen wir gehen vom Tierversuch davon aus, dass Umwelthormone, auch einer der Risikofaktoren, neben anderen in diesem komplexen Geschehen sind, die zum Ansteigen dieser Krebsarten führt.
Wenn man die Konzentrationen vergleicht, Konzentration der Umwelthormone und die Konzentration der Hormone in unserem Körper, dann sieht man doch, dass wir schon sehr viel mehr und in viel größeren Dosen Hormone in uns tragen. Also wie kann da trotzdem ein so entscheidender Einfluss stattfinden?
Ja, wir haben das an Kindern untersucht und gefunden, dass zum Beispiel Weichmacher, die hormonell wirksam sind, Phtalate, bei ungefähr der Hälfte der Kinder in Konzentrationen im Körper sind, die besorgniserregend sind. Dies erfordert ganz sicherlich, dass wir hier in dieses Geschehen und auch in die Belastung eingreifen.
Gerade bei den Phtalaten hat man es ja geschafft sie zum Teil auch zu verbieten. In wieweit müsste man das noch vorantreiben? Also, könnte man nicht dafür sorgen, dass die komplett aus der Produktion herausgehalten werden und sie eben nicht am Ende bei unseren Kindern im Spielzeug auftauchen?
Wir haben die Phtalate mit der Europäischen Union zusammen verboten - im Kinderspielzeug sollten sie nicht mehr vorkommen. Und wir sind auf dem gutem Weg mit dem neuem Chemikalienrecht in der EU, diese Weichmacher auch unter einen Vorbehalt der Erlaubnis zu stellen. Also, dass sie nur für die Sachen angewendet werden können, wo wir eine Gefährdung des Menschen ausschließen können.
Wie ist es mit den anderen Stoffen? Viele Hormone kommen ja Beispielsweise auch über die Anti-Baby-Pille in das Wasser und dann wiederum in andere Menschen. Die ist schon sehr niedrig dosiert. Könnte man da noch etwas machen?
Wir finden im Trinkwasser sehr wenig von dieser Anti-Baby-Pille. Wir haben die Hormone der Anti-Baby-Pille als Problem in den Oberflächengewässern. Da müssen wir sicherlich schauen, dass wir die Klärwerke so optimieren, dass diese Stoffe zunehmend aus den Oberflächengewässern herauskommen.
Interview: Ingolf Baur