Joschka Fischers Erwähnung in "Der Bildverlust oder Durch die Sierra de Gredos" ist ein ferner Reflex jener Monate vor fünf Jahren, als Handke in Milosevic' Jugoslawien bukolische Landschaften vorgefunden hatte und heftig gegen die westliche Politik auf dem Balkan protestierte. "Gerechtigkeit für Serbien" lautete der Untertitel seines Reiseberichts, dem Handke einige fragwürdige Interviewäußerungen hinterherschickte.
Der Jugoslawienkrieg ist in "Der Bildverlust" noch spürbar. Eine globalisierte Welt beseitigt in dem Roman mit Gewalt sämtliche Grenzen und Schwellen. Sie setzt sich absolut und vernichtet so die mystischen Erfahrungen, die Handke "Bilder" nennt. Ebenso wie Ideen, Ideale, Rituale und Träume ermöglichen sie Humanität und Gemeinschaft. Seit dem "Kurzen Brief zum langen Abschied" (1972) hat Peter Handke diese quasireligiöse Heilserwartung vielfach variiert.
"Wesensandere" Bilder
Die Mystiker stammelten von ihrer Erfahrung, weil die herkömmliche Sprache sie verfehlen muss. Handke versucht, die "wesensanderen" Bilder nachzuzeichnen. Sein Roman besteht aus umschreibenden Bewegungen, rhythmisiert wie im Tanz, weniger aus beschriebenen Ereignissen. Handkes namenlose Heldin, eine schöne, erfolgreiche Bankmanagerin, bricht auf zu einem Schriftsteller, den sie vertraglich zum Erzählen ihrer Reiseerlebnisse verpflichtet hat. Sie nimmt den Weg durch die bei Madrid gelegene Sierra de Gredos, um im Gebirge neue Bilder zu erfahren. Dank ihnen vermag sie beruflich "mitzuspielen", ohne sich selbst verloren zu gehen.
Inmitten der Sierra liegt Hondareda. Die Hochebene voller bewohnter Steinblöcke ist Handkes unbestimmtes Utopia. Dort haben Menschen aus aller Welt Zuflucht gefunden, die den Bildverlust erlitten haben. Die Entwurzelten sind Sinnsucher geworden, "absichtslose Religionsgründer", deren "inwendige Spiele und Tänze" nur aus der Verneinung des Bekannten zu bestehen scheinen. In dem vielfachen "Nicht so!" ahnt die Bankmanagerin jedoch das "Gehege einer größeren Zeit".
Beschwörungsschwärmerei
Durch ein Hin und Her zwischen Stimmen und Zeiten zeichnet "Der Bildverlust" die Tänze nach: Wenn die Bankmanagerin am Ende des Buches bei dem angestellten Schriftsteller eingetroffen ist und ihm von der Reise erzählt, widerspricht er, redigiert ("'gleichsam' streichen!"), erfindet und zitiert vornehmlich aus alten Büchern. Das Flughafenrollband klappert wie ein Mühlrad, die Bankmanagerin verschmäht ein "Dienstgemach" und Ritter ziehen durch das Buch, weil die Bankmanagerin früher in einem Film die Rolle der Ginevra spielte, König Artus' Frau und Lancelots Geliebte.
So viel allumfassende Beschwörungsschwärmerei ist auf Dauer schwer zu ertragen, zumal, weil sich die Unbestimmtheitsrhetorik mit ihren "nicht so", "nicht einmal" und "kein" wie eine Litanei voranwälzt. Sie begräbt auch wunderbare Beschreibungen der kargen Gebirgslandschaft unter sich und lässt Handkes Tanz nicht selten zum Eiertanz werden: "So offenbarten .. die Vogelbeeren nach der anfänglichen Hemmschwellen-Bitterkeit dem Gaumen einen Geschmack, der mehr war als bloß ‚Süße': eine Innigkeit (gab es das,innigen Geschmack'? ja), umso inniger, als das Anfangsbittere darin weiterwirkte. Ah, ei, o - nur kein ‚Uh!' - die Vogelbeeren in den Felsritzen der Sierra de Gredos."
Doppelte Heimkehr
Hondareda ist der globalisierten Welt ein Dorn im Auge. Erst wirft sie konfektionierte Fernsehbilder auf die Hochebene, dann Bomben. Die Bankmanagerin verlässt die Berge und gelangt erst nach einem beinahe tödlichen, lähmenden Bildverlust zu dem Schriftsteller in der Mancha, der Heimat des Don Quijote.
Es ist eine doppelte, durch die wiederholten Verweise auf den Ritter von der traurigen Gestalt nur wenig ironisierte Heimkehr: in die Literatur und in das Leben. Das Erzählen verleiht der Bankmanagerin einen Leib. Zwischen ihr und dem Schriftsteller setzt "das große Bluten hin zum andern ein". Nun gerät die gemeinsame Kutsche in Bewegung, und "dieses Schwanken hörte nicht so bald auf". Wie die Liebe. Handke weiß den Autor üppig für seine Anstrengungen zu entschädigen.