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Alltagsdeutsch

Rabenmütter

Wer einen Vogel hat, besitzt keinen Vogel, sondern bei dem piept's...Vergleicht man Menschen mit Vögeln, ist das kein Kompliment. Wenn ihnen sogar Eigenschaften von Raben zugeschrieben werden, ist das noch unhöflicher.

Eine Krähe im Japan-Trikot

Können Krähen auch Rabenmütter sein?

Sprecherin:

Der Rabe gehört zu den Singvögeln und das, obwohl seine Rufe doch ziemlich heiser und krächzend sind. Sein Name ist ursprünglich eine lautmalerische Nachbildung seines nicht gerade stimmgewaltigen Schreiens. Der Rabe hat einen starken Schnabel und in der Regel ein schwarzes Gefieder. Rund hundert verschiedene Arten von Raben gibt es auf der Welt, darunter hierzulande neben dem Kolkraben die Aaskrähe – ein Vogel, der als Galgenvogel von totem Tier lebt und sich früher besonders gern an den Richtstätten herumtrieb.

Sprecher:

All das sind keine besonders schmeichelnden Eigenschaften. In Bonn gibt es eine kleine Theatergruppe, die sich nach dem dunklen Vogel benannt hat. Vor mehr als 20 Jahren taufte Hans-Dieter Ilgner sein Experimentiertheater auf den Namen "Die Raben". Wie er darauf kam? Zunächst einmal wohl deswegen, weil er selber Ähnlichkeit mit dem großen Singvogel hat: Sein Gesicht ist schmal, eingerahmt von struppigen grauen Haaren, und seine Augen fixieren den Betrachter mit bestechender Schärfe. Fast genauso sehen die vielen Raben aus, die Hans-Dieter Ilgner in düsteren Farben malte und die seit mehr als 20 Jahren das Portal seines Theaters schmücken.

Hans-Dieter Ilgner:

"Jeder von denen hat eigentlich irgendeine Charakteristik. Die sehen ähnlich aus, aber die sind nicht gleich. Das ist uns auch wichtig, dass wir viele unterschiedliche Menschen haben. Unterschiedliche schräge Vögel. Wir sind unverständlich, wir sind schräg, wir passen nicht ins System. Die freien Theater sind in Deutschland, in den 70er, 80er Jahren entstanden, wir waren contra. Das hat sich heute gewandelt. Aber wir beharren eigentlich als Theater "Die Raben" auf diesem Status. Wir wollen da vogelfrei bleiben."

Sprecherin:

Gelegentlich werden Menschen mit einem Vogel verglichen. Weil es wahrscheinlich so viele unterschiedliche Menschen wie Vögel gibt, fügt man oft noch ein Eigenschaftswort hinzu: Es gibt komische, schräge oder auch lockere Vögel.

Sprecher:

Bereits im 15. Jahrhundert nannte man einen ausgelassenen oder liederlichen Menschen einen losen Vogel. Die Herkunft dieses Adjektivs dürfte weitgehend unbekannt sein. Der Vogel - genauer der Vogelschnabel - ist in der Vulgärsprache ein Name für den Penis. Ein loser oder lockerer Vogel ist also ein Frauenheld.

Sprecherin:

Luther verweist darauf, dass es kaum kluge Fürsten, seltener noch fromme Fürsten gebe und nennt sie von daher seltsame Vögel.

Sprecher:

Der Vergleich zwischen Vögeln und Menschen hat wahrscheinlich folgenden Ursprung: Nach altem Volksglauben wurde die Geistesgestörtheit einer Person dadurch verursacht, dass Tiere, vornehmlich Vögel, in ihrem Kopf nisteten.

Sprecherin:

Diese Vorstellung zeigt sich auch in umgangssprachlichen Wendungen wie: "Du hast wohl einen Vogel!", "Bei dir piept´s wohl!"

