Es macht sich meistens in kleinen Dingen bemerkbar, das gute Benehmen. Besonders im alltäglichen Umgang mit anderen Menschen zeigt sich, wer sich benehmen kann und den anderen gegenüber höflich ist.
Pünktlichkeit gehört bei vielen zum guten Benehmen
Befragte Personen:
"Guten Tag." / "Hey!" / "Hi" / "Hallo!"
Sprecher:
So unterschiedlich wird man in Deutschland begrüßt. Und gegrüßt wird bei uns täglich und überall: Mal per Handschlag, mal mit Winken, Umarmen, Schulterklopfen oder Küssen - auf Wange, Mund und Stirn – je nach Situation. Die Begrüßung ist der Beginn des förmlichen Umgangs. Dazu gehört vor allem gutes Benehmen, die "feine" Art, der "gute" Ton, wie manche sagen. Was sich dahinter verbirgt, wollen wir heute im deutschen Alltag entdecken.
Sprecherin:
Zur Seite steht uns dabei eine Expertin in Sachen Etikette.
Inge Wolff:
"Guten Morgen, guten Tag, guten Abend, hallo!"
Sprecherin:
Inge Wolff ist Vorsitzende des Arbeitskreises Umgangsformen International. Sie gibt noch heute in ganz Deutschland modernen Benimm-Unterricht.
Inge Wolff:
"Irgendwelche Spielregeln, um miteinander umzugehen, brauchen die Menschen. Wenn schon ein Spiel nicht funktioniert ohne Regeln, wie soll unser Zusammenleben ohne funktionieren. Und deshalb brauchen wir einfach Umgangsformen, die allerdings modern sein sollten, denn alte Zöpfe können wir in unserer Welt nicht mehr gebrauchen."
Sprecher:
Alte Zöpfe – so nennt man alte Sitten und Gebräuche, die nicht mehr zeitgemäß sind. Und gerade die Spielregeln des menschlichen Zusammenlebens, die in jeder Kultur unterschiedlich sind, verändern sich im Lauf der Zeit. Waren sie früher in Deutschland oft steif und einschnürend wie ein Korsett, geht es heute vielen zu locker und freizügig zu. Das liegt daran, dass man viele alte Zöpfe abgeschafft oder – besser gesagt – abgeschnitten hat, wie weiland zum Ende des chinesischen Kaiserreichs.
Sprecherin:
Was aber ist noch zeitgemäß und was überholt? Darüber herrscht Uneinigkeit und Unsicherheit, gerade zwischen den Generationen. Wir haben auf der Straße nachgefragt, was heute noch unter Etikette, unter Manieren und gutem Benehmen verstanden wird:
Befragte Personen:
"Dass man sich dankbar erweist und dass man auch anderen mal einen Gefallen tut, dass man den anderen auch mal vorgehen lässt und nicht immer nur sein eigenes Ich durchsetzt." / "Dass man erst mal "Guten Tag" sagt, dass man den Älteren gegenüber ein bisschen höflicher ist... was hätten wir sonst noch?" / "Ja, dass man so zum Beispiel die Autotür geöffnet kriegt. Ich freu mich darüber, wenn mein Mann das macht." / "Dame vorgehen lassen als Herr, nicht. Auffordern wie es sich gehört beim Tanzen, nicht. Also das allgemeine Benehmen." / "Ich finde, es ist überholt, nicht. Die Jugend ist doch sowieso nicht mehr dafür, ne." / "Wissen Sie, man lebt ja immer im Extremen: Was damals zu streng war, ist heute vielleicht zu lasch. Da muss man ein Mittelmaß finden. Es gibt durchaus schon ein Benimm am Tisch, was auch heute erforderlich ist. Dass man sich einfach nicht so benimmt, als wenn man alleine zu Hause wäre, nicht. Ich sag mal übertrieben: Beine auf den Tisch, laute Unterhaltung – da fehlt das bestimmte Gespür. Das ist heute weitgehend verlorengegangen, ne." / "Manieren? Hab ich wohl keine." / "Es hat gegenüber unserer Zeit ein bisschen nachgelassen, mit dem guten Benehmen. Es ist nicht mehr so, wie es früher war." / "Ich steige ein in die Straßenbahn, aber der Jugendliche hat wenigstens noch lachend reagiert: Ich sage: Brauchen Ihre Füße extra eine Bank? Und da hat er sie weggenommen und, naja, ich hab mich dann hingesetzt, aber unangenehm war es mir, außerdem, denn die Füße sind ja auch schmutzig." / "Ich denke, die heutige Jugend hat keine guten Manieren mehr. Zum größten Teil nicht mehr" / "Die haben wir bestimmt." / Ja weiß ich nicht. Was meint sie da speziell?" / "Ich finde es schön, wenn mir die Tür aufgehalten wird oder wenn mir auch mal in den Mantel geholfen wird. Das darf aber nicht dazu verkommen, dass die Männer also ganz verkrampft saßen... das war affig."
