Das Ende ist endgültig, aber nicht unendlich. Alles geht einmal zu Ende. Manchmal endet etwas in einem Ende mit Schrecken, manchmal in einem guten Ende. Wo etwas endet, beginnt etwas Neues. Wie am Jahresende. Endlich!
Endspurt vor dem Jahresende!
Sprecherin:
Ende – ein kleines Wort mit nur vier Buchstaben. Ein Wort, das es allerdings in sich hat. Wir begegnen ihm in der deutschen Sprache täglich und das in recht unterschiedlicher Gestalt: als Substantiv, als Verb, als Adjektiv und als Adverb.
Sprecher:
Ende, Endung, beenden, endlos, endlich – und dann die zahlreichen Wortkombinationen mit der Silbe end-, zum Beispiel die zusammengesetzten Hauptwörter Endreim, Endstand, Endvokal, Endfassung, Endergebnis, Endlager, Endgeschwindigkeit. Aber auch die Adjektivverbindung mit end-: endgültig.
Sprecherin:
Ende und seine engen Verwandten wirken auch kräftig in Literatur und Volksmund mit. Oft kleiden sie markante Aussagen wie zum Beispiel im fünften Akt von Goethes Drama "Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand". Vom Pferd herab ruft Götz:
Rezitator:
"Gott sei Dank! Dort seh' ich Feuer, sind Zigeuner.
Meine Wunden verbluten, die Feinde hinterher,
heiliger Gott, Du endigst grässlich mit mir."
Sprecherin:
Du endigst grässlich mit mir – eine heute nicht mehr gebräuchliche Ausdrucksweise. Sie bedeutet "Du bereitest mir ein schlimmes Ende". Als Gegensatz zum tatsächlichen Ende, von dem es kein Zurück mehr gibt, bedarf es nur des kleinen, aber durchaus nicht belanglosen Wortes ohne. Ohne Ende bedeutet genau das Gegenteil von Ende: immerwährend. Rainer Maria Rilke bediente sich dieser wirksamen Wortkombination in seinem Gedicht "Die Rosenschale". Dort heißt es:
Rezitator:
"Lautloses Leben, aufgehen ohne Ende."
Sprecherin:
Heinrich von Kleist zeigt uns im 4. Aufzug seines ein wenig blutrünstigen Dramas "Die Familie Schroffenstein" eine weitere Bedeutung des Wortes Ende. Es meint einfach Schluss, aber nicht den Tod. Beschwörend ruft Eustache aus:
Rezitator:
"Oh mache diesem unselig bösen Zwist ein Ende."
Sprecher:
Das Wort Ende zieht sich schier endlos durch die deutsche Sprache, der sich ja ganz besonders der Reformator Martin Luther hingegeben hat. In seiner Bibelübersetzung finden wir Ende gleich 324 Mal. Zum Beispiel im Ersten Buch Mose, Kapitel 47. Diese Stelle handelt von der großen Hungersnot in Ägypten. Josef kauft für den Pharao die Äcker der Not leidenden Menschen auf. Und so heißt es dann in Vers 21:
Rezitator:
"Und er machte das Volk leibeigen von einem Ende bis an das andere."
Sprecher:
Von einem Ende bis an das andere: hier wird die Weite, der Raum des Landes beschrieben. Es soll so viel heißen wie im ganzen Land. Im Vierten Buch Mose, im Kapitel 23 Vers 10 finden wir im Wort Ende die Bedeutung Tod.
Rezitator:
"Meine Seele möge sterben den Tod der Gerechten und mein Ende werde wie ihr Ende."
Sprecher:
Wie bereits erwähnt: Ganze 324 Mal taucht in der Bibel das Ende auf – in allen seinen unterschiedlichen Bedeutungen und Wortkombinationen.
Sprecherin:
Endung, beenden und beendigen stehen übrigens nicht in der Bibel und endlich finden wir nur sieben Mal.
