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Deutschland

Wirtschaftskrise auch im Bordell?

Jetzt hat die Wirtschaftskrise auch das älteste Gewerbe der Welt erreicht. Die Rotlichter drohen zwar nicht auszugehen, dennoch: Auch die Freier müssen sparen. DW-Reporter Benjamin Wüst hat ein Bordell in Bonn besucht.

Rote Herzlampe an einer Hauswand (Foto: dpa)

"Sie haben ihr Ziel erreicht", sagt das Navi. Gleich da vorne muss es sein: "Janas Haus, das etwas andere Bordell". Ein mulmiges Gefühl stellt sich ein. Tür auf, raus, Blick nach rechts, Blick nach links - niemand in Sicht. Dann mal los.

"Janas Haus" sieht aus wie jedes andere Haus in der Gegend. Bonn-Ippendorf ist nicht gerade ein Rotlicht-Viertel. "Bei Winter klingeln", so stand es auf der Homepage. Schon geht die Tür auf. "Hallo", grüßt eine etwas rauchige und für eine Frau durchaus tiefe Stimme. Es ist die Chefin persönlich - Jana. Sieben Schritte durch einen schmalen Flur und schon steht man mitten im Wohnzimmer. "Aber bitte keine Fotos", mahnt die Chefin.

Sommerkleidchen statt Strapse

Frau sitzt in Unterwäche auf einem Stuhl (Foto: dpa)

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Jana, 62 Jahre alt, kurze schwarze Haare, lockeres Mundwerk, lehnt sich trotz frühlingshafter Temperaturen an den heißen Ofen. Ihre "Mädchen", wie sie sagt, sitzen auf der Sofaecke: Alina, Lara und Vanessa. Es sieht anders aus, als man oder Mann sich das vorstellt. Frische Tulpen und Süßes stehen auf dem kleinen Holztisch, puffiges Rot, Herzchen und Plüsch fehlen dafür. Die Hintergrundbeschallung besorgt WDR 2. Die Mädchen tragen keine Strapse, sondern luftige, blumige Sommerkleidchen - allerdings ziemlich kurz und mit reichlich Ausschnitt.

Chefin Jana hat extra nachgeschaut: Im Vorjahr saß das Geld bei den Gästen noch lockerer. "Nun weiß ich nicht, ob das an den Mädchen oder an der Krise liegt". Jana und ihre Mädchen lachen. Die Stimmung ist gut, irgendwie familiär - vielleicht auch deshalb, weil das Geschäft noch ganz gut läuft.

"Vanessa, der dunkle Teufel"

Ständig klingelt das tragbare Telefon. "Hallo", Jana macht ihre Stimme noch tiefer. "Alina, Lara und Vanessa sind da". Jana preist ihre Mädchen an. Schließlich geht es ums Geschäft. "Alina ist die schnuckelige, woppige, Vanessa der dunkle Teufel."

Die Mädchen, die in Janas Haus anschaffen, sind Studentinnen oder Hausfrauen. Lara, Anfang 40, ist schon drei Jahre dabei. Vanessa und Alina, beide Anfang 20, sind zwei Jahre beziehungsweise ein halbes Jahr im Haus beschäftigt.

"Janas Haus" gibt es seit 20 Jahren. Eine Konstante, die gerade in Krisenzeiten wichtig scheint. "Wenn die Gäste ein Mädchen kennen, dann wissen sie, was sie für ihr Geld bekommen. Bei einem neuen Mädchen sind die Gäste vorsichtiger", erzählt Jana.

Cola-Light für den Stammgast

Eine Frau sitzt auf einem Stuhl in einem roten Raum, eine andere liegt auf einem Bett (Foto: dpa)

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Es klingelt an der Tür. Chefin Jana steht auf. Die Mädchen rücken ihre Kleidchen zurecht und schlüpfen in die hochhackigen Schuhe. Vanessa, die ruhigste der drei, fährt sich noch einmal durchs Haar. Lara legt noch schnell die Brille ab. Schon kommt Jana zurück, im Schlepptau hat sie einen Stammgast: Michael, geschätzter Mittvierziger, verheiratet, klitzekleiner Wohlstandsbauch. "So Mädels, stellt ihr euch bitte mal vor."

Jana holt Michael eine Cola. Das Warm-Werd-Thema ist gefunden. In der Runde geht es um die Vorzüge von Cola-Light, Cola-Zero, Cola aus der Flasche oder Cola aus der Dose. Es wird viel gekichert. Aber eigentlich geht es allen um etwas anderes. Jana erinnert nach ein paar Minuten daran. "So Michael, hast du was entdeckt?". Ja, hat er. Michael wählt Vanessa. Die schmale Brünette lächelt kurz, nimmt das kleine Tablett mit Michaels Cola-Light, das mit kleinen Ostereiern aus Schokolade dekoriert ist, und steht auf. Michael folgt ihr. Die beiden gehen die Treppe hoch.

"Gebumst wird immer"

Unten klingelt wieder das Telefon - Einsatz für Chefin Jana. "Hallo. - Nein, Hausbesuche machen wir nicht", sie legt auf. "Das war der mit der Hasenscharte". Man kennt sich. Die meisten Besucher in "Janas Haus" sind Stammgäste zwischen 18 und 82 Jahren, 95 Prozent seien verheiratet, sagt Jana. Sie kommen regelmäßig während der Öffnungszeiten von 10 bis 21 Uhr. Trotz Wirtschaftskrise sei von ihnen noch keiner abgesprungen, aber die Intervalle änderten sich. "Die, die sonst zweimal im Monat kommen, kommen jetzt nur noch einmal. Andere nehmen statt einer Stunde jetzt nur noch eine halbe", sagt Lara.

Ein Tröten unterbricht sie. "Das ist mein Ruf. Ich lasse den Gast jetzt raus", erklärt Jana. Eine halbe Stunde ist vergangen. Jana läuft die Treppe hoch. Oben wartet Michael. "Na Michael, war alles okay?" Michael nickt etwas verlegen: "Ja, alles super." Die beiden gehen zur Tür.

Das Geschäft boomt zwar nicht gerade, aber richtig schlecht läuft es auch nicht. Jana kennt den Grund: "Gegessen, getrunken und gebumst wird immer, auch wenn das Geld knapp ist. Das sind die drei Dinge, die zu den Grundbedürfnissen des Menschen gehören."

Und schon klingelt wieder das Telefon.

Autor: Benjamin Wüst
Redaktion: Kay-Alexander Scholz

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