Im Internet entsteht seit vier Jahren mit "Wikipedia" eine mehrsprachige Enzyklopädie, an der jeder, der will, mitschreiben kann. Diese Offenheit bringt aber auch Probleme mit sich.
Angefangen hat alles mit einem Traum: Ein Lexikon, das für jeden frei zugänglich ist, ohne Schranken, ohne Kosten - und das immer besser wird, weil möglichst viele an ihm mitschreiben. Jimmy Wales, der Gründer von Wikipedia, hat sich dafür die freie Software Linux zum Vorbild genommen; und als er in den späten 1990er-Jahren mit ein paar Aktien am Neuen Markt in kurzer Zeit ein kleines Vermögen verdient, kauft er sich vier Hochleistungs-Server, richtet sich eine Internet-Domain ein, www.wikipedia.org, und legt los.
Heute, gut vier Jahre später, gibt es Wikipedia in 80 Sprachen - auf Englisch, Französisch oder Chinesisch genauso wie auf Urdu oder Walisisch. Hinter dem Erfolg steht ein ungezähltes Heer unbekannter Freiwilliger.
Wikipedia sieht sich als "Enzyklopädie von unten" und trägt Streitigkeiten offen aus. Und die tauchen immer dann auf, wenn Lexikoneinträge etwas mit Politik zu tun haben - jüngstes Beispiel: die israelischen Befestigungsanlagen an der Grenze zu Palästina. "Da fängt der Streit tatsächlich schon beim Begriff an: Soll man das ganze nun - mit abwertendem Unterton - 'Mauer' nennen, oder doch eher, wie es die israelische Regierung tut, 'Anti-Terror-Zaun'?" erzählt Schindler von der Debatte. Das Web-Lexikon wolle neutral sein. "Wir haben uns dann auf den Begriff 'israelische Sperranlage' geeinigt, dem Artikel dann aber noch einen Absatz hinzugefügt, der auch alle anderen Bezeichnungen auflistet und erklärt."
Gerade diese Offenheit für Streit und Diskussion macht Wikipedia auch angreifbar. Denn egal ob Autodidakt oder hochdekorierter Wissenschaftler: Jeder, der sich dazu berufen fühlt, kann hier neue Artikel anlegen oder alte korrigieren. Einzige Kontrollmöglichkeit: Alle Artikel-Versionen werden gespeichert, so dass man jede Änderung nachvollziehen kann. Fehler sollten sich so mit der Zeit von selbst korrigieren, argumentieren die Anhänger von Wikipedia.
Die Erfahrung lehrt das Gegenteil. Daraus will man nun Konsequenzen ziehen: Wikipedia wolle ein Modell schaffen, in dem man eine gelungene Version eines Artikels als stabil festhalten könne. Die wäre dann vielleicht nicht auf die Minute aktuell, könnte dafür aber ein höheres Maß an Sicherheit bieten.
GLOSSAR:
loslegen – anfangen
gut vier Jahre später – etwas mehr als vier Jahre später
Streitigkeiten offen austragen – offen streiten / diskutieren
auftauchen – sichtbar werden
jüngstes Beispiel – das aktuellste Beispiel
gerade diese Offenheit – besonders / ausgerechnet diese Offenheit
der Autodidakt – jemand, der sich etwas selbst, ohne Lehrer, beibringt / beigebracht hat
hochdekoriert – mit vielen Auszeichnungen
jeder, der sich dazu berufen fühlt – jeder, der glaubt, dass er das kann; jeder, der möchte
mit der Zeit – nach und nach
Die Erfahrung lehrt das Gegenteil. – Die Erfahrung beweist / zeigt das Gegenteil.
aus etwas Konsequenzen ziehen – aus einer Sache Folgerungen ziehen und sich in der Zukunft danach richten