Sprecher:
Endlich – das Adverb, das Umstandswort zielt auf das Ende einer Wartezeit ab. Meist betont es eine Stimmung. Wir sagen etwa nach langem Warten an der Haltestelle: "Endlich kommt der Bus!" Endlich kann auch gebraucht werden, um eine Situation im Ausdruck zu verstärken. Zum Beispiel, wenn man nach langen Erklärungen einem Schüler ungeduldig zuruft: "Nun begreif' doch endlich!" Schlagen wir dazu noch einmal die Bibel auf und hören wir, was Hiob seinem Freund Bildad sagt:
Rezitator:
"So merk' doch endlich, dass Gott mir Unrecht getan und mich mit seinem Jagdnetz umgeben hat."
Sprecherin:
Wenn jedoch etwas endlich ist, wandelt sich das Adverb zum Adjektiv. Endlich in Raum und Zeit – in der Mathematik kennen wir eine endliche Zahl. Das Gegenteil von diesem Eigenschaftswort endlich lautet unendlich. Wer unendlich Zeit hat, hat viel Zeit oder sogar immer Zeit. Wenn jemand betont, er freue sich unendlich über ein Geschenk, so bedeutet das aber nicht, er könne gar nicht mehr aufhören sich zu freuen, sondern nur, dass er sich über das Geschenk sehr freut.
Sprecher:
Der bereits angesprochene Volksmund bedient sich ebenfalls – und das nicht zu knapp – des Wörtchens Ende. Die amüsanteste Redewendung lautet:
Rezitator:
"Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei!"
Sprecher:
Diese Redewendung ist spielerisch originell. Sie erfasst mit dem Begriff Ende beide Kategorien, Raum und Zeit. Außerdem verneint sie scherzhaft die unveränderliche Tatsache, dass alles wirklich einmal zu Ende geht.
Sprecherin:
Doch verfallen wir nicht in Endzeitgedanken. Schließlich kennt jeder von uns eine Situation, in der wir aufatmen und endlich ausrufen können:
Rezitator:
"Ende gut, alles gut!"
Sprecherin:
Was ja eigentlich bedeutet, dass es vorher ziemlich schlimm gewesen sein muss. Aber zum Trost: Alles ist noch einmal gut gegangen. Vielleicht bleibt jedoch die Befürchtung, die größten Probleme könnten noch auf einen zu kommen. Dann stöhnt man ahnungsvoll:
Rezitator:
"Das dicke Ende kommt noch!"
Sprecher:
Eine Formulierung mit unterschiedlichen Herkunftsdeutungen. Sie reichen vom dicken Schiffstau, das mit einer dünnen Leine an Land gezogen wird, bis zum dickeren Ende des Gewehrs, dem Gewehrkolben, mit dem der Feind erschlagen wird. Wie auch immer: Das dicke Ende ist meistens…
Rezitator:
"…ein Ende mit Schrecken."
Sprecher:
In Psalm 73 übersetzt Martin Luther in Bezug auf die gottlosen Menschen:
Rezitator:
"Wie werden sie so plötzlich zunichte? Sie gehen unter und nehmen ein Ende mit Schrecken."
Sprecher:
Das griff zu Beginn des 19. Jahrhunderts der preußische Offizier Ferdinand von Schill auf. Am 12. Mai 1809 hielt er auf dem Marktplatz in Arneburg an der Elbe eine engagierte Rede gegen Napoleon, der Preußen ja empfindliche Niederlagen beigebracht hatte. Schill wollte eine Erhebung gegen Napoleon auslösen und er rief aus:
Rezitator:
"Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende!"
Sprecher:
Für den preußischen Offizier und seine Husaren kam das schreckliche Ende dann recht bald. Schill fiel 19 Tage nach seinem Ausdruck im Straßenkampf von Stralsund. Elf seiner Offiziere wurden standrechtlich erschossen. Auch für mehr als 500 Soldaten war das Ende vom Lied ein schreckliches. Sie wurden auf Galeeren verbannt.
Sprecherin:
Die Redensart Das Ende vom Lied bezieht sich übrigens auf den oft traurigen Ausgang alter Volkslieder. Wer ein Ende mit Schrecken erlebt, ein schlimmes Ende, das er jedoch gerade noch überlebt, der ist eventuell am bitteren Ende angelangt – was an den unteren, den letzten Teil einiger Gemüsesorten erinnert, der oft bitter ist; an Chicorée zum Beispiel oder an manche Mohrrüben. Wer also so weit gekommen ist, mag voller Hoffnung ausrufen:
Rezitator:
"Alles hat einmal ein Ende!"
