DW-TV: Bei mir ist jetzt Bernd Venohr, er ist Professor für Management an der Fachhochschule für Wirtschaft in Berlin. Herr Venohr, Sie kennen sich aus in Sachen "Nischen-Weltmeister", wie wird man denn Weltmeister? Was zeichnet diese Unternehmen aus?
Bernd Venohr: Also im Grunde genommen ist das ganz einfach: Sie konzentrieren sich auf eine Nische, die Sie weltweit bedienen, Sie sind in Familienbesitz, und Sie haben sehr effiziente Prozesse und Abläufe.
DW-TV: Das klingt jetzt erst mal ganz einfach. Und Sie haben es auch angesprochen, mehr als 70 Prozent der Unternehmen sind tatsächlich vollständig in Familienbesitz. Ist das denn eine Voraussetzung dafür, um Weltmarktführer zu werden?
Bernd Venohr: Familienbesitz hilft. Welche Möglichkeiten schafft Familienbesitz? Zum einen können Unternehmen in Familienbesitz sehr langfristig handeln. Das heißt, wenn sie Weltmärkte erobern, brauchen sie Vertriebsnetze. Die sind teuer, das kostet viel Geld. Ähnliches gilt für Investitionen in Forschung und Entwicklung.
DW-TV: Also es braucht einfach den langen Weg.
Bernd Venohr: Den langen Weg, genau. Das zweite sind sicherlich Werte. Wenn wir uns diese Unternehmen anschauen, sind sie sehr stark geprägt durch eine hohe Loyalität der Mitarbeiter. Und hier hilft es auch, dass eine Familie dahintersteht, die Mitarbeiter und Lieferanten anständig behandelt.
DW-TV: Wie ist es mit den Managementmethoden? Unterscheiden die sich von den großen Firmen?
Bernd Venohr: Sie sprechen ein mögliches Problem an. Familienunternehmen haben ein Problem, wenn Sie keine Nachfolger haben. Und hier haben unsere deutschen Weltmarktführer es geschafft, für den Fall dass eben keiner von der Familie da ist, auch externes professionelles Management zu rekrutieren. Und das ist in der Tat der Königsweg.
DW-TV: Das klingt alles so schön, fast zu schön, um wahr zu sein. Also es gibt den Familien-Geist, es gibt die Innovation, sie haben eine Nische gefunden. Ist das eigentlich etwas, was man als große Firma übertragen oder auf eine große Firma übertragen kann? Etwas, was große Firmen mitnehmen sollten?
Bernd Venohr: Große Firmen versuchen natürlich solche kleinen Mittelständler zu kopieren, sie versuchen sich z. B. aufzuspalten, in kleine Einheiten, die dann ähnlich agieren können. Aber sie haben dabei mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. Und in vielen Branchen sind eben Mittelständler überlegen, und sie sind die besseren Unternehmen.
DW-TV: Wie kann man denn diesen Geist als großes Unternehmen mitnehmen? Also welche Möglichkeiten gäbe es denn?
Bernd Venohr: Eine Möglichkeit ist zum Beispiel, viele kleine Einheiten zu bilden. Die dann auch ähnlich arbeiten können wie Mittelständler. Mit eigenem Management, mit eigenen Produkten, mit eigenen Budgets.
DW-TV: Und dann kann man auch als großes Unternehmen Weltmarktführer werden? Nischenweltmarktführer? Was muss man denn tun, um diesen Vorsprung, den man hat zu halten?
Bernd Venohr: Wenn ich einen Faktor herausgreifen sollte, Frau Heyde, ist es das Thema Innovation. Wenn man es ganz einfach zusammenfasst, hängt das Überleben zusammen mit dem Vorteil, den man hat: Bessere Produkte, bessere Dienstleistungen. In einem Standort wie Deutschland können Sie diesen Vorteil nur produzieren, wenn Sie innovativ sind, wenn Sie etwas Neues bringen. Und da sprechen wir auch drittens noch mal über den Standort, der halt auch sehr, sehr wichtig ist. Das heißt, hier arbeiten Unternehmen, die die Quelle des Vorsprungs verstanden haben, auch sehr gut mit fachlichen Forschungsinstituten zusammen und investieren eben sehr langfristig in Mitarbeiter, in Ingenieurkapazitäten.
DW-TV: Nun befinden wir uns ja mitten in einer Krise. Betrifft das auch die Familienunternehmen, die "kleinen Nischen Weltmarktführer"?
Bernd Venohr: Die Krise trifft alle. Die Firmen können sich daraus nicht verabschieden. Nach meinen Daten und Beobachtungen sind diese Firmen allerdings überwiegend hervorragend aufgestellt, sie werden sehr gut durch diese Krise kommen.
DW-TV: Vielen Dank Bernd Venohr, Professor für Management an der Fachhochschule für Wirtschaft in Berlin!
(Interview: Anja Heyde)