Was heute eher als entspannender Ausflug in die Natur verstanden wird, war früher mangels Alternativen meist die einzige Möglichkeit von Ort zu Ort zu kommen. Das Vergnügen dürfte sich da in Grenzen gehalten haben.
"Über allen Gipfeln ist Ruh' ..."
Es gibt eine Art sich zu bewegen, die – in übertragener Bedeutung – die öffentliche Diskussion nicht unbedingt beherrscht, aber immerhin breiten Raum in ihr einnimmt. Es ist dies die Zuwanderung oder Einwanderung. Damit ist nicht das Wandern zu Fuß gemeint ist, sondern dass fremde Menschen von fremden Orten und fremden Ländern nach Deutschland kommen, um dort zu bleiben. Das Wort Wandern hat viele Bedeutungen. Wir werden eine kleine Wanderung unternehmen, um es zu erklären.
Gut bewandert: der Handwerksbursche
Wandern heißt ganz allgemein von einem Ort zum andern ziehen und zwar zu Fuß. Wobei das aus ganz unterschiedlichen Beweggründen und auch mit unterschiedlichen Mitteln geschehen kann. So wanderten die Handwerksburschen von einem Ort zum andern mit ihrem Wanderstecken, dem Wanderstab und einem geschnürten Bündel, dem Vorläufer des Rucksacks. Noch heute kann man mitunter in Deutschland Zimmerleute in traditioneller Kleidung auf ihrer Wanderschaft sehen.
Früher waren die so genannten Wanderjahre für Handwerksburschen obligatorisch. Nach der Lehrzeit hieß es erst einmal wandern. Erst dann konnte die Meisterprüfung abgelegt werden. Während der Wanderzeit – und das war Sinn und Zweck dieser Pflicht – wurden überall bei den Meistern der jeweiligen Zunft Erfahrungen gesammelt. Wahrscheinlich stammt daher der Ausdruck bewandert sein, was bedeutet sich sehr gut in einer Sache auskennen. Leute, die etwas sehr gut können, sind offensichtlich immer gefragt.
Wenn Massen wandern ...
Wer auch wanderte waren die fahrenden Leute ohne festen Wohnort. Die wandernde Schauspieltruppe, der Wanderzirkus, zog von einem Ort zum andern. Die Theaterleute, die Artisten, Clowns und Musikanten waren überall und nirgends zu Hause.
Aber auch ganze Völker sind gewandert. Wie zum Beispiel die Germanen. Diese Völkerwanderungen fanden seit dem Ende des dritten vorchristlichen Jahrtausends in Europa statt. Diese Art Wanderungen war aus der Not geboren. Anders als Wanderungen von ganz vielen Menschen zum Beispiel in ein Fußballstadion. In der Umgangssprache wird auch hierfür der Begriff Völkerwanderung verwendet.
Von Erholungssuchenden und Wandervögeln
Wer heutzutage wandert tut dies, weil er oder sie sich erholen will, oder weil der Doktor dazu geraten hat, sich viel zu bewegen. Also werden Wanderschuhe gekauft, Wanderkarten der schönsten Wandergebiete, und dann geht es los. Auf gut gekennzeichneten Wanderwegen.
Seit der Romantik und der deutschen Turnbewegung steht Wandern in Deutschland hoch im Kurs. Es bildeten sich Wandervereine. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der Deutsche Wandertag ins Leben gerufen. Die alljährlich stattfindende Großveranstaltung deutscher Wanderer hat das Wandern gewissermaßen institutionalisiert. Ebenfalls um die Zeit wurde in Berlin-Steglitz der Wandervogel gegründet – eine Jugendbewegung, die das Leben mit der Natur zu ihrem Motto erhob. Als Wandervogel gilt heute, wer gerne und ausgiebig wandert, wer sozusagen bekennender Wanderer ist.
Es muss nicht immer zu Fuß sein
Aber selbst wer schlecht zu Fuß ist, muss auf das Wandern nicht verzichten. Schließlich gibt es das Radwandern. Auch die Ruderer kennen Wanderfahrten. Wandern, zuwandern, einwandern – eins hätten wir fast vergessen: das Auswandern. Viele haben das vor; aber die wenigsten machen es dann auch. Denn wohin auch immer man auswandert: zuerst müsste man einwandern.
Fragen zum Text
Wer gut bewandert ist, ...
1. hat gutes Schuhwerk.
2. kennt sich in einer Sache gut aus.
3. läuft am Tag mehrere Stunden.
Ein wandernder Handwerksbursche führt in der Regel nicht mit sich: …
1. ein geschnürtes Bündel.
2. einen Wanderstecken.
3. einen Regenschirm.
Der Begriff Wandervogel bezeichnete ursprünglich ...
1. Vögel, die im Winter nach Süden fliegen.
2. Menschen, die lieber mit dem Flugzeug verreisen.
3. eine Jugendbewegung.
Arbeitsauftrag:
Kann man in Ihrem Land gut wandern? Geben Sie einem deutschsprachigen Touristen, der in Ihrem Land wandern möchte, Hinweise und Erklärungen.
Autor: Michael Utz
Redaktion: Beatrice Warken