Sprecherin:
Doch hoffentlich täuscht er sich nicht, denn es könnte ja wirklich ein Ende mit Schrecken sein, weil er die Angelegenheit nicht am richtigen Ende angepackt hat, also nicht geschickt war oder sogar alles falsch gemacht hat. Am richtigen Ende anpacken – diese Wendung kennen übrigens in ihrer Sprache auch unsere Nachbarn. Die Franzosen sagen:
Rezitator:
"Prendre les choses par le bon boût."
Sprecherin:
Und die Engländer drücken es ganz ähnlich aus:
Rezitator:
"He has the better end of the string."
Sprecherin:
Wenn man eine Angelegenheit also nicht am richtigen Ende anpackt, zieht man unter Umständen am kürzeren Ende, man befindet sich im Nachteil. Wahrscheinlich stammt diese Redensart aus dem Mittelalter, als im schwer zu klärenden Streitfall die beiden Parteien bei einer Streitschlichtung an halb verdeckten Strohhalmen ziehen mussten. Wer den kürzeren Halm zog, hatte verloren. Bis heute hat sich ja auch die Redewendung erhalten, jemand habe den Kürzeren gezogen.
Sprecher:
Wer so etwas durchgemacht hat, ist ganz sicher mit seinen Nerven am Ende. Und man kann ihm nur wünschen, dass er dann nicht doch noch das eigene Ende, also den Tod nahen fühlt. Das könnte nämlich ein qualvolles Ende sein.
Sprecherin:
Doch Schluss jetzt mit diesen trüben Endzeitgedanken. Im Endeffekt bringt uns das gar nichts. Wenn wir so weiter machen, nimmt das alles noch ein trauriges Ende. Und es bleibt nur noch das Zitat aus Shakespeares "Sommernachtstraum":
Rezitator:
"Das ist der Anfang vom Ende! That is the true beginning of our end."
Sprecherin:
Im Sport setzt der Läufer bekanntlich kurz vor dem Ziel zum Endspurt an. Das wollen auch wir nun tun.
Sprecher:
Ein Ende können wir allerdings nicht absehen, denn für das kleine Wort mit den vier Buchstaben und seinen zahlreichen Verwandten gibt es ja kein Endspiel wie im Sport und kein Endergebnis, keinen Endstand. Wir müssten endlose Strapazen auf uns nehmen, um ein wirkliches Ende zu finden.
Sprecherin:
Kommen wir also zur eigentlichen Bedeutung des Wortes Ende: das Ende ist der äußerste räumliche Punkt, die Stelle, wo etwas aufhört, der allerletzte Teil eines Gegenstandes zum Beispiel. Es gibt auch das Ende einer Wegstrecke, eines Romans, eines Erlebnisses, einer Zeit, auch das Ende unseres Lebens.
Sprecher:
Ende bedeutet: Schluss! Aus! Nichts geht mehr!
Fragen zum Text
Ist jemand mit seinen Nerven am Ende, dann …
1. ist jemand überlastet.
2. ist jemand fröhlich.
3. hat jemand Schmerzen.
Wenn jemand sehr viel spricht, kann man nicht sagen: …
1. "Der/die redet ohne Ende".
2. "Der/die findet kein Ende".
3. "Der/die redet endlich".
"Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei" kann man verwenden, wenn man …
1. jemanden aufmuntern will.
2. sich über jemanden lustig macht.
3. jemanden beleidigen will.
Arbeitsauftrag
Schreiben Sie eine Geschichte über das "Ende". Sie können zum Beispiel zum Jahresende aufschreiben, was Sie in diesem Jahr alles zu Ende gebracht haben. Oder Sie berichten über jemanden, der etwas nicht am richtigen Ende angepackt hat. Verwenden Sie möglichst viele Begriffe mit "Ende" und der Silbe "end-".
Autor: Hanno Murena
Redaktion: Beatrice Warken