Sprecher:
Das Wort affig stammt vom Affen ab. Affen neigen oft dazu, viel Lärm um nichts zu machen. So benutzt man affig abwertend für Aufgesetztes, unnatürliches Getue – für falsche Eitelkeit. Auch übertriebene Freundlichkeit kann affig sein.
Sprecherin:
Das angemessene Benehmen wollen wir am Beispiel des Ehepaars Bert und Birgit Bollermann aus Bochum beleuchten. Die beiden haben sich in einem teuren Restaurant um sieben Uhr zum Essen verabredet. Nur Herr Bollermann hat da noch ein Problem.
Bert Bollermann:
"Och Mann,. schon wieder Stau! Das darf doch wohl nicht wahr sein. Macht doch mal voran da vorne! Mann, so ein Mist!"
Sprecher:
Mist macht jedes Rindvieh auf der Weide. Genauso stinkt manchmal der hausgemachte Mist, der Müll. Herr Bollermann benutzt den Ausdruck Mist in diesem Fall aber als Schimpfwort: Er regt sich über den Verkehrsstau auf. Übrigens: Besonders gemeine Personen werden mit Ausdrücken wie "Mistkerl" und "Mistvieh" beschimpft. "Miststücke" sind immer weiblich. Bitte merken – aber nicht anwenden! Es ist unhöflich.
Inge Wolff:
"Unhöflichkeiten im Auto gibt es natürlich noch mehr als in anderen Lebenssituationen. Und das hat einen ganz einfachen Grund: Der Mensch fühlt sich in seiner Blechkiste erstmal sehr abgeschottet und er fühlt sich relativ anonym. Und deshalb sind viele der Meinung, sie könnten sich da etwas mehr leisten und holzen da schon ganz schön über die Straßen."
Sprecher:
Wer über die Straßen holzt, fährt nicht unbedingt vor Bäume. Aber er verhält sich rücksichtslos. Im Sport steht holzen auch für Rohheit und Regelwidrigkeit. Ein holzender Autofahrer verstößt also gegen die Umgangsregeln auf der Straße. Blechkiste ist kurz gesagt ein abwertendes Wort für Automobil.
Sprecherin:
Der Stau hat sich inzwischen aufgelöst. Gerade stellt Herr Bollermann sein Auto vor dem Restaurant ab. Noch schnell ein Blick zur Uhr: zwanzig nach sieben – ausgerechnet bei seinem ersten Besuch in einem feinen Restaurant ist er zu spät!
Inge Wolff:
"Die Pünktlichkeit spielt in unserem Land eine relativ große Rolle. Unpünktlichkeit, noch dazu unentschuldigte, wird als ziemlich grobe Unhöflichkeit betrachtet. Na gut, diese fünf Minuten, da kann man sich immer noch gut entschuldigen. Und je nach Situation gibt es ja auch das sogenannte akademische Viertel. Das heißt: Eine Viertelstunde später reicht auch noch. Aber ansonsten bei Geschäftsbesprechungen, besonders im Privatleben wenn man zum Essen eingeladen ist, sollte man schon sehr pünktlich sein. Denn die arme Hausfrau kommt in tausend Nöte, wenn das liebevoll zubereitete Essen auf dem Herd verbrutzelt, weil ein oder zwei Gäste eine halbe Stunde zu spät kommen."
Sprecherin:
Das Problem hat Frau Bollermann heute nicht. Sie isst ja mit ihrem Mann auswärts. Kopfschüttelnd begrüßt sie ihn vor dem Restaurant. Wie immer kommt er zu spät, wie immer hat er eine gute Entschuldigung. Gemeinsam betreten sie die feine Gaststätte.
Sprecherin:
"Eins der grundlegenden Dinge, die sich geändert haben, sind die Regeln, die früher die Frau betrafen: Denn sie durfte weder als erste reingehen, noch den Wein probieren, noch mit dem Ober reden und schon überhaupt nicht für den Mann bezahlen. Das ist natürlich in einer Zeit, wo berufstätige Frauen auch männlichen Geschäftsbesuch ins Restaurant einladen, überhaupt nicht mehr haltbar. Die Frau kann ja nicht ihrem Gast unterm Tisch klammheimlich das Portemonnaie zuschieben und sagen: 'Nun bezahlen Sie mal bitte für uns beide'."
Sprecherin:
Wer bezahlt, ist klar. Der verspätete Herr Bollermann lädt seine Gattin höflicherweise ein. Aber jetzt geht es ans Essen. Bert Bollermann fragt sich, wie in einem feinen Haus die Köstlichkeiten manierlich gegessen werden. Frau Bollermann weiß aus strenger Erziehung: Schneide nie Kartoffeln oder Fisch mit dem Messer. Aber was gilt heute noch?
