1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Buchcover:Schneetage 
von Jan Christophersen

Manch einer wird sich vielleicht noch an den Schneewinter von 1978/79 erinnern. Über Norddeutschland tobte fünf Tage lang ein Schneesturm, der das Land regelrecht einfror. Meterhohe Schneewehen brachten den Verkehr zum Erliegen. Ganze Ortschaften und die Insel Rügen waren von der Außenwelt abgeschnitten. Strom und Telefon fielen aus.

Jan Christophersen lässt seinen Roman Schneetage während dieser Naturkatastrophe spielen. In einem nordfriesischen Dorf an der deutsch-dänischen Grenze bricht Paul Tamm, der Wirt des "Grenzkrugs" plötzlich zusammen. Es beginnen ungewisse Tage. Paul liegt im Krankenhaus, draußen tobt der Schneesturm. Niemand weiß, wie es um Paul steht. Die Straßen sind unpassierbar, das Telefon ist ausgefallen.

Auf der Suche nach dem untergegangenen Rungholt

In diesen Tagen erinnert sich Pauls Ziehsohn Jannis an die Jahre mit Paul. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Jannis in die Familie gekommen. Seine Mutter ist tot, sein Vater ein englischer Soldat, der aber spurlos verschwunden ist. Jannis erinnert sich, wie Paul aus der Kriegsgefangenschaft kam, an den Wiederaufbau des "Grenzkrugs" und an Heiner Bonatz, den ersten Feriengast, der zu einem Dauergast wird. Paul und Jannis verbindet dieselbe Leidenschaft. Sie sind auf der Suche nach Rungholt, der legendären Stadt, die bei der "Grote Mandränke" genannten Sturmflut am 16. Januar 1362 zerstört wurde. Irgendwo zwischen den heutigen Inseln Nordstrand und Pellworm lag Rungholt.

Die Sturmflut und der Schneesturm - zwischen diesen beiden Katastrophen bewegt sich der Roman. Paul investiert immer mehr Zeit, Geld und Energie in seine Rungholt-Forschungen, bemerkt aber die private Katastrophe nicht. Der "Grenzkrug" ist pleite und seiner Frau wird er immer fremder. Erst mit Pauls Zusammenbruch während des Schneesturms wird für Jannis offensichtlich, wie schlimm es um den "Grenzkrug" und um Pauls Ehe steht.

 Jan Christophersen. © Heike Ollertz
 
mareverlag GmbH & Co. oHG

Jan Christophersen

Die Suche am Ende der Katastrophe

Jan Christophersen gelingt es, Außenwelt und Innenwelt seiner Protagonisten so miteinander zu verzahnen, dass sich die eine Katastrophe in der anderen spiegelt. Das eigentliche Unglück beschreibt Christophersen nicht. Ihm geht es um die Zeit nach dem Sturm. Was ist übrig geblieben? Was ist noch heil? Paul sucht nach den Spuren von Rungholt, um vor seinen Erinnerungen an den Krieg zu fliehen. Während er die Sturmflut penibel erforscht, übersieht das Unglück seiner Frau. Jannis sucht zuerst mit nach Rungholt, dann nach seinem Vater. Aus Enttäuschung hält Pauls Frau einen Brief aus dem archäologischen Landesamt zurückhält, auf den Paul fast verzweifelt wartet. Paul dagegen hat Angst Jannis als Mitstreiter bei seinen Rungholt-Forschungen zu verlieren. Deshalb verschweigt er ihm, dass er die Adresse des verschollenen Vaters schon lange hat.

Mit seinen vielen Spiegelungen ist Schneetage ein klug aufgebautes Buch. Die in einem wunderbar poetischen Ton erzählte Geschichte entwickelt einen ruhigen Erzählfluss, der einen schon bald nicht mehr loslässt und zum Weiterlesen zwingt. Jan Christophersen ist mit Schneetage ein großartiger Debütroman gelungen.

Rezensent: Udo Marquardt
Redaktion: Gabriela Schaaf

WWW Links