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Wer im Internet mit der richtigen Suchmaschine nach Wilhelm Gustloff sucht, bekommt in 22 Sekunden über 1.000 Einträge geliefert: Viele aus der Geschichte des deutschen Schifffahrtswesens, aber ebenso viele auch aus der offenbar rechten Ecke.

Wer dabei die Adresse "www.blutzeuge.de" öffnet, findet sich mitten in einer neuen Offensive des Literaturmarktes: Hier informiert der Steidl-Verlag über das neue Buch von Günter Grass "Im Krebsgang". Denn in dieser Novelle spielt eben jene Internet-Adresse eine wichtige Rolle: Auf sie stößt der Journalist Paul Pokriefke – ursprünglich bei der populistischen Springer-Presse, später bei der linksalternativen Tageszeitung "taz", und jetzt schließlich Ghostwriter und Stellvertreter eines - wie es im Buch heißt - "nörgligen Alten", "der sich müde geschrieben hat" – des Nobelpreisträgers Günter Grass.

Wahre und erfundene Geschichte

Für den soll er die Geschichte der "Wilhelm Gustloff" schreiben, jenes Kraft-durch-Freude-Dampfers, der am 30. Januar 1945 mit ostpreußischen Flüchtlingen beladen von einem russischen U-Boot versenkt wurde. Tausende ertranken in dieser Nacht in der eisigen Ostsee. Das ist wahre Geschichte, deutsche Geschichte, die in Vergessenheit geraten ist. Die andere, von Grass erfundene Geschichte ist, dass im Moment des Untergangs in dem einzigen intakten Rettungsboot ein Kind geboren wurde: Eben Paul Pokriefke, der uneheliche Sohn der legendären Grass-Figur Tulla.

Tulla, der spindeldürre, nach Knochenleim stinkende, männermordende Dämon aus der Danziger Trilogie, ist immer noch eine Hexe, die mit mittlerweile schlohweißem Haar und räudigem Fuchspelz Unglück in die Welt bringt: Sie ist es, die ihrem Enkel Konrad einen Computer und damit Zugang zum Internet besorgt, wo er sich eine eigene Homepage bastelt: Eben jene rechtsradikale www. Blutzeuge de., die sein Vater bei seiner Gustloff-Recherche entdeckt.

Vernetzte Parallelgeschichten

Im Krebsgang - rückwärts krebsend, um voranzukommen – windet sich Grass durch die Parallelgeschichten seines vielschichtigen Stoffs: Da ist die Geschichte des Begründers der NSDAP in der Schweiz, Wilhelm Gustloff und die seines Mörders David Frankfurter, die sich in der Internet-Geschichte von Willhelm-Konrad und seinem Feindfreund David wiederholt. Da ist die ostdeutsche und westdeutsche Geschichte der Pokriefkes. Und da ist die Geschichte der Wilhelm Gustloff, die auch die Geschichte des Dritten Reiches ist, die Geschichte vom fröhlichen - volksgemeinschaftlichen Aufbruch in die Welt, die in Chaos, Panik, Tod und Elend endet; die immer noch tabuisierte Geschichte vom Elend der deutschen Flucht aus dem Osten.

"Niemals", sagt Pokriefkes Auftraggeber, der Tulla-Erfinder und heimatvertriebene Grass, "niemals hätte man über so viel Leid, nur weil die eigene Schuld übermächtig und die bekennende Reue in all den Jahren vordringlich gewesen ist, schweigen, das gemiedene Thema den Rechtsgestrickten überlassen dürfen." Dieses Versäumnis sei bodenlos ...

Alte Themen und Erzählstränge

Günter Grass greift Im Krebsgang alte Themen und Erzählstränge wieder auf und vernetzt sie wunderbar bis in die aktuelle Gegenwart. Mit 216 Seiten eher schmal geraten für einen Fabulierer wie Grass ist das neue Buch auch vom Umfang her am ehesten mit seiner Apo-Erzählung "örtlich betäubt" zu vergleichen. Wie damals werden Kritiker bemängeln, dass er es nicht schafft, die Welt der revoltierenden Jugendlichen wirklich zu erfassen – das reicht von der Chatter-Sprache bis zum hohen Lob auf den Macintosh-Computer. Auch der Ansatz, die Novellenform mit dem journalistischen Bericht zu kreuzen, gelingt nicht: Der Meister der verschachtelten Sätze kann sich nicht auf trockene Nachrichtensprache einlassen.

Aber Grass gelingt hier wieder, was selten geworden ist in der Literatur: die erzählerische Analyse von Zeitentwicklungen und das Aufzeigen unser aller Versäumnisse. Das ist schrecklich moralisch in einer Zeit, deren höchste Qualitäten in einem guten Riecher für die DAX-Entwicklung und die Platzierung des 50:50 Jokers in Millionen-Gewinnspielen liegen. Aber es ist immer noch wichtig.

Grass für (Spät-)Einsteiger?

Wer es bisher erfolgreich vermieden hat, Grass zu lesen, für den eröffnet sich hier eine wunderbare Einstiegs-Chance: Lesen sie "Im Krebsgang" und vielleicht bekommen sie Lust auf die "Blechtrommel", "Katz und Maus", den "Butt" und all die anderen geschichts- und geschichtenträchtigen Bücher.

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