In der Alltagssprache werden sie oft verwendet: Redewendungen und Begriffe aus dem Mittelalter. Hier erfahren sie etwas über Waschweiber, Spießbürger, Fettnäpfchen, über das, was auf keine Kuhhaut geht – und, und, und…
Manchem müssen ordentlich die Leviten gelesen werden!
Marktschreier:
"So sei die Marktorder kundgetan, am heutigen Tage wie frei Markt gehalten werden soll. Es sei Gesetz und Ordnung, dass am Morgen eines Markttages…"
Sprecherin:
Auf einem Mittelaltermarkt in Köln wird eine Markteröffnung nachgespielt wie sie vielleicht früher einmal stattgefunden haben könnte. Der Herold spricht die Ordo, die Marktordnung in Form des Lutherdeutschen. Das eigentlich damals verwendete Mittelhochdeutsch – wie es zum Beispiel auch der berühmte Dichter Walter von der Vogelweide um 1200 sprach – würde man heute nicht mehr verstehen.
Marktschreier:
"Ihr wollt euch Meister nennen und wenn die Ordo gekündet sei, dann plauschet ihr wie die Waschweiber. Ihr seid mir aufs Strengste vermahnet, denn hernacht wollen wir zur feierlichen Zeremonei kommen, eure Meisterstück zu prüfen."
Sprecher:
Der Vergleich mit den Waschweibern wird heute noch angewendet, wenn Menschen ununterbrochen reden, und das möglichst laut und umgangssprachlich, ganz so wie man es damals bei den Wäscherinnen vermutet hat. Viele Begriffe, die wir heute allerdings noch aus dem Mittelalter kennen, beziehen sich ursprünglich auf religiöse Dinge, auf Kleidung, juristische Gewohnheiten, auf Kampfsituationen und die Art der Bewaffnung, wie der Spießbürger zum Beispiel.
Sprecherin:
Der Spießbürger war der bewaffnete Stadtbürger, der sich hinter der Stadtmauer verbarg und von dort seinen Heimatort verteidigte. Der Spieß ist eine Wurf- und Stoßwaffe, die erst im Hochmittelalter durch den Speer des Ritters verdrängt wurde. Wenn heute jemand Spießbürger genannt wird, ist das vor allem als Schimpfwort gemeint. Die Passanten erklären, was einen Spießbürger heutzutage ausmacht.
O-Töne:
"So 'n ganz normaler Tagesrhythmus ist für mich schon spießig irgendwo. Wenn ich Punkt sieben Uhr immer aufstehe, um acht Uhr immer frühstücke, um zwölf Uhr immer anfange, Mittag zu essen, freitags immer die Wohnung putze – das sind für mich Spießbürger, na klar. / Er ist verklemmt, oder er lebt für sich so abgeschlossen alleine, bisschen altmodisch – würd' ich sag'n."
Sprecher:
Ein Spießbürger kann also verklemmt sein. Wenn eine Sache verklemmt ist, beispielsweise ein Reißverschluss, dann ist sie unbeweglich und lässt sich weder öffnen noch schließen. Ein verklemmter Mensch ist also geistig unbeweglich und lehnt Veränderungen jeglicher Art ab. Er versteckt sich eben hinter einer Mauer aus unabänderlichen Normen und Regeln.
O-Ton:
"Jemand, der sehr kleinkariert denkt, der 'ne sehr pedantische Ordnung in seinem Leben hat, also jemand, der drauf achtet, dass samstags mittags um 13 Uhr 10 die Straße gefegt wird."
Sprecher:
Wer kleinkariert denkt, ist nicht besonders großzügig sondern geistig beschränkt. Der Begriff steht in Zusammenhang mit dem Millimeterpapier, das ganz kleine und enge Rechenkästchen hat.
Sprecherin:
In der mittelalterlichen Jenseitsvorstellung verzeichnete der Teufel die Sünden der Menschen auf einer Kuhhaut – so lautet die Legende. Dort war meistens auch ausreichend Platz für ein normales Sünderleben. Was nun nicht mehr auf eine Kuhhaut passte, das führte zur ewigen Höllenverdammnis.