Sprecher:

Positiv belegt hingegen ist die bildliche Redensart vogelfrei sein oder auch der Vergleich frei sein wie ein Vogel. Ursprünglich war damit gemeint, frei von allen Diensten für seinen Herrn zu sein. Heute ist jemand frei wie ein Vogel, wenn er bar jeglicher sozialer Verpflichtungen ist. Früher gab es auch den Ausdruck jemanden für vogelfrei erklären. Die Wendung geht darauf zurück, dass Körper von Geächteten kein Recht auf eine ordentliche Bestattung hatten, also den Raubvögeln zum Fraß überlassen blieben.

Sprecherin:

Was die Aufzucht seiner Jungen anbetrifft, unterstellt man den Raben eine lieblose, zuweilen auch brutale Brutpflege. Lange Zeit war die Vorstellung verbreitet, dass Raben einen Teil ihrer Jungen aus dem Nest werfen, wenn sie nicht genug Futter herbeischaffen können. Besonders dem Weibchen wirft man ein außergewöhnliches Einzelgängerdasein vor. Anstatt sich aufopferungsvoll um seine Jungen zu kümmern, treibt sich der Vogel lieber allein herum, heißt es.

Hans-Dieter Ilgner:

"Ja, das ist eine Lüge. Das ist die schlichte Unwahrheit, weil die eine ganz tolle Brutpflege auch haben. Es gibt natürlich die Rabenväter, Rabenmütter, Rabeneltern, das Schwarze, das Dunkle."

Sprecher:

Rabeneltern sind demnach im übertragenen Sinne Eltern, die sich nicht ausreichend um ihre Kinder kümmern. Das schlechte Bild, das wir von den Raben haben, reicht weit zurück in die Kulturgeschichte. Die früheste Nachricht vom Volksglauben an die Lieblosigkeit der Raben steht im Talmud. Hier befinden sich allerdings zahlreiche Nachrichten, die es mit der zoologischen Genauigkeit nicht ganz so ernst nehmen. Auch in der Bibel werden hungrige, von ihren Eltern verstoßene Rabenjungen erwähnt. Im 38. Kapitel des Alten Testaments heißt es in Vers 41 in der Rede Gottes zu Hiob:

Zitatorin:

"Wer bereitet dem Raben seine Nahrung, wenn seine Jungen schreien zu Gott und umherirren ohne Futter?"

Sprecher:

Daraus wurde von Bibeldeutern – unter anderem auch von Luther - der falsche Schluss gezogen, schon im Alten Testament sei gesagt, dass die Raben ihre Jungen vernachlässigen würden.

Sprecherin:

Seit der Mitte des 16. Jahrhunderts findet sich der stets negativ gemeinte Begriff der Rabeneltern dann auch in Erziehungsratgebern wieder. Rabeneltern sind fortan Väter und Mütter, die sich ihren Kindern gegenüber lieblos verhalten, sie sogar vernachlässigen.

Sprecher:

Dabei sieht das Familienleben der Raben ganz anders aus: Kolkraben, die in lebenslanger Ehe zusammenhalten, kümmern sich geradezu fürsorglich um ihre Jungen. Die Rabenmutter wärmt sie in den ersten beiden Lebenswochen ununterbrochen und frisst erst, wenn sie ihre Jungen versorgt hat.

Sprecherin:

Da in Deutschland die Kindererziehung größtenteils noch immer den Frauen überlassen wird, denkt man bei den Rabeneltern vor allem an die Mütter, die ihrer Sorgfaltspflicht nicht nachkommen, erklärt Michael Wagner, Professor für Familiensoziologie an der Universität Köln.

Michael Wagner:

"Rabenmütter – wenn man mal in der Vogelsprache bleibt, dann wären das eigentlich Mütter, die ihr Kind relativ früh aus dem Nest werfen, sobald es flügge geworden ist. Wenn ich das mal übertrage jetzt auf die Familie, wenn diese Rabenkinder relativ früh aus dem Nest geworfen werden, dann würde das eigentlich bedeuten, dass es Mütter gibt, die ihre Kinder möglichst früh drängen auszuziehen, um einen eigenen Haushalt zu gründen. Das ist auch überhaupt nicht der Fall, im Gegenteil. Nesthocker sind gegenwärtig weiter verbreitet, als es früher der Fall war."

