Der Titel ist Programm: "Du musst dein Leben ändern" behandelt auf gut 700 Seiten Variationen dieses Aufrufs, der sich zugegebenermaßen liest, wie ein Griff in die Trickkiste der Ratgeberliteratur. Das scheint auch der Grund zu sein, weshalb dieses anspruchsvolle Buch auf die Bestseller-Listen gekommen ist. Doch wenn man Sloterdijk vor etwas in Schutz nehmen muss, dann vor solcherlei Vorwürfen. "Du musst dein Leben ändern" ist ein Parforceritt durch die Geistesgeschichte des Morgen- und des Abendlandes.
Ändere nicht die Welt, sondern dich - wem da ein vom Kopf auf die Füße gestellter Marx in den Sinn kommt, der liegt nicht falsch: "Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern", heißt es in der berühmten elften Feuerbachthese von Marx. Doch dieser Weg ist nach Ansicht Sloterdijks gescheitert. Sei es die französische oder die russische Revolution – statt Weltverbesserung brachte die gelenkte Moderne oft nur Repression und unermessliches Leid.
Die Stimme aus der Antike
Wenn also die Veränderung der Außenwelt an die Grenzen gestoßen ist, hilft vielleicht ein Blick zurück. Sloterdijk sucht deshalb in der Antike nach einem Ausweg und findet ihn bei griechischen Philosophen ebenso wie bei indischen Gurus, bei Kafkas "Hungerkünstler" ebenso wie bei Fußball-Trainern.
"Du musst Dein Leben ändern" ist ein Ruf, der den modernen Menschen aus tiefer Vergangenheit ereilt. Vernommen hatte ihn erstmals Rilke und dann in seinem Gedicht "Archaischer Torso Apolls" verarbeitet. Im Pariser Louvre stehen die kopf- und gliederlosen Überreste der Gottesskulptur. Trotz der Verstümmelung besitzt der antike Torso die Autorität, eine "aus sich selbst appellierende Botschaft" zu bilden, oder wie es Sloterdijk lakonisch formuliert: "Intensität schlägt Standardperfektion".
Empor zu den Gipfeln
"Du musst Dein Leben ändern" ist demnach der "absolute Imperativ" - totalitärer noch als der Kantische kategorische Imperativ und schlussendlich auch der Kern allen religiösen Denkens und Handelns. Doch wer sich ändern will, muss an sich arbeiten. Sloterdijk bevorzugt jedeoch den etwas altbackenen Begriff "üben", da es ihm weniger um die Umwandlung von Produkten als um die Verwandlung des Selbst geht. So macht er sich auf die Suche nach den Übenden dieser Welt und findet sie in allen Bereichen des Lebens, hinter Klostermauern, auf Nagelbrettern - heute allerdings fast nur noch im Spitzensport. "Vertikalspannung" nennt er den menschlichen Antrieb, über sich hinauszuwachsen und von den halbwegs bequemen "Basislagern", auf die Gipfel zu steigen.
Michel Foucault (1926-1984)
Sloterdijks Kronzeugen sind vor allem Nietzsche und Foucault. Nietzsche passe hervorragend zur "Vertikalspannung", denn sein Zarathustra definiert den Menschen als Seil, "gespannt zwischen Tier und Übermensch". Auf Foucault beruft sich Sloterdijk, weil dieser immer wieder den Zusammenhang zwischen Übung, Disziplin und menschlicher Entwicklung herausgearbeitet hat. Mit den Worten Foucaults liest sich das so: "Natürlich kann man die Individuen nicht befreien, ohne sie zu dressieren."
Die Krise spricht
Warum aber soll ich mich ändern? Wer hat überhaupt das Recht, die Autorität, so mit mir zu sprechen? Es ist – so Sloterdijk – die Krise selbst; die wirtschaftliche, kulturelle, moralische und ökologische Krise. Wenn Banker durch hemmungslose Gier Milliardensummen vernichten, wenn zahllose Menschen beim Stichwort Kultur ans Privatfernsehen und beim Stichwort Genuss an einen Hamburger denken, wenn wir dabei sind, unsere Lebensgrundlagen auf diesem Planeten zu zerstören - dann ist schlussendlich jeder von uns gefragt. Von uns will Sloterdijk, dass wir "in täglichen Übungen die guten Gewohnheiten des gemeinsamen Überlebens annehmen."
Hier endet das Buch und hier werden wir allein gelassen. Es gibt nach Sloterdijk keine göttliche Weisung, keine allumfassende irdische Utopie, die uns sagt, was richtig ist und was falsch. 200 Jahre Aufklärung und eine ebenso lange Ideologiekritik haben hier ihre Spuren hinterlassen. Eine Lösung bekommen wir nicht präsentiert. Aber für viele würde es schon einmal reichen, vom Sofa aufzustehen.
Rezensent: Martin Muno
Redaktion: Gabriela Schaaf