O-Töne:
"Es gibt gewisse Dinge, sach ich, mal im Leben, wo man dann meint 'Mein Gott, der benimmt sich, dat geht wirklich auf keine Kuhhaut mehr. / Wenn man meint, also das Problem wäre so groß, dass es nicht auf eine gegerbte Kuhhaut passen würde. Übergroß, eigentlich dass man es fast nicht mehr bewältigen kann, so. / Das Kind hat sich dermaßen eingesaut und so dreckig gemacht, dass man sagt 'Mein Gott, das geht auf keine Kuhhaut mehr, wie du hier aussiehst."
Sprecher:
Mit dem Begriff Das geht auf keine Kuhhaut drückt man also auf, dass einem etwas absolut zuviel ist. Und wer sich derart schlecht benimmt, bekommt die Leviten gelesen.
Sprecherin:
Im Mönchswesen des frühen Mittelalters gehörten bestimmte Andachts- und Bußübungen zum Ordensleben. Dazu wurden Texte aus der Bibel vorgetragen, am beliebtesten war das Dritte Buch Moses, auch Leviticus, genannt. Das gab den Priestern Verhaltensmaßregeln an die Hand. Es wurden daraus aber auch Mahn- und Strafpredigten vorgetragen. Eingeführt wurden die kirchlichen Übungen vom Bischof Chrodegang von Metz im 8. Jahrhundert.
Sprecher:
Er war Kanzler des Fränkischen Reiches und wollte die damals wohl äußerst verwilderten Geistlichen bessern und zur Tugend anhalten – denen wurden dann eben die Leviten gelesen.
O-Ton:
"Als ich klein war, häufiger hörte ich diesen Ausspruch von meinen Eltern, ich les' dir jetzt gleich die Leviten, oder wenn du das und das tust, bekommst du die Leviten gelesen – heißt natürlich dann, dass man dann 'ne Strafe zu befürchten hat. Standpauke oder halt 'ne Strafe."
Sprecher:
Jemandem die Leviten lesen oder eine Standpauke halten – beide Ausdrücke meinen das Gleiche, nämlich jemanden zurechtweisen. Eine Standpauke ist eine Predigt, die im Stehen abgehalten wird. Wenn der Priester mal wieder von der Kanzel herab predigte und dabei seinen Worten Nachdruck verleihen wollte, schlug er meist mit der flachen Hand auf die Brüstung wie auf eine Pauke.
Sprecherin:
Die Studenten des 18. Jahrhunderts machten deswegen aus dem Wort Standpredigt eine Standpauke. Die folgende Marktbesucherin musste wohl öfter in ihrer Jugend solche Standpauken über sich ergehen lassen.
O-Ton:
"Da fällt mir so spontan meine Mutter ein, die öfters mir die Leviten gelesen hat, sprich also mir gesagt hat, was man tun muss, was man darf, was man nicht darf und wenn ich eben extrem über die Stränge geschlagen bin, dann hat sie mir auch extrem die Leviten gelesen."
Sprecher:
Meistens bekommt man also die Leviten gelesen, wenn man über die Stränge geschlagen hat – also übermütig und frech gewesen ist.
Sprecherin:
Das Mittelalter hat nicht unbedingt den besten Ruf. Will man heute gesellschaftliche Missstände kritisieren, die einem besonders schlimm erscheinen, sagt man über sie: Das ist ja das finsterste Mittelalter! Klar die Menschen starben damals früh, Pestepidemien entvölkerten ganze Landstriche, der Wohnkomfort war schlecht und es gab eine sehr grausame und willkürliche Rechtsprechung. So war es damals üblich, einfache Verbrecher an den Pranger zu stellen. Das heißt, man band den Verbrecher mit einem Halseisen an einen Pfahl, um ihn öffentlich auszustellen. Die heutigen Pranger sind eher in Presse, Funk und Fernsehen zu suchen.
O-Ton:
"An den Pranger stellen ist halt immer noch 'was öffentlich kundtun, was öffentlich machen, was für jemanden sehr peinlich ist. / Rufmord zum Beispiel ja, oder in der Zeitung, was so viel in der Presse geschrieben wird über die Prominenten. / Heute bringt man ihn auf die Titelseite der Bild-Zeitung, denk' ich mal und sagt 'So, das ist der Böse', oder 'Das ist der vermeintliche Verbrecher' oder so was. Auch bevor der Prozess stattgefunden hat."