Sprecher:

Das Vogelnest ist eine sehr alte Metapher für die Familie und ihr Heim. Mit dem Nesthocker verbindet sich eine negative Vorstellung. Wie einige Vogeljungen sehr lange im Nest verbleiben und sich von den Eltern füttern lassen, leben manche Jugendliche im elterlichen Haus, das sie als Hotel Mama genießen und sich verwöhnen lassen. Obwohl sie manchmal schon fast erwachsen sind, werden Nesthocker nicht flügge.

Sprecherin:

Vom Nesthäkchen spricht man nur wohlmeinend. Das Nesthäkchen ist eine Verkleinerungsform des Nesthockers, es ist das jüngste Kind einer Familie. Über die Familie sagt man in der Regel nichts Schlechtes, weil man das eigene Nest nicht beschmutzen will. Als Pate für den Nestbeschmutzer galt der Wiedehopf. So schreibt der mittelalterliche Dichter Muskatblüt:

Zitatorin:

"Duostu selbe in din eigen nest

Du glichest wol dem wedehopen,

wa du dan sitzest oder stest,

Darin so muostu knoppen."

Sprecher:

Und in einem alten Büchlein zur Ehezucht, wie es damals hieß, ist zu lesen:

Zitatorin:

"Dan was ist dieses für eine Viehische Wildhopfenart, sein eygen Nest zu bescheyssen?"

Sprecher:

Nichts deutet darauf hin, dass sogenannte Rabenmütter, also Mütter, die neben der Erziehung ihrer Kinder auch arbeiten, ihre Kinder vernachlässigen. Dennoch schränkt der Familiensoziologe Michael Wagner ein:

Michael Wagner:

"Man kann aber auch nicht sagen, dass jetzt in allen deutschen Familien nun hier Nestwärme vorhanden ist und es allen Kindern in den Familien gut geht. Also es gibt eine ganze Reihe von Familien, in denen das Verhältnis zwischen den Eltern und den Kindern auch gestört ist oder eben nicht vertrauensvoll ist. Oder auch, wo die Eltern die Kinder vernachlässigen, zum Teil auch vernachlässigen müssen. Gerade auch alleinerziehende Mütter haben es häufig ökonomisch schwer. Zum Beispiel das Armutsrisiko ist besonders groß, wenn die Kinder nur mit einem Elternteil zusammenleben. Also in der Regel ja nur mit der Mutter."

Sprecherin:

Hat jemand keine oder zu wenig Nestwärme erfahren, ist ihm von den Eltern zu wenig Zuwendung gegeben worden, was eine Fehlentwicklung eines jungen Menschen zur Folge haben kann.

Sprecher:

Wenig nett ist die Redensart gemeint, sich ins warme Nest zu setzen. Das heißt, reich einzuheiraten oder sich durch Heirat eine beruflich vorteilhafte Stellung zu verschaffen. Zugrunde liegt dieser Wendung die Vorstellung von Vögeln, die in fremde Nester eindringen. "Er tut es nicht um den Vogel, er tut es um das Nest", unterstellt man einem solchen Bräutigam.

Sprecherin:

Besonders die Handwerksgesellen des 18. Jahrhunderts bedienten sich – ob spöttisch oder neidisch – dieses Bildes. In jener Zeit war an vielen Orten in Deutschland die Meisterzahl beschränkt. War kein Sohn da, um die Werkstatt nach dem Tod des Vaters weiterzuführen, konnte ein tüchtiger Handwerksgeselle die Witwe oder die Tochter heiraten und so das Geschäft übernehmen. Bauen sich junge Leute ein Nest, so richten sie die eigene Wohnung ein.

Sprecher:

Auch in der Tierwelt gibt es unter den Raben wahre Nesthocker. Erst wenn sich die Jungen selbständig ernähren können, trennen sich die Altvögel von ihnen. Man kann also sagen: Raben sind im Familienverhalten sehr viel besser als ihr Ruf. In der Welt der Mythen ist gelegentlich auch von den positiven Eigenschaften der Raben die Rede, weiß Hans-Dieter Ilgner.