Inge Wolff:
"Nun es gibt schon noch Grundsätzliches. Also das ganz große Matschen auf dem Teller, in dem wir alles durcheinander quetschen mit der Gabel und dann reinschaufeln ist natürlich nach wie vor nicht sonderlich beliebt."
Sprecher:
Matsch ist nasser Straßenschmutz - unförmig, eklig und schmierig. Auf dem Teller kann man jede schön angerichtete Speise in eine solche unansehnliche Masse verwandeln, und das nennt man matschen. Erbsen und Möhren vermatscht man zum Beispiel durch Zerdrücken mit der flachen Seite einer Gabel von oben. Aber lassen wir das.
Sprecherin:
Außer bei Schalentieren und manchen Hähnchenbeinen benutzt man in einem Restaurant Besteck. Immer noch wird es gern gesehen, wenn man die Gabel dabei nicht wie eine Mistgabel oder einen Kugelschreiber hält und das Messer nicht wie ein Mordinstrument benutzt.
Bert Bollermann:
"Ähm, Schatz, sag mal: Wofür ist eigentlich das kleine stumpfe Messer hier?"
Birgit Bollermann:
"Das ist ein Käsemesser."
Bert Bollermann:
"Aaahja! Und dieses kleine mit rundem Ende und schmaler Kerbe?"
Birgit Bollermann:
"Das ist das Buttermesser, für das Brot."
Bert Bollermann:
"Ach – und ich dachte, das wäre dies hier!"
Birgit Bollermann:
"Das ist das Fischmesser, für Fisch."
Bert Bollermann:
"Wieso?"
Birgit Bollermann:
"Es ist größer. Und bevor Du fragst: Das größte Messer ist das Tafelmesser."
Bert Bollermann:
"Und wofür ist das?" - Sie:
Birgit Bollermann:
"Für das Hauptgericht."
Bert Bollermann:
"Und was soll ich mit den ganzen Löffeln? Ein ovaler mit langem Stiel, ein großer runder mit breitem Griff, ein kleiner kurzer... und – äh – in welcher Reihenfolge werden die benutzt?"
Inge Wolff:
"Da gibt's aber eine ganz einfache Grundregel: Nämlich immer außen anfangen – und sich nach innen durchessen. Denn die Gastronomie hat von sich aus richtig eingedeckt. Da braucht sich der Gast keine Gedanken zu machen. Es gibt aber andere Sachen, zum Beispiel ist es nicht sehr freundlich, durch's ganze Lokal zu brüllen: Hey, Ober – zahlen! Oder was in Deutschland inzwischen total unbeliebt geworden ist, ist die Bezeichnung für die Restaurantfachfrauen, nämlich sie mit "Fräulein" zu rufen oder anzusprechen. Weil ja bei uns die Anrede "Fräulein" eigentlich gar nicht mehr existent ist für erwachsene Frauen."
Sprecherin:
Es kommen manchmal aber auch Missgeschicke vor. Die können jedem passieren. Eine falsche Bewegung bei Tisch und... Und schon verfärbt sich die weiße Bluse der Gattin weinrot.
Sprecher:
In der Regel reicht ein glaubwürdig vorgetragenes "Verzeihung" oder "Entschuldigen Sie". Auch "Pardon" und "Sorry" sind inzwischen üblich.
Inge Wolff:
"Bei etwas größeren Dingen braucht es manchmal schon etwas Überlegung oder Überwindung sogar – und ich empfehle dann immer: Erstens mal ehrlich zu bleiben, keine Ausflüchte zu suchen, keine hergezauberte Geschichte zu erfinden, sondern schlicht und ergreifend zu sagen: Aus dem und dem Grunde ist mir das und das passiert. Es tut mir sehr leid, oder es ist mir sehr peinlich – je nachdem – die eigenen Gefühle zum Ausdruck bringen und dann sagen: Entschuldigung. Ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht übel."
Sprecher:
Wenn man einem anderen etwas übelnimmt, dann macht man ihn persönlich für eine Situation verantwortlich. Man sagt auch: Das nehme ich Ihnen krumm. Dann muss der Verursacher sehen, wie er die Situation wieder geraderückt, kurz: wieder gutmacht.
Sprecherin:
Herr Bollermann hat inzwischen große Schwierigkeiten, die Dinge wieder gerade zu rücken. Er steht vor einem Scherbenhaufen. Wollte er doch gerade noch zum Ober gehen und um eine frische Decke bitten – da ist er beim Aufstehen leider am Tischtuch hängen geblieben. So schnell hatte bisher noch nicht mal der Oberkellner den Tisch abgeräumt. Und damit ist es Zeit, Essen und Schaden zu zahlen und den Ort des Unglücks zu verlassen.
