Wenn heutzutage in westlichen Medien von China die Rede ist, dann schwingen oft Neid und eine eher unreflektiert anmutende Bewunderung mit. Faszinierte Reporter bestaunen das rasante Wirtschaftswachstum des fernöstlichen Giganten und porträtieren ein Land in scheinbar allgegenwärtiger Aufbruchstimmung. Westliche Politiker und Unternehmer schwärmen von einem angeblich unerschöpflichen Zukunftsmarkt mit 1,3 Milliarden Konsumenten, die immer mehr Wohlstand anhäufen und sich deshalb immer mehr leisten können.
Fast unmerklich hat ein grundlegender Wechsel der Wahrnehmungsmuster stattgefunden. Nicht mehr so sehr Menschenrechtsverletzungen, Massenaufmärsche und Menschen mit Mao-Bibeln bestimmen heute das westliche China-Bild - sondern die glitzernde Skyline von Schanghai, global operierende Großkonzerne oder kokett lächelnde chinesische Fotomodelle in Miniröcken, die auf internationalen Messen und bunten Werbeplakaten die neuesten Spitzenprodukte "Made in China" anpreisen.
Relativierende Geschichten
Ein realistisches China-Bild ist dies natürlich nicht. Es ist nur ein winziger Ausschnitt aus einer ungleich komplexeren Landeswirklichkeit, die auch Willkür, wirtschaftliche Ausbeutung und nach wie vor auch Armut beinhaltet. Denn von Chinas wirtschaftlichem Aufstieg profitieren vor allem die städtischen Eliten - kaum jedoch die riesige Bevölkerungsmehrheit auf dem Lande.
Wer sich auch dieser chinesischen Wirklichkeit nähern will, dem sei das neue Buch von Luo Lingyuan empfohlen. Elf Kurzgeschichten präsentiert uns dort die 1963 in China geborene und seit 15 Jahren in Deutschland lebende Autorin, und jede dieser Kurzgeschichten relativiert und korrigiert das heute im Westen gängige, eher eindimensionale China-Bild.
So beleuchtet Luo nicht nur die in Chinas Metropolen weit verbreitete Arroganz gegenüber den Wanderarbeitern aus der Provinz, die in den urbanen Zentren oft die schmutzigsten Arbeiten erledigen. Sie schildert ebenso eindrücklich, wie Provinzkader miteinander um Auslandsinvestitionen feilschen und wie hoffnungslos und fast unmerklich sie sich in einem undurchdringlichen Netz aus Korruption, Patronage und Parteiloyalität verstricken können.
Vielschichtige Lebenswirklichkeit
Anrührend, aber oft auch sehr drastisch erzählt Luo Lingyuan ihre Geschichten. Sie erzählt von einem China, in dem das einzelne Menschenleben oft wenig zählt, und in dem Aufschwung, zunehmende Alltagsfreiheiten und Wohlstand in den Städten nur die eine Seite einer Entwicklung sind, die auf der anderen Seite, insbesondere im ländlichen Raum, eine Jahrhunderte alte Tradition der staatlichen und familiären Unterdrückung kultiviert.
In einem Land, das weit mehr Einwohner und eine weitaus größere Flächenausdehnung hat als der gesamte Kontinent Europa, ist natürlich auch dies nur ein Ausschnitt aus einer vielschichtigen und mitunter oft widersprüchlich anmutenden Lebenswirklichkeit. Aber es ist ein lebensnaher Ausschnitt aus dem heutigen China, mit Eindrücken, die überraschen und faszinieren, manchmal allerdings ein Gefühl der Bedrückung hinterlassen.