260 Schüler aus der Türkei, Marokko und Bosnien drücken im Islamischen Gymnasium in Wien die Schulbank. Fünf Gebete pro Tag und Streitgespräche über die Evolutionstheorie gehören zum Schulalltag.
Auch in Österreich können muslimische Schüler ihre Religion pflegen
Freitags können die Schüler des Islamischen Gymnasiums nur die Hälfte der Mittagspause genießen. Das Freitagsgebet steht auf dem Stundenplan. Für den problemlosen Ablauf der Gebete ist der Religionslehrer Kenan Ergün zuständig. Er sagt, die Schule habe die Aufgabe, dass die muslimischen Jugendlichen ihre Identität bewahren und die Matura, das österreichische Abitur, machen. Danach können sie studieren und als intellektuelle Menschen und Moslems hier ihren Platz in der Gesellschaft einnehmen. In Österreich ist der Islam die zweitgrößte Religionsgemeinschaft.
Das Islamische Gymnasium in Wien unterrichtet nach dem Schulunterrichtsgesetz. Alle muslimischen Gebets- und Speisevorschriften werden eingehalten, auch gibt es eine Garantie für schulfreie Tage an religiösen Feiertagen. Rund 260 Schüler kommen aus der Türkei, Ägypten, Marokko oder Bosnien, ihre Lehrer sind aber fast alle Österreicher christlichen Glaubens. Das führt manchmal zu Diskussionen, sagt der Deutschlehrer Friedrich Vastian.
Ein Beispiel ist die Evolutionstheorie: Während der Islam die Entstehung des Menschen durch Gott lehrt, vertritt der Biologielehrer die naturwissenschaftliche Theorie. Dies bewirke ein Nachdenken über andere Auffassungen, sagt Vastian. Für welche Theorie sich die Kinder dann im Laufe des Lebens entscheiden, dass bliebe nur ihnen überlassen, sagt Religionslehrer Kenan Ergün. "Wir unterrichten so, die Bio-Lehrer unterrichten so und dann entscheiden die Schüler selbst."
Im letzten Jahr hat das Islamische Gymnasium die ersten Maturanten hervorgebracht – eine Generation von Muslimen also, die ihre Identität bewahrt haben, die nun aber auch das europäische, naturwissenschaftliche Bild kennen. Friedrich Vastian sagt: "Wir Lehrer tragen zur Integration bei. Aufgrund des Unterrichts werden die Schüler europäisiert. Es darf alles kritisiert werden, auch die religiösen Dogmen. Und das ist das wichtigste, glaube ich."
GLOSSAR
die Schulbank drücken – Redewendung: zur Schule gehen
Streitgespräch, das – die Diskussion
Evolutionstheorie, die – die Denkweise, wie sich der Mensch entwickelt hat
für etwas zuständig sein – auf etwas aufpassen
bewahren – behalten
Schulunterrichtsgesetz, das – die Regel, wie Schüler in der Schule erzogen werden; das Ziel diese Regel ist der Schulabschluss
Speisevorschrift, die – die Regel, was man essen soll
vertreten – hier: eine Meinung haben
naturwissenschaftlich – die Bereiche Biologie, Chemie und Physik betreffend
Auffassung, die – die Meinung; die Denkweise
etwas bleibt jemandem überlassen – hier: jemand kann selbst entscheiden
Maturant, der – jemand, der die Matura hat (der Schulabschluss in Österreich)
zu etwas beitragen – bei etwas helfen
Dogma, das – eine feste Definition
Fragen zum Text
Was sind die Aufgaben der Islamischen Schule in Wien?
1. Die Schüler sollen ihre Religion aufgeben und nicht mehr ihre Muttersprache sprechen.
2. Die Schüler sollen politisch aktiv sein und das Schulsystem verändern.
3. Die Schüler sollen ihre Identität bewahren und die Matura machen.
Wenn jemandem eine Entscheidung überlassen bleibt, dann …
1. entscheiden andere für ihn / sie.
2. kann er / sie selbst entscheiden.
3. muss er / sie mit anderen entscheiden.
Was wollen die Lehrer am Islamischen Gymnasium erreichen?
1. Sie wollen den Schülern bei der Integration helfen.
2. Sei wollen nur die islamische Religion unterrichten.
3. Sie wollen jede Religion verbieten.
Arbeitsauftrag
Das Islamische Gymnasium in Wien möchte den muslimischen Schülern bei der Integration helfen. Stellen Sie sich vor, Sie sind Lehrer an der Schule. Welche Veranstaltungen oder Kurse würden Sie anbieten, um den Schülern bei der Integration zu helfen? Schreiben Sie einen kurzen Text über Ihre Ideen, mit den muslimischen Jugendlichen in Kontakt zu kommen.