Birgit Bollermann:
"Das war ja mal wieder eine ganz tolle Vorstellung von Dir."
Bert Bollermann:
"Schatz, das kann doch mal vorkommen."
Birgit Bollermann:
"Das kann vorkommen, aber das darf aber nicht vorkommen."
Bert Bollermann:
"Darf ich wenigstens Dir zuvorkommen und Dir in den Mantel helfen?"
Birgit Bollermann:
"Na, das kann ich ja wohl noch alleine!"
Bert Bollermann:
"Ach was."
Inge Wolff:
"Ja, dieses typische – ich sage jetzt mal ganz böse – Emanzengehabe, schnippisch über die Schulter zu werfen 'Das kann ich auch alleine' beobachtet man schon ab und zu in Deutschland. Aber wenn es um den Grundsatz geht, die Grenzen eines anderen Menschen zu wahren, dann ist das ja gerade für den der helfen möchte eine Grenzüberschreitung. Denn der fühlt sich brüskiert und abgewiesen. Und außerdem bin ich auch der Meinung, ein Mensch, der wirklich emanzipiert ist, ist sowohl in der Lage, Hilfe zu geben als auch Hilfe anzunehmen. Denn sonst ist er nicht emanzipiert."
Sprecher:
Emanzipation, so sagt das deutsche Wörterbuch, der Duden, bedeutet nichts anderes als Gleichstellung, als Befreiung von Abhängigkeiten, als das gegenseitige Respektieren.
Sprecherin:
Oft werden durch falsch verstandene Emanzipation sogenannte Kavalierstaten missverstanden. Etwa dann, wenn Frauen sich bevormundet und unterdrückt fühlen. Dabei wäre es längst denkbar, dass auch mal die Frau dem Mann in den Mantel hilft, wie es in Japan üblich ist.
Inge Wolff:
"Für mich ist das nicht nur denkbar. Ich praktiziere das auch. Wenn es einmal besonders eilig ist für einen Mann, warum sollte seine Kollegin ihm nicht den Mantel hinhalten, damit er flotter aus der Tür stürzen kann?"
Sprecherin:
Also dann: Darf ich Ihnen in den Mantel helfen, mein Herr?
Sprecher:
O danke Frau Kollegin.
Sprecherin:
Gern geschehen.
Sprecher:
Fehlt nur noch eins.
Sprecherin:
Was denn?
Sprecher:
Die richtige, höfliche Verabschiedung.
Inge Wolff:
"Das Neueste, das Aktuellste ist ja nun:'...und Tschüss'. Wobei das 'und die bestimmte Betonung braucht. Ob da jemand 'Ciao' oder 'Tschüss" oder 'Tschau' oder 'Tschautschau' oder sonst etwas sagt, ist unter Jugendlichen völlig egal. Jeder nach Lust und Laune. Nur – moderne Umgangsformen müssen situationsgerecht betrachtet werden: Das heißt - ob nun gerade ein Jugendlicher, der sich von seiner alten Tante im Altersheim verabschiedet, dies mit einem locker über die Schulter geworfenen 'Ciao' tun sollte... - da wär's bestimmt der alten Tante recht, wenn er sagt: 'Auf Wiedersehen, Tante Mienchen'."
Befragte Personen:
"Auf Wiedersehen." / "Auf Wiedersehen. Lass es dir gut gehen." / "Tschau!" / "… und Tschüss!"
Fragen zum Text
Warum kommen Unhöflichkeiten besonders beim Autofahren vor?
1. man möchte schneller als der andere sein
2. man fühlt sich anonym
3. man ist immer müde
Wofür steht die Bezeichung akademisches Viertel?
1. für einen Stadtteil, in dem nur Menschen mit einem Studienabschluss wohnen
2. für einen Teil eines Studiums an der Kunstakademie
3. dafür, dass eine Viertelstunde Verspätung nicht schlimm ist
Wenn jemand einem anderen etwas übelnimmt, dann…
1. ist er/ sie krank und lässt sich von dem anderen pflegen.
2. bittet er/ sie den anderen um einen Gefallen.
3. macht er/ sie den anderen für etwas verantwortlich.
Arbeitsauftrag
Gutes Benehmen sollte zwar jeder Mensch haben, auch in jedem Land sind die Ansichten über gutes Benehmen unterschiedlich. Erinnern Sie sich an einen Besuch in einem anderen Land, wo Sie sich anders verhalten haben als es dort üblich ist? Unterhalten Sie sich mit Ihren Kursteilnehmern über eine Situation, in der Sie nicht wussten, wie man sich in dem Land benimmt und dadurch in dem Land negativ aufgefallen sind.