Hans-Dieter Ilgner:

"Der alte nordische Gott Odin ist von zwei Raben begleitet, die neugierig durch das Land fliegen, ihm Nachrichten zutragen. Der Rabe geht durch alle Kulturen, durch die ganze Welt, er ist ein sehr neugieriger Vogel und war immer an Opferstätten zu finden unter den Hinrichtungsplätzen, was sich heute für uns ganz einfach erklärt: Aasfresser und eben auch Früchte, Feldfrüchte, alles was geopfert wurde. Und insofern ist der Rabe eben ein Sammler. Und dann, wenn man sammelt, kommt man ganz schnell in den Verdacht, dass man Dinge sammelt, die vielleicht auch anderen gehören könnten. Aber mit geistigem Eigentum ist das immer so eine Sache. Er nimmt sich halt dies und das, dieser Vogel. Und wir sprechen ja immer auch dann in Bildern, Metaphern, und da ist eben klauen wie ein Rabe, das ist so eine."

Sprecherin:

Wie den Elstern, wird auch den Raben nachgesagt, dass sie diebisch seien. Der redensartliche Vergleich stehlen – oder auch klauenwie die Raben ist schon um 1500 belegt. Dass der Rabe Zeuge vieler Hinrichtungen war, belegt bis heute der Ausspruch "Dass dich die Raben fressen!". Weniger geläufig ist das Schimpfwort Rabenaas für jemanden, der einem nichts wert ist.

Sprecher:

Das Theater "Die Raben" wird seinem Namen immer dann besonders gerecht, wenn es Pantomimen-Stücke zeigt. Dann hüllen sich die Darsteller in schwarze – man könnte auch sagen kohlrabenschwarze -, enge Trikots, so dass nur noch ihre Gesichter und Hände aus dem Dunkeln hervorblitzen. Hans-Dieter Ilgner verbindet neben seinem Aussehen aber noch eine weitere Gemeinsamkeit mit dem großen schwarzen Vogel:

Hans-Dieter Ilgner:

"Ich hab eine zu große Klappe. Das macht mir manchmal auch Schwierigkeiten. Aber die Raben sind auch lautstark, und die behaupten sich, die zeigen sich, die verstecken sich nicht."

Sprecherin:

Das Wort Klappe wird in mittel- und norddeutschen Mundarten häufig für den Mund gebraucht. Hat jemand eine große Klappe, schwingt er große Reden, führt das große Wort. Über einfach alles spricht er übertrieben. Wer eine große Klappe hat, ist ein Besser- und Alleswisser.

Sprecher:

Auch Theatermacher reden viel, nicht selten laut und auch übertreibend. Zumindest einige von ihnen jedoch wissen dem Publikum Geschichten zu erzählen, die von gesellschaftlicher oder auch politischer Bedeutung sein können. Für sie gilt deshalb - zumindest nicht immer - der Ausspruch: "Große Klappe, nichts dahinter!".

Sprecherin:

Nachdem die Kolkraben vor dreißig Jahren noch vorm Aussterben bedroht waren, haben sie sich seit einigen Jahren wieder tüchtig vermehrt. Eigentlich eine gute Nachricht. Allerdings verhalten sich die Raben bei ihrem Selbsterhaltungstrieb nicht gerade vorbildlich: Sie sollen nämlich die Nester kleinerer Singvögel plündern und sich sogar an Lämmern vergreifen. Vielleicht gibt es also doch Raben, denen der schlechte Ruf dieser Vogelart gerecht wird.

Fragen zum Text

Wenn sich Eltern nicht genug um ihre Kinder kümmern, dann nennt man sie…

1. vogelfreie Eltern.

2. Rabeneltern.

3. Nesthäkchen.

Welcher junge Mensch wird als Nesthocker bezeichnet?

1. Ein junger Mensch, der sein eigenes Nest hat.

2. Ein junger Mensch, der viele Vögel in einem Nest besitzt.

3. Ein junger Mensch, der noch immer bei seinen Eltern wohnt.

Wenn jemand eine große Klappe hat, dann…

1. kann er/ sie laut rufen.

2. sagt er/ sie kein Wort.

3. schwingt er/ sie große Reden.

Arbeitsauftrag:

Loser Vogel, klauen wie ein Rabe, Nestbeschmutzer – erklären Sie diese und zwei weitere Ausdrücke aus dem Text.

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