Sprecher:
Wer einen Menschen oder eine Sache anprangert, der klagt an. Er deckt ein Unrecht oder verbrecherische Machenschaften auf und will damit erreichen, dass die Gesellschaft dagegen etwas unternimmt. Man kann aber auch jemanden zu Unrecht anprangern. Dann begeht man einen Rufmord. Der gute Ruf des Betroffenen wird vernichtet beziehungsweise ruiniert, weil fälschlicherweise schlechte Dinge über ihn öffentlich erzählt werden.
Sprecherin:
Nicht nur die Strafen waren im Mittelalter anders, auch die Heiratsriten. Im sogenannten Bettsprung zum Beispiel wurde der Rechtsvollzug der Eheschließung besiegelt. Eltern und Verwandte begleiteten das Ehepaar ins Schlafgemach. Erst wenn die Decke über die beiden Frischvermählten gebreitet wurde, konnte kein Zweifel darüber bestehen, dass die Ehe ihren Anfang genommen hatte. Unter einer Decke stecken hat heutzutage einen negativen Beigeschmack.
O-Ton:
"Wenn zwei oder auch mehrere sich von anderen abkapseln, zusammen irgendwas ausdenken, was aushecken, um dann zusammen zum Erfolg zu kommen, aber ohne eben dass die anderen darüber Bescheid wissen. Sie stecken dann zusammen die Köpfe unter eine Decke, um ja von allen abgeschirmt zu sein."
Sprecher:
Die Begriffe unter einer Decke stecken und aushecken haben immer auch die Bedeutung, dass etwas heimlich geschieht. Man plant einen groben Unfug oder etwas Böses, ohne dass andere es wissen. Ursprünglich war mit aushecken das Brüten der Vögel gemeint. Man bezog sich dabei auf das hackende Geräusch, das Küken machen, wenn sie aus dem Ei schlüpfen. Wer also etwas ausheckt, brütet oder denkt sich etwas aus, und er schirmt sich dabei von anderen ab. Das Verb abschirmen kommt von Schirm. Im Mittelalter bezeichnete man so den Schutzschild des Ritters beziehungsweise den fellartigen Überzug des Schildes. Heute meint das Wort abschirmen: jemand verbirgt oder schützt sich vor anderen.
Sprecherin:
Diese Mutter weiß aus Erfahrung, dass auch ihre beiden kleinen Söhne manchmal zusammen etwas planen, um sie zu ärgern.
O-Ton:
"Die stecken schon mal unter einer Decke, dass sie dann ganz verschmitzt aus ihrem Zimmer kommen und hab 'n sich was ausgedacht und ich lauf' dann so voll ins Messer rein, ne und die freuen sich dann schon ganz diebisch."
Sprecher:
Wer ins Messer rennt, wird das leichte Opfer seines Gegners, das heißt die beiden kleinen Jungen können ihrer Mutter ganz einfach einen Streich spielen – was die Mutter allerdings amüsant findet, denn sie hält die Söhne in diesem Moment für verschmitzt. Die Jungen sind also auf eine sympathische Weise schlau und listig und darüber freuen sie sich diebisch. Ihr Glücksgefühl ist so groß wie das eines Diebes, der erfolgreich gestohlen hat.
Marktfrau:
"Die holde Maid hat einen Eichenwald-Honig gewählet und zweieinhalb Taler noch klein dabei. So wär's wohl trefflich. Er wär' kräftig vom Geschmacke, ein wenig süß, aber nicht zu sehr…"
Sprecherin:
Das Leben im Mittelalter war nicht allzu komfortabel. Nur der Hochadel aß üppig und delikat. Kleine Burgherren und Bauern selbst hatten Honig wohl selten im Haus. Die Burgen waren ungemütlich und zugig. Man hatte außerdem ständig mit Ungeziefer und Ratten zu kämpfen. Aus diesem Grunde hängte man beispielsweise Schinken an Haken unter der Küchendecke auf. Unter die dicken Schinken stellte man Näpfchen, um das wertvolle und leckere Fett, das heruntertropfte, aufzufangen und wieder zu verwenden.
Sprecher:
Wer sich in der Küche besonders dumm anstellte, der trat in ein Fettnäpfchen und machte sich damit keine Freunde, denn das Fett war nun verdorben. Dem heutigen Zeitgenossen stehen auch überall Fettnäpfchen im Weg und wenn er ihnen nicht mehr ausweichen kann, dann wird's ganz schön peinlich.
O-Ton:
"Ich wusste halt von einer gewissen Sache und ich hab' direkt danach gefragt, obwohl ich ganz genau wusste, dass die andere Person nicht gut drauf zu sprechen war. Das war natürlich voll ins Fettnäpfchen getreten."
