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Man sieht es vor sich, man fühlt und riecht das Leben in Dresden, das Uwe Tellkamp so ausführlich beschreibt. Gleich mit dem ersten Kapitel geht es los, mit der Auffahrt der Standseilbahn in den Turm. Der Titel des Romans Der Turm ist Programm. Goethe klingt an mit seiner Turmgesellschaft im Wilhelm Meister. Gemeint ist das Villenviertel Weißer Hirsch oben am Elbhang, in dem bis zur Gründung der DDR die Reichen residierten. Dort leben die Hoffmanns und Rohdes und all die anderen Tellkamp-Figuren, darunter Ärzte, Wissenschaftler, Künstler und - gut bewacht auf dem benachbarten Hügel und spöttisch Ostrom genannt - Mitglieder der Nomenklatura. Wie aus einem Turm blicken sie herab auf die Stadt, sezierend oft, aber allesamt distanziert, abgeschottet von der feindlichen Welt.

Außerhalb der Zeit

Eine der drei Hauptfiguren ist Christian. Zu Beginn ein pickliger, pubertierender Schüler, begabt und musikalisch und fest entschlossen, Medizin zu studieren. Am Ende 1989 ein Soldat der Nationalen Volksarmee, der den DDR-Staat vor den Demonstranten schützen soll. Dann gibt es Richard, Christians Vater, der seit Jahren heimlich ein Doppelleben mit einer Zweitfamilie führt und deshalb leichte Beute für die Staatssicherheit ist, und schließlich Meno, den Lieblingsonkel Christians, Lektor in einem kleinen Literaturverlag. Meno lehrt Christian den Umgang mit Sprache, lehrt ihn zu beobachten und präzise zu formulieren. Für das Wort Magie fängt sich Christian zum Beispiel eine Rüge ein.

Du gebrauchst es wie eine Fliegenklatsche, denn Totschlag ist natürlich auch eine Methode, etwas zu bannen, bemerkte Meno dazu, aber damit umkreist du nur deine Hilflosigkeit, wie es schlechte Schriftsteller tun, die nicht fähig sind, ein Phänomen zu erzeugen – was der eigentlich schöpferische Akt wäre - , sondern nur dazu imstande sind, über das Phänomen zu reden; eben ‚Magie‘ zu sagen, statt aus Worten etwas herzustellen, das sie hat.

Magische Sätze

Uwe Tellkamp

Uwe Tellkamp zeigt, wie Magie entsteht. Bildhaft und genau und mit überraschenden Wendungen erzählt er von Menschen, die allesamt keine Helden sind, sondern sich ganz normal durchlavieren. Die einfach leben wollen und dabei oft erschreckend feige, bestechlich und verführbar, aber zugleich mutig und aufrecht sind. Der Turm erzählt detailreich und plastisch, was es bedeutet, in einer Gesellschaft zu leben, die auf Verrat und Lüge und auf der Angst vor Denunziation beruht. Der Verfall ist spürbar, von der ersten Seite an.

Der Turm ist ein großer Gesellschafts- und Bildungsroman. Der Ausflug in die Turmgesellschaft lohnt sich unbedingt.

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