Sprecher:
Wenn man ins Fettnäpfchen getreten hat, dann hat man sich ziemlich unsensibel verhalten und den anderen seelisch verletzt.
O-Ton:
"Ins Fettnäpfchen treten verstehe ich so, dass wenn man unbewusst bei jemandem einen wunden Punkt berührt und 'nen Thema zu berühren, was für den anderen sehr peinlich ist. Also es gibt Leute, die haben die Tendenz, dann knallrot zu werden. Ich werd' dann immer etwas verlegen."
Sprecher:
Wer ins Fettnäpfchen tritt, berührt bei jemandem einen wunden Punkt. Ein wunder Punkt ist eine Stelle am Körper, die, wenn man sie anfasst, weh tut. Die Seele des Menschen kennt solche Punkte auch, und wenn man diese berührt, wird der Mensch ziemlich ärgerlich und der Fettnäpfchentreter knallrot im Gesicht – ein Vorgang, der darauf schließen lässt, dass ihm diese Situation unangenehm ist.
Sprecherin:
Zum Schluss noch eine kleine Anmerkung zur Mode. Im Spätmittelalter waren die Ärmel der Kleidungsstücke oft sehr weitgeschnitten und dienten als Taschen. Man konnte also Geldstücke oder Briefe tatsächlich aus dem Ärmel schütteln wie ein Zauberkünstler. Auch wenn die Kleider heute enger sind, gibt es immer noch Menschen, die ganz leicht etwas aus dem Ärmel schütteln können.
O-Töne:
"Etwas aus dem Ärmel schütteln würde ich verstehen, wenn ich ganz spontan etwas sagen oder tun muss, ohne mich vorbereitet zu haben. / Aus dem Stegreif einfach raus. / Wenn jemand also in der Lage ist, sich Sachen sehr schnell zu erarbeiten ohne dafür groß in dem Sinne pauken zu müssen."
Sprecher:
Wenn man etwas aus dem Stegreif macht, dann braucht man weder Vorbereitung noch eine Textvorlage. Stegreif ist ein altes Wort für Steigbügel. Die Wendung meinte ursprünglich, man macht etwas sofort vom Pferderücken aus, ohne herunterzusteigen. Man tut also im übertragenen Sinne etwas, ohne sich groß vorzubereiten, ohne zu pauken. Pauken ist ein anderes Wort für das sehr angestrengte Lernen. Entwickelt wurde es aus dem Begriff des Paukers. So nennt man manchmal die Lehrer, weil sie früher lernunfähige Schüler bestraften, indem sie auf ihr Hinterteil schlugen wie auf eine Pauke. Wir schlagen jetzt nicht mehr auf die Pauke, sondern verabschieden uns einfach aus dem Stegreif, spontan und ohne vorherige Übung und hoffen, dass Sie nicht an den Pranger gestellt werden und vor allem in kein Fettnäpfchen treten.
Fragen zum Text
Jemand, der einem anderen einen Streich spielt, kann …
1. sich diebisch freuen.
2. als Waschweib auftreten.
3. den Streich aus dem Ärmel schütteln.
Pauke ist …
1. eine Schule.
2. ein Musikinstrument.
3. das angestrengte Lernen.
Tritt jemand in ein Fettnäpfchen, dann verhält sich jemand …
1. ungehorsam.
2. ungemein höflich.
3. ungeschickt.
Arbeitsauftrag
Ergänzen Sie die passenden Redewendungen und Begriffe:
Anna stand an der Tafel und konnte die Fakten zum Fall der Berliner Mauer aus _______ vortragen. Sie hatte dafür lange _______. – Paul kam später nach Hause, als er mit seiner Mutter vereinbart hatte. Sie _______ihm gründlich _______ und sagte: "Das, was du gemacht hast, geht _______!" Paul erzählte seiner Mutter dann, dass er seinen Freunden eine _______ gehalten habe, weil diese Anna öffentlich _______ wollten, denn sie sei sehr klug. Das habe er ihr auch gesagt. Dabei sei Anna _______ geworden. Er habe dann Angst gehabt, dass er jetzt in _______ sei und bei ihr einen _______ berührt habe. Anna habe ihm gesagt, dass die anderen alle _______ sind. Es mache ihr nichts aus.
Autorin: Sigrun Stroncik
Redaktion: Beatrice Warken